„Wir hatten Glück – aber das Risiko ist zu hoch“

Riders on the Storm - Mayan und Ines in der Wand
Riders on the Storm - Die Strapazen sind ihnen anzusehen: Mayan Smith-Gobat (links) und Ines Papert. (Foto: Thomas Senf)

Film-Premiere beim Bergsichten-Festival: Ines Papert und Mayan Smith-Gobat klettern „Riders on the Storm“ in Patagonien. Der Sandsteinblogger sprach mit der Eiskletter-Weltmeisterin über eine der spektakulärsten Wände der Welt – und deren Schattenseiten.

Für Kletterer hat die Vorhölle einen Namen: Patagonien. Ein sturmgepeitschter Ort ganz im Süden des amerikanischen Kontinents – gewaltig, eisig, bedrohlich. Lauthals verdammt und heimlich ersehnt. Atemberaubend steile Granitberge mit 3000 Meter hohen Gipfeln, schroffe, sagenhaft glatte Wände. Gefährliche Gletscher und unberechenbare Wetterlaunen. Ein extremes Erlebnis selbst für Extremkletterer. Im Januar 2016 brechen zwei Frauen auf, um an diesem berüchtigten Pol der Sehnsucht Geschichte zu schreiben: die Neuseeländerin Mayan Smith-Gobat und die Deutsche Ines Papert, aufgewachsen in Sachsen und mehrfache Eiskletter-Weltmeisterin. Ihr Ziel: „Riders on the Storm“, eine extrem schwierige 1300-Meter-Wand am Torre Central, erstbegangen vor 25 Jahren von der seinerzeit besten deutschen Seilschaft: Bernd Arnold, Kurt Albert, Wolfgang Güllich. Papert und Smith-Gobat wollen den Coup nicht nur wiederholen, sondern ihn sogar noch toppen – und die gesamte Route frei und ohne technische Steighilfen klettern. Ein Gespräch über Grenzerfahrungen, Naturgewalten, die Leidenschaft Klettern – und Risiken, die nicht mehr beherrschbar sind.

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Portrait Ines Papert
Ines Papert wurde 1974 in Wittenberg geboren, wuchs im nordsächsischen Bad Düben auf und lebt heute in Bayerisch Gmain.
Zum Klettern kam die gelernte Physiotherapeutin relativ spät, steigerte sich dann aber schnell in den Sport hinein, vor allem ins Eisklettern.
2001 gewann sie das erste Mal den Weltcup im Eisklettern, hängte ihren Beruf an den Nagel und startete eine Profikarriere. Viermal wurde sie Weltmeisterin. (Foto: Frank Kretschmann)

Ines, für eine Eiskletter-Weltmeisterin wie dich muss Patagonien ja so was wie das gelobte Land sein. Wie oft warst du schon dort?

In diesem Jahr zum ersten Mal. Das Problem mit dem Wetter hat mich lange abgeschreckt. Die Geschichten von anderen Kletterern, die dort fünf Wochen waren und nichts machen konnten – keinen Gipfel. Bei uns war es nicht so schlimm. Mit dem Wetter hatten wir ziemliches Glück…

 „Riders on the Storm“ – nach der legendären Seilschaft Arnold, Albert, Güllich gelang es in 25 Jahren nur drei anderen Teams, diese Route zu wiederholen. Immer waren es Männer – und die schwierigsten Passagen wurden mit technischen Steighilfen wie Strickleitern und Haken geklettert. Die fünfte Begehung wäre an sich schon eine enorme Leistung gewesen. Aber sowas frei machen zu wollen, ist eine echte Ansage! Ähnlich wie Lynn Hill, die 1993 der Männerwelt an der Nose davonkletterte. War das der Reiz?

Der Reiz war, erstmal überhaupt da hoch zu kommen. Ich war mir schon bewusst, was für eine Weltklasseleistung das seinerzeit war. Und sie haben ja auch viele Längen frei klettern können. Das gleiche Ziel hatten wir uns auch gesteckt. Ich hatte vorher mit Bernd Arnold über die Route gesprochen. Ich fragte ihn, ob er glaube, dass man sie komplett frei machen kann. Er hielt das für möglich – sehr, sehr schwierig zwar und zeitaufwändig – aber möglich. Daraufhin haben wir unsere Sachen gepackt.

Ein gewaltiges Bollwerk aus Granit: Die 1300 Meter hohe Ostwand des Torre Central.
Ein gewaltiges Bollwerk aus Granit: Die 1300 Meter hohe Ostwand des Torre Central (Mitte). (Foto: Franz Walter)
Schwer bepackt auf dem Weg zum Berg
Schwer bepackt auf dem Weg zum Berg. Jedes Gramm will gut überlegt sein. (Foto: Franz Walter)

In Patagonien ist das Wetter ein ganz launischer und unzuverlässiger Begleiter – gibt es im Profibergsteigen so etwas wie einen Plan B, wenn ein Projekt nicht realisierbar ist?

