Sächsische Baukunst

Menschenpyramide
Sächsische Baukunst nach dem einfachsten Prinzip der Statik, das es gibt - unten kommt mehr hin, oben weniger. Baustelle am Quader unterm Pfaffenstein. (Foto: Dana Landgraf)

Seinem besten Kumpel fällt man nicht in den Rücken? Wer mit Sachsen klettert, erlebt das irgendwie anders. Spezialdisziplin Baustelle: Über eine Erstbegehung am Pfaffenstein, bei der so Einiges drunter und drüber ging.

Als George Bähr 1726 die Sandsteinkuppel der Dresdner Frauenkirche entwarf, folgte er einem einfachen statischen Prinzip, das schon die alten Ägypter kannten – unten kommt mehr hin, oben weniger. Was dem Barockbaumeister sicher gefallen hätte: knapp 300 Jahre später erfreut sich der sächsische Sandstein noch immer großer Beliebtheit bei Turmbauarbeiten. Besonders da, wo er herkommt, im Elbsandsteingebirge, wo die Kunst sogar Einzug in den Klettersport gehalten hat. Nur die Statik steht dabei manchmal – auf wackligen Füßen.

Sonntagvormittag unterm Pfaffenstein. Im Zwielicht der Bäume vegetiert ein einstmals recht unbeachteter Felsklotz vor sich hin: der Quader – einer von 28 Elbsandstein-Gipfeln, die vor zwei Jahren unter großem Hallo von den Naturschutzbehörden zum Klettern freigegeben wurden. Als die Freigabe kommt, geht in der Bergsportszene ein Wettlauf los, jeder will der Erste sein. Acht Wege führen bislang auf den Gipfel, drei davon sind noch so frisch und neu, dass sie nicht mal im Kletterführer stehen. Nur auf der Nordwestseite bleibt Langezeit Luft für Eroberungen. Die feuchte, überhängende Wand dort sieht schlicht unbezwingbar aus – nur kurz unterm Gipfel stecken Sicherungsringe, die zu einer seitwärts hineinquerenden Route gehören: Schwierigkeit XIIc. Der Rest der Wand würde wohl nur einen Botanik-Professor brennend interessieren. Oder jemanden, der es gelernt hat, beim Klettern wie ein Baumeister zu denken – jemand, wie Ralf Görner.

Mann bohrt ein Loch in die Felswand
Der erste Schritt: Ralf setzt einen Sicherungsring. (Foto: Werner Schirlitz)
Mann gestikuliert vor einem Felsen
Bauleiter bei der Arbeit: Ralf Görner erklärt die Grundlagen der Turmbaukunst. (Foto: Hartmut Landgraf)

Ralf ist vom Fach, von Beruf Industriekletterer und Seiltechniker. Rund 30 Leute trommelt der Leipziger am Sonntag unter dem Quader zusammen, um die schwierige Wand zu bezwingen. Freunde. Kumpels. Flüchtige Bekannte. Sie alle sollen an einer gemeinsamen Turnübung teilnehmen, die zu den eher seltenen und tendenziell schmerzhaften Spezialdisziplinen der sächsischen Kletterkunst zählt: eine mehrstöckige Baustelle. Dabei spielt sich der schwierigste Teil der Kletterei nicht am Fels, sondern auf dem Rücken der Seilgefährten ab. Ein Mann steigt dem anderen auf die Schultern. Salopp gesagt darf man, um der gemeinsamen Sache willen, selbst dem besten Kumpel ungestraft ins Genick treten. Auf diese Weise entsteht schon bald ein Menschenturm von ganz beachtlicher Höhe. Vier Etagen hoch, wie in unserem Fall – wenn alles gut geht. Es sei denn, seine Statik ist falsch berechnet – oder die obersten Bauleute haben zu schwer gegessen.

Menschenpyramide
Unmissverständliche Körpersprache: Der Vorsteiger hätte den Turm gern ein Stück weiter rechts! (Foto: Dana Landgraf)
Menschengewusel am Fels
Knotenbildung ist keine Lösung! Hier kam das Kommando zum Abbauen zu spät. (Foto: Dana Landgraf)
Menschen, die an einem Felsen hängen
Mitgegangen, mitgehangen! So kann man Bauleute an der Wand zwischenparken. Man braucht sie ja vielleicht gleich wieder. (Foto: Dana Landgraf)

