Der Fall Abratzky

Mythos Abratzky - Ein Schornsteinfeger bezwingt die Festung Königstein
Der Mythos lebt: So ähnlich muss es ausgesehen haben, als Sebastian Abratzky im Revolutionsjahr 1848 die Festung Königstein bezwang - und Sachsens Militär damit ordentlich blamierte. Hier wird der legendäre Festungseroberer von Schornsteinfegermeister Olaf Jesiorski aus Lohmen gedoubelt. (Foto: Thomas Türpe)

Sebastian Abratzky gilt als der legendäre Bezwinger der Festung Königstein. 1848 erklomm er sie über die Außenmauer. Doch was ist dran an den Erzählungen über den kühnen Draufgänger? Polizeiakten werfen ein anderes Licht auf den bekanntesten Schornsteinfeger der sächsischen Geschichte.

Dem damaligen Kommandanten der Festung Königstein dürfte die Nachricht die Schamröte ins Gesicht getrieben haben: Am 22. März 1848 sorgt eine spöttische Notiz in der Lokalpresse für Gelächter in den Ortschaften der Sächsischen Schweiz: Ein harmloser Schornsteinfeger habe vollbracht, wozu unermessliche Streitkräfte nicht in der Lage gewesen wären, heißt es im Pirnaischen Wochenblatt. Die Festung habe „ihren Kranz verloren“. Mit dieser bissigen Meldung nimmt der Mythos um den bekanntesten Schornsteinfeger der sächsischen Geschichte ihren Anfang: Sebastian Abratzky, um jenen Mann, der vor bald 170 Jahren das legendäre Kunststück vollbrachte, die stolze Bergfestung über ihre Außenmauer zu ersteigen.

Tatsächlich hat die Geschichte seinerzeit den Anschein eines kühnen Husarenstreichs. Für das Militär ist Abratzkys „Festungserstürmung“ im Revolutionsjahr 1848 ein höchst peinlicher Vorfall, für die Medien ein gefundenes Fressen.  Trotzdem ist an dem Mythos vieles falsch, glaubt der Dresdner Bergsport-Historiker Joachim Schindler. Schindler hat den Fall Abratzky vor zehn Jahren gründlich aufgerollt, weil ihm Zweifel am Wahrheitsgehalt der Überlieferung gekommen waren. Der Experte wurde neugierig, stieg tiefer in die Materie ein und förderte bald eine ganze Reihe von Ungereimtheiten und Widersprüchen zutage. Außerdem stieß er auf Quellen, die zeigen, wie es mit dem Schornsteinfeger weiterging. Die Geschichte, die sich da vor ihm auftat, war in Wirklichkeit alles andere als eine Heldengeschichte – eher ein Kriminalstück mit vielen offenen Fragen, sagt Schindler.

Abratzky-Double an der Brustwehr der Festung Königstein
Der Ausstieg über die Mauer war für Sebastian Abratzky das gefährlichste Stück der Kletterei. Oben sei er fast ohnmächtig vor Erschöpfung auf den Rasen hingesunken, schrieb er über sein riskantes Abenteuer. (Foto: Thomas Türpe)

Maßlose Übertreibungen

Allein schon der Originalbericht, den der Schornsteinfeger Jahre später über seinen kühnen Streich herausgab, sei maßlos übertrieben – und zudem von einem Zeitungsartikel abgeschrieben worden. 1859 schildert Abratzky einem Redakteur der in Leipzig erscheinenden Wochenzeitung „Gartenlaube“ seine Heldentat in höchst fantasiereichen Einzelheiten. Die Broschüre, die er später selbst darüber herausbringt, sei ein getreuer Nachdruck dieser Zeitungsgeschichte. Schindler hat den Text vor einigen Jahren bei einem Kletterexperiment überprüft und stieß auf eine Reihe falscher Angaben. Etwa die Sache mit der Zeit: Ein normal trainierter Bergsteiger braucht schätzungsweise fünfzehn Minuten bis hoch auf die Mauer – mit Pausen maximal eine halbe Stunde. Für einen geübten Schornsteinfeger wie Abratzky dürfte die Kaminkletterei ebenfalls keine allzu große Hürde gewesen sein – womöglich kam er aber wegen der ungewohnten Höhe nur zögerlich voran. Glaubt man der Quelle, dauerte das Unternehmen allerdings volle zwei Stunden. Er sei schon ein gutes Stück hinaufgeklettert, „als es im Städtchen zehn Uhr schlug“, heißt es im Originaltext. Oben angekommen, hätten die Glocken zu Mittag geläutet. Der Schornsteinfeger müsste also unterwegs sehr lange Pausen eingelegt haben.