Manchmal habe ich einen Plan B, aber für so eine geniale Linie gibt es einfach keinen. Wir haben uns speziell darauf vorbereitet und eingestimmt, da wird dann noch eine Einklettertour gemacht und dann geht´s ans eigentliche Ziel. Natürlich besteht die Gefahr, dass man dabei scheitert. Das wissen auch meine Sponsoren. Es ist immer ein Teil der Unternehmungen. Es gab schon Projekte, von denen ich erfolglos zurückgekommen bin – aber die Sponsoren standen trotzdem hinter mir und haben meine Ideen und Ziele weiter unterstützt. Wenn ich mit dem Gefühl losfahren würde, ich muss das Ding machen, würde ich wahnsinnig werden. Mit dem Druck könnte ich nicht leben.

Anfangs hattet ihr ein erstaunlich stabiles Schönwetter-Fenster. Wie hast du die Tour erlebt?

Sie ist sehr, sehr vielfältig. Die Route hat alle Spielarten, die man im Klettersport findet. Das fängt an mit Platten – ein paar Seillängen, die man schlecht absichern kann. Dann kommen Risse in allen Breiten und Größen – vereist, nicht vereist…

Angeblich hast du sogar einen völlig neuen Kletterstil erfunden. Da war von „hochpapern“ die Rede…

Das war in einem stark vereisten Riss, an dem ich mir die Zähne ausgebissen hab. Ich konnte ihn nur klettern mit zwei verschiedenen Schuhen – an einem Fuß Steigeisen und am anderen einen Reibungsschuh.  Vom Bewegungsablauf sind das zwei völlig unterschiedliche Dinge. Ein Steigeisen schlägst du rein ins Eis, aber auf Reibung belastest du den Fuß ganz anders. Das war koordinativ eine ganz schöne Herausforderung. Und so hat sich das fortgesetzt: Wir hatten kombinierte Längen, wir hatten vereiste Risse – es blieb abwechslungsreich und anspruchsvoll bis nach oben, auch wenn wir schönes Wetter hatten.

Klettern vor grandioser Kulisse
Atemberaubende Dimensionen: Mayan Smith-Gobat in Seillänge 16. (Foto: Thomas Senf)

Nicht nur mit dem Wetter hattet ihr riesengroßes Glück, sondern auch, als eines Nachts ein Felsblock an euch vorbeirauschte…

Ein Brocken davon schlug direkt ins Portaledge und hat uns das ganze Zelt aufgeschlitzt. Schönes Wetter heißt in Patagonien nicht unbedingt Top-Bedingungen. Wenn die Temperaturen steigen, gibt es in der Wand ein hohes Steinschlagrisiko, wie wir am eigenen Leib spüren mussten. Das erklärt für mich auch, warum keine der Seilschaften, die es probiert haben, jemals wiedergekommen ist, um es nochmal zu versuchen. Das habe ich durch die Expedition und meine eigenen Erfahrungen verstanden.

Routenverlauf. (Foto: Franz Walter)
Routenverlauf. (Foto: Franz Walter)

Die Route:

  • Name: Riders on the Storm
  • Location: Ostwand des Torre Central (2800 Meter) im Torres del Paine-Nationalpark in Chile. Torres del Paine leitet sich nicht, wie man vermuten könnte, vom englischen Wort „Pain“ ab – also Türme der Pein – sondern bedeutet übersetzt nach der Sprache der Mapuche-Indianer „Blaue Türme”
  • Länge: 1300 Meter Granit, 38 Seillängen
  • Schwierigkeit: 7c+ (nach sächsischer Skala Xc)
  • Erstbegehung: 1991 – Kurt Albert, Bernd Arnold, Wolfgang Güllich, Norbert Bätz, Peter Dittrich
  • Ines Papert und Mayan Smith-Gobat gelingt in Begleitung des Fotografen Thomas Senf die fünfte bekannte Begehung
  • Bis auf vier Seillängen konnten alle Seillängen frei, ohne technische Steighilfen geklettert werden
  • Expedition: 16. Januar 2016 bis 20. Februar 2016, 15 Klettertage
  • Gipfel: 6. Februar, 12.48 Uhr

Am 6. Februar standet ihr auf dem Gipfel. Das war das wichtigste Ziel, erst danach habt ihr versucht, die schwierigsten Seillängen frei zu klettern.

