„Nach zig Fehlsprüngen triffst du auch mal die Wand“

Thomas Willenberg springt auf die Waitzdorfer Zinne
Volle Körperspannung beim Sprung auf die Waitzdorfer Zinne: Thomas Willenberg (42) sieht Abgründe als sportliche Herausforderung. (Foto: Hartmut Landgraf)

Ein Sprung über den Abgrund ist für die meisten Menschen ein Albtraum. Für Thomas Willenberg ist es ein Sport. Der Sachse betreibt diese Facette des Kletterns bis zum Exzess – und erntet oft Kopfschütteln. Ein Gespräch mit einem Mann, über den es viel Gerede gibt – und den wenige wirklich kennen.

Thomas Willenberg Portrait
Thomas Willenberg. (Foto: Hartmut Landgraf)

Thomas, der Sprung auf die Waitzdorfer Zinne ist ein gewaltiger Satz – ein Fünfer. Vor nicht allzu langer Zeit waren Sprünge der Schwierigkeitsstufe vier noch das höchste der Gefühle im sächsischen Klettersport. Du hast einige deiner Sprünge sogar mit Sieben bewertet – wie muss man sich das vorstellen?

Es geht nicht allein um die Weite, die Schwierigkeit hängt auch davon ab, von wo und wohin du springst. „Gefühlsgenerator“ zum Beispiel ist ein Siebener-Sprung zum Vergessenen Turm. Dort musst du erstmal ein Stück Wand im siebten Schwierigkeitsgrat runterklettern, um überhaupt zum Absprungpunkt zu gelangen. Dann nimmst du mit einem Kreuzschritt Schwung am Fels und versuchst aus einer Drehung heraus die gegenüberliegende Wand anzuspringen. Dort gibt es zwei Löcher, wo man sich festhalten kann.

Und wenn man sie nicht erwischt?

Dann testest du deine Sicherung. So geht das am Anfang über mehrere Tage, bis du nach zig Fehlsprüngen ins Seil irgendwann die Wand triffst. Beim ersten Mal faltet es dich noch gewaltig zusammen, aber es kommt der Moment, wo du die Griffe auch halten kannst.

Wie oft schlägst du dir bei sowas die Knochen auf?

Es gab schon ein paar Prellungen und Schürfwunden, aber ernste Verletzungen hatte ich noch nie. Vielleicht, weil ich recht stabil gebaut bin – oder ich hatte einfach nur Glück.

Du machst nicht nur extrem weite Sprünge, sondern kletterst auch Wände, die sonst kaum jemand schafft – Erstbegehungen bis zum zwölften Grad. Manche wollen´s gar nicht glauben…

Ich weiß. Ich lege aber keinen Wert darauf, mit meinen Sachen groß rauszukommen. Klettern ist für mich nichts weiter als ein schöner Dialog mit mir selbst – ein Teil von mir, aber mehr auch nicht. Und wer an meinen Routen zweifelt, der soll sie nachklettern und meinetwegen runterstufen, wenn er sie bringt und meint, sie seien zu hoch bewertet.

Am Absprungpunkt
Am Absprungpunkt…
Schwung nehmen
Schwung nehmen…
Über die Kluft
Die Kluft zwischen der Waitzdorfer Zinne und dem benachbarten Massiv ist schätzungsweise zwölf Meter tief und gut vier Meter breit.
Harte Landung
Harte Landung… In Sekundenbruchteilen entscheidet sich, ob der Schwung ausreicht, um die Gipfelkuppe zu packen.
Und festhalten
Und festhalten… (5 Fotos: Hartmut Landgraf)

Am Müllerstein hast du 2011 mit der „Fliegenden Windmühle“ ein Markenzeichen gesetzt. Ein Jahr später kam Robert Leistner und fand aufbauend auf deiner Route einen direkten Aufstieg durch die Nordwand: Circus Maximus – eine XIb – lange galt der Weg als das Nonplusultra im Elbsandstein.

Links davon hab ich erst im vorigen Jahr ein Projekt beendet: „Harlekin im Januskopf“ – das war deutlich schwerer als die Windmühle und auch schwerer als Circus Maximus…

Da wird es wieder Zweifel geben. Ist dir das egal?

Früher hat mich sowas geärgert. Inzwischen ist es mir schnuppe. Ich weiß schon, was in der Szene passiert, tue aber nichts dafür, um mich dort sehen zu lassen oder dazu zu gehören. Ich bin kein Herdentier, sondern jemand, der sich nicht einbiegen lässt. Deswegen ecke ich auch immer ziemlich viel an – und manchmal werde ich erst nach Ohrfeigen schlau. Das gehört irgendwie zu meinem Leben.

So redet ein Einzelgänger. Früher warst du viel mit Matthias Gäbler klettern, bis er 2009 tragisch verunglückte. Hat dich das verändert?

Das war ein tiefer Einschnitt, denn wir haben uns nicht nur beim Klettern gut verstanden, sondern auch auf anderen Ebenen. Etliche meiner früheren Erstbegehungen waren aus heutiger Sicht keine Bereicherung für den Sport. Auf manche könnte ich problemlos verzichten. Seit Matthias´ Tod fordere ich mehr Selbstdisziplin, Strenge und Regeltreue von mir. Er war ein Mensch, mit dem ich ganz viel in Gedankenaustausch stand. Mit dem ich zum Beispiel meine Leidenschaft fürs Malen teilen konnte. Wir haben manchmal lange über ein Bild philosophiert. Über Einöden und Wüsten. Die Karawane, die im Nichts verschwindet, scheinbar ziellos, ohne Wiederkehr – was hat sie gesucht, was wird sie dort finden…?

Wird man als Extremkletterer zwangsläufig philosophisch?

Ich finde, darum wird ein zu großes Bohei gemacht. Beim Klettern kann man über Möglichkeiten der Absicherung sprechen – über Griffe und einzelne Züge. Es ist ein schöner Sport, aber keine Philosophie, dafür hat es zu wenig. Es gibt ganz andere Themen, über die es sich lohnt nachzudenken: zeitgeschichtliche Dinge, die gerade um uns herum passieren. Die Flüchtlingskrise zum Beispiel – dieser Exodus von Hunderttausenden Menschen. Ich male gerade ein Bild darüber…

Das wäre doch ein schönes Foto – du an der Staffelei…

In mein Atelier darf außer mir selbst nur meine Frau. Da gibt es zu viele Rudimente meines alten Daseins – zum Beispiel Zigarettenstummel, die dort noch rumliegen, obwohl ich schon seit vielen Jahren nicht mehr rauche.

Du bist 42, seit Kurzem stolzer Vater, dein Sohn ist zehn Monate alt. Neben dem Klettern gibt es andere Dinge, die deine Kraft und Zeit erfordern…

Der Abnabelungsprozess hat schon begonnen. Noch kann ich meine volle Leistung abrufen, aber nicht mehr drei Tage hintereinander wie früher. Ich brauche deutlich längere Regenerationszeiten. Aber das ist egal, weil ich auch Freude an anderen Dingen finde. Ich habe wieder angefangen, Gitarre zu spielen und fahre mit der Familie gerne ans Meer. Wir gehen spazieren, entdecken viel Neues, sammeln Fossilien…

Ein ausführliches Portrait über Thomas Willenberg erscheint in der 2. Printausgabe des SANDSTEINBLOGGERS im Herbst. >>> Infos zur Erstausgabe

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