Schornsteinfeger klettert den Abratzky-Kamin
Am Einstieg des Abratzky-Kamins. Der berühmte Felsspalt ist heute eine von 20.000 offiziellen Kletterrouten in der Sächsischen Schweiz. (Foto: Thomas Türpe)

Oder die Mär von der 400 Fuß (113 Meter) hohen Wand, wo man von oben laut Abratzky die Tiefe nicht mehr mit den Augen ausmessen kann. Gemäß Kletterführer sind es vom Einstieg des Kamins bis zu seinem Ende unmittelbar unter der Festungsmauer etwa 30 Meter – den Wandfuß verliert man dabei nie aus den Augen. Wo der Kamin endet, wölbt sich die Festungsmauer wie ein Brückenbogen über eine kleine Kanzel. Von hier aus will Abratzky den Lilienstein und die Schiffe auf der Elbe gesehen haben – was aus dieser Perspektive wegen der vorgelagerten Königsnase schlicht unmöglich ist.

Anscheinend nimmt es der Schornsteinfeger also nicht sonderlich genau mit der Wahrheit. Auch seine Wortwahl zeigt, dass er sich nach Kräften bemüht, sein Abenteuer aufzubauschen. „Ich bin verloren und aus der Tiefe schaut der Tod zu mir herauf“, tönt der Originaltext an einer Stelle vollmundig. Was versprach sich Abratzky davon? Ruhm oder materiellen Gewinn? Glaubte er, seine Geschichte auf diese Weise besser vermarkten zu können? War sein vorgeblich spontaner Entschluss, die Festung zu erklimmen, von Anfang an auf persönlichen Nutzen ausgerichtet – war das Unternehmen vielleicht sogar ein geplanter Coup, an dem neben ihm auch andere beteiligt waren? Wie konnte der Schornsteinfeger als Ortsfremder, der erst tags zuvor in Königstein aufgekreuzt war, die einzig kletterbare Route auf die Festung sofort und ohne Hilfe finden? Wie konnte die Presse schon drei Tage später Wind von der brisanten Sache bekommen – noch während Abratzky oben auf der Festung seine Haftstrafe verbüßte? Gab es Komplizen?

Sebastian Abratzky PortraitSebastian Abratzky

  • 22. August 1829: In Mahlis bei Oschatz geboren.
  • 1842 – 1847: Schornsteinfegerlehre.
  • 18. März 1848: Abratzky kommt nach Königstein, will beim Bau der sächsisch-böhmischen Eisenbahn Geld verdienen.
  • 19. März 1848: Durch einen Felsspalt auf der Südostseite klettert er auf die Festung, wird oben von der Wache aufgegriffen und bekommt fünf Tage Festungshaft für seinen Streich.
  • 26. Januar 1897: In Polizeihaft in Dresden verstorben.

Polizeiakten entzaubern die Heldenfigur

Vieles am Abratzky-Mythos sei nie hinterfragt worden, sondern einfach nur immer wieder abgeschrieben, sagt Joachim Schindler. Als Fehler erwies sich beispielsweise die Behauptung, dass der Schornsteinfeger wegen seines Kletterstreichs ganze zwölf Tage im Festungsverlies zubringen musste – in Wirklichkeit sei er dort nur fünf Tage inhaftiert gewesen. Manche Blüte trieb die Legende sogar erst in neuerer Zeit – etwa die, wonach Abratzky beim Klettern mehrfach abgeglitten sei und nur mühevoll sein Leben habe retten können.

Steckbrief über Sebastian Abratzky
Historischer Fahndungsaufruf: Abratzky geriet im Laufe seines Lebens auf die schiefe Bahn und wurde mehrfach steckbrieflich gesucht – so wie hier wegen Steuerhinterziehung. (Quelle: Archiv Schindler)

„Eigentlich stimmt nichts an all den bisherigen Verlautbarungen“. Schließlich stößt Schindler im Sächsischen Hauptstaatsarchiv auf Dokumente, die den gefeierten Festungsbezwinger in einem völlig anderen Licht zeigen: eine opulente Polizeiakte über Sebastian Abratzky, Anzeigen, Fahndungsnotizen, Vernehmungsbögen, Haftunterlagen. Die Akte belegt, dass der Schornsteinfeger im Verlauf seines weiteren Lebens nicht etwa zu Vermögen und Ansehen gelangt, sondern auf die schiefe Bahn gerät. Mehrfach wird er von den Behörden zu Geld- und Haftstrafen verurteilt – u.a. wegen Diebstahls, Landstreicherei, Trunkenheit, Ruhestörung und Steuerhinterziehung. Aus dem kühnen Burschen von 1848 wird jemand, der erfolglos und Zeit seines Lebens seinen Platz sucht, der als Bettler durch die Lande zieht oder das wenige Geld, das er besitzt, in Spielhöllen durchbringt. 1865 wird Abratzky wegen mehreren Delikten – u.a. einem Einbruch in eine Leipziger Verlagsbuchhandlung – zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. „Dass er als Lotterbube galt, wusste ich, aber dass ich dafür eine solche Quittung in die Hände bekomme, hätte ich nicht gedacht“, sagt Joachim Schindler.

