Die Quelle des Glücks

Der Furtborn im Krippenbachgrund
Der Furtborn im Krippenbachgrund eignet sich hervorragend zum Osterwasserholen. Nicht vergessen: Das Wasser entfaltet seine magische Wirkung nur, wenn man es vor Sonnenaufgang schöpft und auf dem Weg schweigt. (Foto: Hartmut Landgraf)

Es gibt Orte in der Sächsischen Schweiz, die einen einfach nur still und zufrieden machen. Der Krippenbachgrund ist so einer. Ein Tal – reich an Quellen und alten Sagen. Ein Osterspaziergang.

Der Krippenbachgrund erzählt seine Geschichte nur denen, die nicht allzu viel reden und nichts Besonderes erwarten. Am besten wandert man ihn ganz allein für sich, mit einem Trinkbecher im Rucksack – am Ostersonntag vor Sonnenaufgang. Das hat Wolfgang Günther zwar noch nie gemacht, und jetzt mit seinen 73 Jahren fängt er es auch nicht mehr an – da erscheinen ihm der Osterwasserbrauch und die Verheißung ewiger Jugend wohl nicht mehr so richtig glaubhaft. Aber die stillen Quellen des Krippenbachgrunds sind ihm trotzdem ans Herz gewachsen. „Ich bin gerne mal hier“, sagt er. „Überall murmelt und gluckert es.“ Worte, die in ihrer Einfachheit auf wunderbare Weise zur Natur des wasserreichen Tals passen. Und deshalb ist Wolfgang Günther auch der ideale Begleiter für diesen Ort.

Wir beginnen unsere Wanderung ein Stück oberhalb der Forstmühle unweit von Cunnersdorf, wo sich die Straße vom Bach trennt und der felsengesäumte Grund talaufwärts in ein riesiges Waldgebiet eintaucht, das sich bis zur böhmischen Grenze und darüber hinaus erstreckt. Mein Begleiter sieht aus wie ein Wanderer aus dem Filmarchiv des Bayerischen Rundfunks – kniebundlange braune Manchesterhosen, schwere Bergschuhe, weißer Bart, hellgrauer Tirolerhut, hinter dessen olivgrüner Kordel eine vorwitzige, blaue Eichelhäerfeder hervorspitzt. Nur der Dialekt verrät den Sachsen. Aber dieser Aufzug hat bei Wolfgang Günther nichts gekünstelt Folkloristisches – er passt einfach zu ihm wie eine zweite Haut. Denn genauso wandert der alte Bergsteiger schon seit Jahrzehnten durchs Elbsandsteingebirge. Nur, dass er sich seine Kniebundhosen heute übers Internet liefern lässt. Fast jede Saison eine neue, sagt er missmutig. „Das taugt alles nichts. Der Manchesterstoff ist auch nicht mehr das, was er mal war.“

Auf der Anhöhe von Stolzenhain
Wolfgang Günther ist nicht weit von der sagenumwobenen Wüstung Stolzenhain zu Hause. Der Gohrischer wandert gern durch die Wälder des Krippenbachgrunds und kennt viele Geschichten und Legenden, die sich um das Tal ranken. (Foto: Hartmut Landgraf)
Die Kaskae des Furtborns
In einer hölzernen Leitung kommt der Furtborn vom Hang herabgeflossen. Der Krippenbachgrund ist eines der wasserreichsten Täler der Sächsischen Schweiz. (Foto: Hartmut Landgraf)

Als die Pest am Zschirnstein wütete

Wolfgang Günther mag lieber Dinge, die lange halten – am besten so lange, bis sie Moos ansetzen und sich Legenden darum zu ranken beginnen: Geheimnisvolle Wegmarken, Grenzsteine und Inschriften. Oder uralte Flurnamen, aus denen man alles Mögliche herleiten kann – etwa die Sage von der Wüstenei Stolzenhain. Während wir gemächlichen Schritts in den Grund hineinwandern, beginnt mein Begleiter zu erzählen: Vor vielen Hundert Jahren soll auf der Anhöhe westlich des Krippenbachgrunds eine blühende Ortschaft gelegen haben, die nach einem schweren Schicksalsschlag wie vom Erdboden verschwand. Die Legende besagt, dass einst, vermutlich zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, der Fährmann von Schmilka spätabends noch einen unheimlichen Fremden in welscher Tracht über die Elbe setzte. Er trug schwarze Gewänder und hatte ein graugelbes Gesicht und abgemagerte, knochige Hände. Am anderen Ufer warf der Fremde dem Fährmann ein Goldstück zu und verschwand in der Dunkelheit. Völlig lautlos schritt er über Kiesel, nicht einmal das Gras bog sich unter seinen Füßen. Am nächsten Tag brach in den Dörfern im Zschirnsteingebiet die Pest aus. Am schwersten betroffen war Stolzenhain. Nach wenigen Tagen lebte im Ort niemand mehr – bis auf den Dorflehrer und einige Schulkinder. Doch auch sie raffte die Seuche schließlich hinweg.