Kurz vor Mittag, Physik im Selbstversuch: Auf den Grundsatz der Bergkameradschaft vertrauend, trete ich einen Mann mit Füßen, der mir nichts zuleide getan hat und zudem ein ganzes Stück größer ist als ich. Ich steige ihm rücksichtslos in die Kniekehle und ins Kreuz. Und bevor er sich zur Gegenwehr entschließen kann, bin ich schon auf seinen Schultern und außer Reichweite. Das kurz aufkeimende Gefühl des Triumphs und der Sicherheit währt nicht lange. Nur Sekunden später werde ich auf die gleiche Weise erniedrigt: Ein Typ, dem ich im normalen Leben auf Augenhöhe begegnen würde, schiebt seine Nase an mir vorbei nach oben, sitzt mir kurz darauf im Nacken – um mich schließlich mit den Füßen und kraft seines gesamten Körpergewichts wie einen Pflock ins Schulterblatt meines Untermanns zu drücken.

Der Stabilität des Bauwerks nützt das gar nichts! Auch die Redensart „das tritt sich fest“ hat im bergsportlichen Kontext keine Gültigkeit. Eher das Gegenteil ist der Fall. Je mehr Last auf die Unterleute der Baustelle gelangt – oder wie Ralf Görner später zu ihnen sagen wird: auf die „Säulen des Erfolgs“ – umso zerbrechlicher wird das ganze phänomenale Gebilde aus Menschen, Muskeln und Mathematik. Die Konstruktion beginnt schon bald zu wanken wie ein Wackelturm. Eine falsche Bewegung, gleich geraten zwei Etagen aus dem Lot und das Fundament des Bauwerks droht vor der unerwarteten Herausforderung einzuknicken. „Ganz unten muss man nicht viel können. Nur stehen bleiben und das Maul halten“, hat ein Meister dieser Disziplin mal behauptet. Eine sagenhafte Untertreibung! Der starke Kerl rechts unter mir wird von der Last seiner Verantwortung regelrecht erdrückt – stöhnend sackt er in sich zusammen. Sein linker Nebenmann hält nur noch kurz alleine stand, im nächsten Moment rutsche ich wie ein Sack in einen wüsten Pulk aus Leibern, Armen und Beinen. Das Kommando zum Rückzug kommt zu spät. Versuch Nummer eins ist gescheitert.

Mann bürstet einen bemoosten Felsen ab
Für gewöhnlich verzichten die Klettersachsen auf jedes technische Hilfsmittel. Ob Schuhputzbürsten auch dazu gehören, darüber sagt das sportliche Regelwerk freilich nichts aus. (Foto: Hartmut Landgraf)
Mann klettert an Felswand
Auch wenn´s nur noch ein Zug bis zum Gipfel ist: Dieser Weg wird kein leichter sein… (Foto: Hartmut Landgraf)
Mann fällt beim Klettern ins Seil
… wie man sieht. Trotz seiner mickrigen Größe ist der Quader ein schwieriger Fall. (Foto: Hartmut Landgraf)

So geht das ein zweites und drittes Mal, die Kraftreserven schwinden – der Frustpegel steigt. Menschengerangel. Fotosalven. Karabinergeklingel. Seilgewirr. Baumänner und -frauen, die unterm Fels heimlich ihre Blessuren reiben. Ein dampfender Kessel mit einer vorgeblich stimmungsaufhellenden Substanz, der die Motivation aber eher dämpft als fördert. Und mittendrin ein geduldiger Baumeister aus Leipzig, der den Belagerungsring um den Quader nicht aufgeben will und immer wieder neu ordnet. Am Nachmittag ist der Menschenturm schließlich sauber genug bis zum zweiten Ring gebaut, von wo Ralf Görner die letzten zwei Meter alleine zum Gipfel aussteigen muss. Auch das wird mehrere Anläufe brauchen.

Über den Ausgang der Baustellenaktion am Quader entscheidet – wie so oft bei großen Dingen – am Ende eine Kleinigkeit. In diesem Fall eine Schuhputzbürste. Während unterm Fels 30 schwer erleichterte Sachsen ihre geschundenen Arme und Schultern recken, gerbt Ralf der moosgrünen Felswand oben das Fell. Das hat sie nötig! Dann endlich ist der entscheidende Tritt blankgeputzt – ein kurzer Antritt noch, und der Leipziger ist oben. Der Name, den er der Route gibt, könnte passender kaum sein: GemeinschaftsWille (VIIc). Die Baustelle ist ein Erfolg der Seilschaft. Man teilt ihn sich. Genau wie die blauen Flecken.

1 Kommentar zu Sächsische Baukunst

  1. Baustelle als Sport ist ja ok, warum seilt man sich nicht von oben ab, um die Ringe zu setzen ?
    Wäre bestimmt um ein Vielfaches einfacher als der Heilungsprozess der Bergkameraden !

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