Ganz klar. Was bringt uns das, wenn wir 36 von 38 Seillängen frei geklettert sind, die letzten zwei zum Gipfel aber fehlen… Wir haben schon auf dem Weg nach oben versucht, soweit es halt ging, frei zu klettern. Aber wir haben uns nicht in jeder einzelnen Seillänge die Zähne ausgebissen. Weil wir ja wussten, dass man in Patagonien nicht so viele Tage geschenkt kriegt für einen Gipfel.

Am Schluss wurde das Wetter noch richtig patagonisch. Euer Ziel, die komplette Route frei zu klettern, konntet ihr nicht verwirklichen. Aber das wird man schwerlich als Niederlage werten können…

Nein, denn wir haben ja eine schöne Variante durch die Wand gefunden. Und wir sind immerhin 32 Seillängen frei geklettert, das ist ein schönes Ergebnis. Die paar, die uns fehlen, wären für mich kein Grund, das nochmal zu versuchen. Ich finde das Risiko einfach zu hoch. Mayan sieht das vielleicht anders, aber ich habe mich ganz klar dagegen entschieden.

Ines klettert das Rosendach
Ines Papert unter dem sogenannten Rosendach, Seillänge 27. (Foto: Thomas Senf)
Schlafplatz 600 Meter über dem Boden
600 Meter Luft unterm Schlafsack. Mayan Smith-Gobat im Portaledge. (Foto: Thomas Senf)

Du bist zur Genüge in Eis und Schnee unterwegs gewesen, warum erscheint dir diese Tour als besonders riskant?

Eis kann ich ganz gut beurteilen. Durch die Niederschläge und Temperaturwechsel haben sich immer wieder Eiszapfen gebildet. Und die verabschieden sich natürlich, wenn es wärmer wird, aus der Wand. Das waren ja keine massiven, geschlossenen Strukturen, sondern nur so schnell angefrorene Teile, die runter fallen und dich verletzen können. Mein Kletterhelm ist aufgrund von so einem Eisschlag zerbrochen. Und wir hatten diesen Stein im Zelt, der von ganz weit oben kam. Das sind objektive Risiken, die ich als Kletterer nicht beeinflussen kann. Da bin ich nicht der Mensch, der das zum zweiten Mal probiert.

Gilt das nur für diese Route oder für Patagonien generell?

Das gilt nur für die Route. Das nächste Mal würde ich aber nach Patagonien reisen, wenn dort Winter ist. Dann sind die Tage kürzer und die Temperaturen kälter… und du hast bessere Eisbedingungen. Ich glaub, das ist sicherer.

Zur Premiere eures Films beim Bergsichten-Festival kommt deine Seilpartnerin Mayan Smith-Gobat nach Sachsen. Sehnst du dich nicht auch mal wieder nach dem schönen Gefühl von sonnengewärmten Sandstein – nach all dem patagonischen Eis?

In diesem Jahr hab ich andere Termine und Verpflichtungen, obwohl ich wahnsinnig gerne kommen würde. Aber auch für den Sandstein möchte ich definitiv lieber kalte Temperaturen. Vielleicht gibt´s nächstes Jahr im November entsprechendes Wetter für ein paar schöne Klettertage im Elbsandstein. Ich hab dem Frank Meutzner schon versprochen, dass ich 2017 zum Bergsichten-Festival komme.

logo_bergsichtenPremiere beim 13. Bergsichten-Festival

Der Film „Riders on the Storm“ über die Tour von Ines Papert und Mayan Smith-Gobat feiert in Dresden Premiere! >>> Zum Trailer!

Wann und wo? Sonnabend, 12. November, 17.45 Uhr, im Luis-Trenker-Saal des TU-Hörsaalzentrums in Dresden, Bergstraße 64.

Wegen der großen Nachfrage Zusatzveranstaltung am 13. November, 10 Uhr, im Falkensteinsaal.

Live-Gäste: Mayan Smith-Gobat, Franz Walter, Bernd Arnold

Das 13. Bergsichten-Festival: 11. bis 13. November im Hörsaalzentrum der Technischen Universität Dresden: zahlreiche Premieren, 5 Livevorträge, 23 internationale, teils preisgekrönte Filme, der beliebte Wettbewerb der Kurzbeiträge und ein großes Rahmenprogramm mit Lesung, Workshops, Aktivprogramm, Fotoausstellung, Outdoor-Messe und Festivalparty.

Das komplette Programm findet ihr >>> hier!

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logo-biwakInes Papert bei BIWAK

Ein sehr sehenswertes Portrait über „Riders on the Storm“ und die Hintergründe der Tour gibt´s bei MDR-BIWAK >>> Zur Mediathek!

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