Unrühmliches Ende

Mit dem Festungsbezwinger nimmt es ein unrühmliches Ende. Im Januar 1897 findet ihn die Polizei in Dresden im Suff auf der Straße liegend. Abratzky ist so schwer betrunken, dass er ohne fremde Hilfe nicht mehr gehen kann. Tags darauf stirbt er im Gefängnis. Zuletzt, so steht es im Polizeiprotokoll, war er obdachlos. In seinen Taschen fand man noch 45 Pfennig.

Notiz in den Polizeiakten über den Tod des Schornsteinfegers Abratzky
Ein unrühmliches Ende: Die Polizei fand Abratzky am 25. Januar 1897 in Dresden im Suff auf der Straße liegend. Tags darauf verstarb er im Gefängnis – laut Polizeiakten an „Gehirnschlagfluss“. (Quelle: Archiv Schindler)

Was bleibt übrig von der Heldenfigur? Joachim Schindler sieht den Fall Abratzky als ein Lehrstück dafür, wie eine imposante Geschichte in 170 Jahren durch immer neue Ausschmückungen und Erfindungen völlig verzerrt wird. Für die Legendenbildung um den Festungsbezwinger hat der Experte einen passenden Titel gefunden: „Sebastian Abratzky – ein sächsischer Münchhausen?“ Doch um dem Schornsteinfeger Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Die sportliche Leistung der Kletterei stellt auch Joachim Schindler nicht infrage. Wenn man einmal über die Mauern der Festung Königstein hinunter in den sagenumwobenen Kamin schaut, kommt der Respekt für Abratzky unweigerlich zurück. Senkrecht taucht die Felswand hinunter in den Wald, der Blick hat etwas spürbar in die Tiefe Ziehendes. Nicht ohne Grund halten Sachsens Bergsteiger das Andenken an den frühen Kletterpionier in Ehren – etwas Wagemutiges und Unangepasstes geht von ihm aus. Etwas, das gut zur Natur des Klettersports passt. Der Spalt, durch den er damals hinaufkam, ist heute eine von 20.000 Kletterrouten in der Sächsischen Schweiz – nur die letzten paar Meter über die Mauer sind aus Denkmalschutzgründen tabu. Joachim Schindler hat die Begehungen anhand der Eintragungen im ersten Wandbuch ausgezählt: Allein von 1956 bis 1982 haben 885 Kletterer die Route durchstiegen.

Eine Kletterin auf Abratzkys Spuren
Einmal im Jahr, zum Outdoor-Event Festung AKTIV!, dürfen Kletterer ausnahmsweise über die Mauern der Festung Königstein steigen – so wie einst Sebastian Abratzky. Eine Reportage darüber findest du >>> hier. (Foto: Hartmut Landgraf)

1 Kommentar zu Der Fall Abratzky

  1. Lieber Herr Schindler, in Ihrer Bewertung des Lebens des „Lotterbuben“ Abratzky sollten Sie das ärmliche Dasein der Schornsteinfeger-Gesellen nach 1848 mit in Betracht ziehen (einen Kehrbezirk als bestallter Meister – nur durch direktes königliches Dekret oder durch Heirat einer Meisterwitwe zu erhalten). Denn dann hätte er ein auskömmliches Einkommen gehabt und es wäre wahrscheinlich nicht zu dem Diebstahl, für den er 5 Jahre (!)Knast abbüßen musste, gekommen. Seine Broschüre über seine bekannte Kletterei verkaufsträchtig auszuschmücken, ist doch wohl kein Verbrechen. Da er aber „aktenkundig“ den Finanz- und Gewerbeschein-behörden bekannt war, hatten diese ihn immer wieder belangt. Den Polizeiakten zufolge war ein gebrochener alter, kranker Mann, der wahrscheinlich Alkoholiker war. Ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre Einschätzung des „Lotterbubens“ durch meine Bemerkungen durch diese Hintergründe etwas abmildern könnten. Ansonsten finde ich Ihre Nachforschungen sehr löblich. Freundliche Grüße. Dieter Mai

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