Unter Sandsteinheinis

Karikatur vor Menschenmenge vor Klettersteig
Lebhafte Fantasie oder nur ein ganz normaler Tag an der Häntzschelstiege? (Grafik: Wolfgang Strahl)

Karikaturist Wolfgang Strahl hat einen ganz besonderen Humor. Er veralbert Kletterer. Und wird dafür von ihnen geliebt.

Das Thema Mitleid hat Wolfgang Strahl innerhalb von zwei Zigarettenzügen abgehandelt. Mitleid empfindet er höchstens für seinen Klassenlehrer – den ersten, der sein Zeichentalent ertragen musste. Der Lehrer konnte Wolfgang Strahls Bleistift nicht leiden. Der Bleistift den Lehrer ebenfalls nicht. Aber die Banknachbarn fanden dieses seltsame Gegensatzpaar zum Niederknien hinreißend.

Inzwischen ist Strahl 68 Jahre alt, viel netter als damals, und hat sein Leben im Großen und Ganzen mit wohlmeinender und förderlicher Werbegrafik bestritten. Trotzdem packt ihn manchmal die Lust, dem Ernst des Daseins eine komische Seite abzugewinnen – auf Kosten und zur Freude anderer. Das zeichnet im Allgemeinen einen guten Karikaturisten aus. Und „Strahli“, wie er sich selbst nennt, ist einer.

Karikaturist Wolfgang Strahl beim Zeichnen am Küchentisch
Mit Bleistift und Fineliner am Küchentisch – so zeichnet Wolfgang Strahl seine beliebten Kletterkarikaturen. (Foto: Daniel Spittel)

Wenn das Seil davonfährt

Karikatur, Kletterer mit Knotenschlinge
Zwei Seile sind besser als eins. (Grafik: Wolfgang Strahl)

Will man ihn als Menschen beschreiben, fallen auf Anhieb drei Dinge an dem Sachsen auf: Seine vom Rauchen angekratzte Stimme. Sein irgendwie unvollendeter Bart. Und die vollendete Fröhlichkeit, mit der er Situationen skizziert und verulkt, die oft gar nicht so witzig sind – manchmal sogar lebensgefährlich. Der Mann nimmt freilich keine Politiker oder Fernsehstars aufs Korn. Sondern Bergsteiger. Und somit irgendwie auch sich selbst.

„Hab ich alles erlebt, ist mir alles schon passiert“, bemerkt er nüchtern, während er an seinem Küchentisch einen dicken Haufen Karikaturen durchblättert. Strahli hat sich zum Beispiel mal einen Felskamin hinaufgeschunden, der so eng war, dass ein Fastenlehrer darin verzweifelt wäre. Er hat sich schließlich sogar aus dem Seil ausgebunden, um hindurch zu passen. Strahli weiß, wie Sandstein schmeckt. Er hat schon in eine Felskante gebissen, weil ihm beim Klettern „die dritte Hand fehlte“. Und er weiß, wie es sich anfühlt, wenn man auf einem Gipfel steht und sein Seil davonfahren sieht. Wenn man den Strick, im Glauben, ihn durch die Abseilöse gefädelt zu haben, versehentlich zu Tale wirft.

Karikatur, Kletterer in extrem breitem Kamin
Beim Klettern ist schon manch einer über sich hinausgewachsen. (Grafik: Wolfgang Strahl)

Viele solcher gefährlichen Pannen, die ihm und anderen in den Bergen passiert sind, hat er seinem Bleistift zum Fressen gegeben. Das Bemerkenswerte daran: Er macht es so gut, dass die Kletterszene ihn dafür liebt. „Bergsteiger“, erklärt der Zeichenkünstler mit einem pfiffigen Lächeln, „entwickeln eben einen äußerst subtilen Humor, sonst würden sie melancholisch werden.“

Krude Vorstellungskraft

Auch Kletteridol Bernd Arnold wurde davon angesteckt. In der Wendezeit ließ er in seiner Druckerei eine Postkartenserie mit Strahlis „Sandsteinheinis“ auflegen. So lautete ursprünglich der Titel für eine Buchidee, die aber nie verwirklicht wurde. Der Sächsische Bergsteigerbund veröffentlichte später einige Bilder in seiner Vereinszeitschrift. Aber bis zur ersten Ausstellung musste sich die Szene mehr als 20 Jahre gedulden. 2011 endlich öffnete der Alpinist und Filmfest-Veranstalter Frank Meutzner den Karikaturen die Bühne und zeigte sie beim Dresdner Bergsichten-Festival.

Karikatur, Kletterer in einem engen Felsriss
So geht Yoga auf Sächsisch. (Grafik: Wolfgang Strahl)

Irgendwie passt das aber zu Strahlis Kletterkarriere, die ebenfalls lange auf sich warten ließ. Erst mit 33 Jahren kam er zum Sport. Aber er war, wie er sagt, „ein freches Schwein“ und wurde in kürzester Zeit ein leidlich guter Bergsteiger. Die Welt, die sich ihm dabei erschloss, beschreibt Wolfgang Strahl wie folgt: Jeder, „der gelegentlich unter mehr oder weniger spannungsgeladenen Bedingungen eine Sicherungsschlinge legen muss“, konnte sie zutiefst verstehen.

Die erste Serie von Kletterkarikaturen entstand ab 1987, sechs Jahre nach Strahlis erstem Gipfel. Noch einmal sechs Jahre später hatte er sein Seil bereits wieder an den Haken gehängt. Aber bis heute, so gesteht er, werde er von Erinnerungen und Visionen übers Bergsteigen „geplagt“. Oft könne er nicht genau sagen, ob sie in einer fröhlichen Hüttenrunde erzählt wurden oder nur seiner „etwas kruden Vorstellungskraft“ entsprungen sind. Um sie aber von der Seele zu bekommen, werde er wohl noch eine ganze Weile zeichnen müssen.

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