Mehr Unfälle im Elbsandsteingebirge

Rettungsübung im Bielatal
Bergretter üben im Bielatal das Abseilen eines Verletzten mittels Korbtrage. Beim Klettern passieren weniger Unfälle als beim Wandern - aber oftmals mit schwerwiegenden Folgen. (Foto: Stefan Falkenau)

In der Saison 2014 sind in der Sächsischen Schweiz deutlich mehr Wanderer verunglückt als im Vorjahr. Wie gefährlich ist die Felslandschaft an der Elbe?

Schöner hätte die Saison in der Sächsischen Schweiz eigentlich kaum ausklingen können: mildes Wetter bis in den November hinein, herbstliche Blätterpracht, trockene Wege. Ein Landschaftsgemälde in leuchtenden Farben – heiter, warm und freundlich. Der Schein trügt! Wie die Unfallstatistik der Bergwacht belegt, hat diese malerische Idylle ihre Tücken. In der zurückliegenden Saison sind in der Sächsischen Schweiz 43 Wanderer verunglückt, zumeist auf mäßig- bis mittelschweren Wegen. Das sind zehn Unfälle mehr als im Jahr 2013 und mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2012. Bezogen auf einen Zeitraum von zwölf Monaten und rund 1200 Kilometer markierte Wanderwege erscheint dieser Wert zunächst nicht sonderlich dramatisch. Doch neben den ungleich größeren Alpen mit insgesamt 220 gemeldeten Wanderunfällen im Jahr 2013, wirken die sächsischen Zahlen recht beachtlich.

Unfallstatistik_hlaParadoxerweise sind die Reize der Landschaft und das vorbildliche Wanderstreckennetz daran mit schuld – weil sie die Aufmerksamkeit vom Weg ablenken. Ein Gebirge für Romantiker und Träumer. Wirklich? „Die Sächsische Schweiz ist super erschlossen, deshalb wird sie oft unterschätzt“, sagt Bergwacht-Regionalchef Stefan Falkenau. „Manch einer merkt gar nicht, wo er sich hier bewegt“.

Nicht umsonst nennen die Sachsen ihr kleines Felsenreich an der Elbe respektvoll „Gebirge“. Und Berge verzeihen keine Fehler. Das gilt für mittlere Höhenlagen genauso wie für den hochalpinen Raum – auch wenn letzterer mehr von sich reden macht. So geriet Westeuropas höchster Berg, der Mont Blanc (4810 Meter), im August in die landesweiten Abendnachrichten, als an seinen Flanken innerhalb weniger Tage neun Bergsteiger ums Leben kamen. Auch in der Sächsischen Schweiz machten in diesem Sommer tragische Unfälle Schlagzeilen. Einer davon passierte im Schmilkaer Gebiet, wo Mitte August ein 70-jähriger Kletter aus unerfindlichen Gründen vom Gipfel des Großen Gratturms stürzte. Von Bergunfällen mit weniger dramatischen Folgen erhält die Öffentlichkeit indessen nur selten Kenntnis – und die meisten passieren beim Wandern.

Immer wieder die gleichen Fehler

Verstauchte und gebrochene Knöchel, Fälle von Entkräftung und Kreislaufprobleme gehören zum Alltag, mit dem die Bergwacht im Elbsandsteingebirge konfrontiert ist. Zudem passiert es immer wieder, dass Besucher in den Kerngebieten der Sächsischen Schweiz auf kleinen Pfaden oder in zerklüfteten Schluchten vom Weg abkommen und die Orientierung verlieren. Wer sich in der Zeit verschätzt und in die Dunkelheit gerät, braucht in manchen Gebieten schon einiges an Erfahrung, um sich zurück zum Auto zu finden. Notlagen können in den Bergen mannigfaltige Gründe haben, nicht alle sind selbst verschuldet. Doch zu den häufigsten Unfallursachen gehören laut Thomas Kegel von der Sebnitzer Bergwacht immer wieder dieselben Fehler: Selbstüberschätzung, mangelnde Vorbereitung und Geländeunkenntnis, sowie unzweckmäßige Ausrüstung und Kleidung. Keineswegs geht dabei jeder Rettungseinsatz auf das Konto von Touristen. Es geraten auch erfahrene Wanderer in Bergnot. Immer öfter trifft es die älteren Semester, die an den zumeist steilen Auf- und Abstiegen der Sächsischen Schweiz an ihre Grenzen geraten. Und manchmal sind gerade bei den alten Hasen Unvernunft und Übermut im Spiel. „Erst drei große Biere am Lichtenhainer Wasserfall trinken und dann noch zum Winterberg laufen – im Hochsommer, bei 30 Grad – das funktioniert nicht“, sagt Bergretter Thomas Kegel.

Rettungshubschrauber über dem Rauenstein
Im Ernstfall können Minuten über Leben und Tod entscheiden. Per Hubschrauber sind die Rettungskräfte binnen kürzester Zeit beim Patienten. (Foto: Stefan Falkenau)

Es liegt auf der Hand, dass außerdem die schiere Masse der Wanderer einen Einfluss auf die Unfallzahlen hat. Bei der letzten Erhebung im Jahr 2009 wurden allein auf dem Gebiet des Nationalparks, der nur etwa ein Viertel der Sächsischen Schweiz einnimmt, 1,7 Millionen Besucher gezählt. Outdoor liegt im Trend. Auf der Suche nach Abstand zum stressigen Lebensrhythmus der Stadt, hungrig nach Ruhe, ein bisschen Abenteuer und uriger Natur kommen immer mehr Menschen in die Berge. Nicht nur in Sachsen. Roland Ampenberger, Sprecher der Bayerischen Bergwacht, bringt den hohen touristischen „Nutzungsdruck“ auf Gebirgsregionen wie die Alpen in einen ursächlichen Zusammenhang mit der gestiegenen Zahl der Unfälle. Die macht auch dem Deutschen Alpenverein Sorgen. Der Bergsportverband mahnte im Sommer zu mehr Vorsicht: Viele Unglücke seien vermeidbar.

Vorbereitung und Erfahrung lassen sich durch nichts ersetzen, bekräftigt auch Stefan Falkenau von der sächsischen Bergwacht. Genügend von beidem zu haben, ist die beste Garantie für eine ungetrübte Wandertour. Obwohl auch eine wetterfeste Jacke, robuste Schuhe oder ein Notfallset im Rucksack das Risiko eindämmen helfen – das Outfit allein ist nur die halbe Miete. Manche Werbeversprechen der Wanderausrüster und Outdoormarken sieht Falkenau deshalb mit durchaus gemischten Gefühlen. Mit dem besten Rucksack und der teuersten Jacke könne man sich vielleicht ein fälschliches Zugehörigkeitsgefühl zu einer bewunderten Szene erkaufen. „Aber nicht das Gefühl fürs Gebirge und seine Gefahren.“

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