Weiße Pestwurz
Hier und da säumt die Weiße Pestwurz (Petasites albus) die Ufer des Krippenbachs. Mit den legendären Pestdörfern des Zschirnsteingebiets hat die Pflanze allerdings nichts zu tun. (Foto: Hartmut Landgraf)

Der verwaiste Ort wurde nie mehr besiedelt und verfiel mit der Zeit. Bald wuchs auf der Lichtung wieder dichter Wald. Er geriet jedoch nie ganz in Vergessenheit, denn in den umliegenden Dörfern kennen einige Leute die Geschichte von Stolzenhain bis heute. Waldarbeiter, so wird gemunkelt, hätten vor langer Zeit ein paar Mauerreste der Siedlung im Busch gefunden. Der Ort ist sogar in Wanderkarten der Region verzeichnet. Es heißt auch, dass in der Gegend alle hundert Jahre nachts im Wald der Gesang von Kindern zu hören ist. Ob sich einiges davon urkundlich belegen lässt, weiß Wolfgang Günther nicht. „Ich bin keiner, der in Archiven herumrennt“, sagt er. Sein Bezug zur Geschichte ist eher praktischer Natur – wie die Handbürste in seinem Rucksack, die er unterwegs zum Freiputzen alter Felsinschriften benutzt. Günther ist in der Gegend zu Hause – nicht weit entfernt in Gohrisch. Er ist mit den Geschichten und Legenden der Sächsischen Schweiz groß geworden. Wer ihre Geheimnisse lüften will, darf den Schlüssel nicht in Büchern suchen. Wer sich auskennt, findet ihn ganz sicher irgendwo, tief verborgen unter Adlerfarn, Perlgras und Springkraut am Ufer eines glasklaren Bachs oder am Wegrand. So wie den moosgrünen Block mit der Jahreszahl 1820. Eine Art Visitenkarte des Röllig-Müllers, der unseren Weg hinauf zur Grenze vor zwei Jahrhunderten angelegt hat. „Wer solche Stellen nicht kennt, läuft daran achtlos vorbei“, sagt Wolfgang Günther. „Aber eigentlich ist das auch gut so.“

Fuhrleute und geheimnisvolle Müllerstöchter

Die Gegend ist voll von Sagen und Geschichten. Fast scheint es so, als ob sie der Krippenbach aus den Tiefen des Waldes mitbringt. Man muss nur einen Moment innehalten und lauschen. Dort wo sich das Wasser mit klingendem Schwall über Steine und Wurzeln ergießt, hat es manchmal den Anschein, als ob Wortfetzen und fernes Gelächter vom Bachgrund heraufschimmern – wie verschwommene Erinnerungen aus dem Fluss der Zeit. Vielleicht ist es nur eine Einbildung. Der Frühling belebt sicher auch die Fantasie. Aber irgendwo hier müssen die Stolzenhainer doch schließlich ihr Osterwasser geholt haben.

Felsinschrift am Krippenbach
Wolfgang Günther hat beim Wandern immer eine Bürste einstecken. Damit putzt er unterwegs alte Felsinschriften von Moos und Flechten frei. (Foto: Hartmut Landgraf)

Wir sind kaum 200 Meter weit in den Grund hineingewandert – und stehen hinter einer Wegbiegung schon vor dem ersten Rinnsal: dem sogenannten Furtborn. Vom Hang wird das Wasser mithilfe eines ausgehölten Stamms zu einem hölzernen Trog herabgeleitet, aus dem es über einen Rohrstutzen wieder seitlich austritt – so entsteht eine hübsche, silbrige Kaskade. Bachaufwärts kommen alsbald weitere Quellen: Hohlborn, Stolzenhahnborn, Gautschborn. Die ganze rechte Talseite des Krippenbachgrunds scheint voller Wasseradern zu sein. Es gibt eine geologische Erklärung dafür, sagt Wolfgang Günther. Als das Erzgebirge angehoben wurde, gerieten auch einige Gesteinsschichten im linkselbischen Teil der Sächsischen und Böhmischen Schweiz in Schräglage, so bekam das Wasser zur Elbe hin sein Gefälle. Aber ich will zu Ostern keine Lehrbuchgeschichten hören. Sie erzählen nichts von den Wundern hier draußen. Wir stapfen ein Weilchen schweigend nebeneinander her, bis sich der Grund plötzlich zu einer flachen Senke weitet. Links verstecken sich ein paar namenlose Felswände zwischen den Bäumen, rechts steigt der Weg gemächlich aus dem Tal hinauf zur Grenzbaude. „Hier könnte sie gestanden haben“, sagt Wolfgang Günther. Die Stolzenhainer Mühle.

Der Gautschborn
Auch der Gautschborn gehört zu den geheimnisvollen Quellen des Krippenbachgrunds. Der Name könnte etwas mit der Stolzenhainer Mühle zu tun haben, die ganz in der Nähe gestanden haben soll. (Foto: Hartmut Landgraf)

Der Sage nach sollen die Töchter des Müllers vor langer Zeit einmal auf einem Tanzboden in Cunnersdorf gesehen worden sein, den Rocksaum nass vom Tau. „Um Mitternacht aber waren sie verschwunden“, erzählt der Gohrischer. Seine Geschichte hat kein richtiges Ende, aber das stört mich nicht weiter. Hier an dieser Stelle führt der Krippenbach nämlich alle verloren gegangenen Erzählstränge der Gegend zu einem sinnvollen Ganzen zusammen. Der Ort hat nichts Magisches – er ist nicht einmal besonders romantisch. Er ist auf eine sehr unspektakuläre und einfache Weise schön. Ein Platz wie viele andere, inmitten von hohen Fichten. Aber es geht eine tiefe Stille und Zufriedenheit von ihm aus. Wie viele Menschen mögen hier im Laufe der Jahrhunderte vorbeigekommen sein? Fuhrleute und Händler auf dem Weg ins böhmische Maxdorf. Waldarbeiter. Wanderer. Pilzsucher. Dorflehrer mit ihren Schulkindern – schöne Müllerstöchter. Sie alle müssen hier einen kurzen Moment lang innegehalten haben und wunschlos glücklich gewesen sein. Die Quelle ist der Krippenbach.

Der Stolzenhahnborn
Welche Rolle der Stolzenhahnborn einst für die Einwohner von Stolzenhain spielte, ist nicht bekannt. Vielleicht diente er der verschollenen Siedlung als Osterquelle? (Foto: Hartmut Landgraf)

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