Mountainbiking wie zu Witwe Boltes Zeiten

Abfahrt vom Großen Zschirnstein
Auf einem 1950er-Damenfahrrad ist die Schussfahrt nach Schöna mit physiotherapeutischen Aha-Effekten verbunden... (Foto: Mathias Henke)

Die Challenge: Zwei museumsreife Fahrräder ohne Gangschaltung, Felgenbremse und Federgabel. Zwei Männer auf dem höchsten Berg der Sächsischen Schweiz. Eine Schussfahrt – aber nicht nach San Remo! Frei nach dem ältesten Radwanderführer des Elbsandsteingebirges.

Bernhard Böhm war ein Verehrer von Vaseline. Wegen ihrer geschmeidig machenden Eigenschaften empfahl er sie einst als wirksames Mittel gegen die „Gefahr des Heißlaufens“. Womit er nicht etwa auf Anwendungen in libidinösen Bereichen anspielte, sondern ein metallisches Hilfsmittel zur Fortbewegung meinte: Tretlager. Vaseline sei das beste Schmiermittel für nicht mehr ganz rund laufende Fahrradteile – besser als dünnflüssiges Öl, konstatierte Böhm vor über hundert Jahren in einer für seine Zeit beachtlichen Schrift.

Radwanderbuch von Bernhard Böhm
Das historisch wertvolle Fundstück: Der Radwanderführer von Bernhard Böhm. (Repro: H. Landgraf)

Darin geht es allerdings nicht um Mechanik, sondern um Tourismus im Elbsandsteingebirge. Und angesichts der holprigen Schussfahrt, die uns wegen dieses Büchleins bevorsteht, wäre es wohl nützlicher gewesen, zum Stichwort Vaseline den Eintrag in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia ernst zu nehmen: Dort wird die Mineralöl-Salbe Radfahrern nämlich als Hautpflege fürs Gesäß empfohlen! Wie auch immer… Wir haben keine Vaseline dabei und müssen somit ungeschützt in die Spur.

Vielleicht helfen ja unsere derben Manchesterhosen, die schlimmsten Stöße und Stauchungen abzupolstern. Mathias Henke hat sogar noch einen Extraflicken am Allerwertesten. Wir zwei sehen aus wie Statisten einer Bergfolkloresendung in den frühen 50er-Jahren. Kniebundhosen, ausgebeulte Fahrtensäcke, schwere Wanderstiefel – in meinem Fall oben herum noch eine Joppe aus unkaputtbarem Jägerfilz und eine Kopfbedeckung, die den Revolutionären im spanischen Bürgerkrieg alle Ehre gemacht hätte. Wennschon, dennschon. Noch mehr Eindruck machen unsere Fahrräder: Zwei uralte, aus dem wohlverdienten Ruhestand zurückgeholte Exemplare von unklarer Fahrtaugklichkeit. Damit wollen wir die rasante Abfahrt vom höchsten Berg der Sächsischen Schweiz anpacken.

Ein königliches Fahrradland – Sachsen

Die vorsintflutlichen Drahtesel stammen aus Mathias Henkes Zweiradfundus. Der begeisterte Mountainbiker verkauft und repariert Fahrräder und betreibt in Dresden eines der traditionsreichsten Radgeschäfte der Stadt (>>> zur Internetseite). Sein Vehikel ist ein schweres, schwarzlackiertes Herrenrad mit verchromter Lampenfassung und glänzendem Firmensignet, Typ Wanderer, Baujahr 1933. Der Profi fährt selbstverständlich Marke. Der Rücktritt hat augenscheinlich ein paar Altersschwächen – aber er wird gebraucht! Mit der verbliebenen Kraft der Vorderbremse allein käme Henke nach unserer Bergabfahrt wohl erst an der Ostseeküste wieder zum Stehen. Ich als Greenhorn bin besser dran: Mein Rücktritt funktioniert. Dafür muss ich den Parcours weniger nobel auf einem 60 Jahre alten Damenrad absolvieren. Mountainbiking wie zu Witwe Boltes Zeiten…

Mathias am Zirkelstein
Mathias Henke am Zirkelstein. Landschaftlich hat die historische Fahrradroute einiges zu bieten. Aber das Wetter muss halt passen. (Foto: Hartmut Landgraf)

Startpunkt: Das Plateau auf dem Großen Zschirnstein, 562 Meter über Normalnull an einem novembergrauen Tag anno 2015. Challenge: Ein unbehandelter Trail über Waldpfade, Blöcke und Wurzeln, durch Pfützen, Matsch und Laub. Ohne Vollprofil, Felgenbremse und Federgabel. Und alles nur wegen Bernhard Böhm.

Radtourenkarte von 1902
Die erste Radtourenkarte des Elbsandsteingebirges. Zum Vergrößern klicken! (Quelle: Bernhard Böhm, Radwanderbuch Sächsisch-Böhmische Schweiz, 1902)

Im Gegensatz zu uns kann man unserem Vorbild die volle Zurechnungsfähigkeit kaum absprechen. Böhm war einer der frühen Fahrrad-Pioniere und Autor mehrerer Wanderbücher im königlichen Sachsen. Anno 1902 verfasste er den wahrscheinlich ältesten Radwanderführer des Elbsandsteingebirges. Ein dünnleibiges, vergilbtes Heftchen von nicht mehr als 50 Seiten – aber für die Tourismusgeschichte der Sächsischen Schweiz von unschätzbarem Wert! Denn mit seinen insgesamt 22 detailliert beschriebenen Touren beweist der Führer, dass es bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im Elbsandstein eine aktive Szene von Radwanderern gab. Man könnte mit einigem Recht sogar von den ersten Mountainbikern sprechen. Die Abfahrt vom Großen Zschirnstein jedenfalls kann auf einigen Passagen nach heutigen Maßstäben durchaus als anspruchsvoller Einsteiger-Trail gelten.

Praktische Tipps von der Rohr-Prothese bis zur Vaseline

Ausgegraben hat diesen Schatz der Dresdner Bergsport-Historiker Joachim Schindler. Bei Recherchen zur sportlichen Entwicklung des Elbsandsteingebirges stieß er im Historienfundus der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek auf Bernhard Böhms Radwanderbuch. Über den Autor selbst ist wenig bekannt, aber sein Werk dürfte Outdoorfreunde genauso begeistern wie der erste Kletterführer der Region. Böhm beschreibt darin nämlich nicht nur sehr detailreich die von ihm als fahrradtauglich eingestuften Routen rechts und links der Elbe, sondern gibt seinen Zeitgenossen auch noch aus heutiger Sicht sehr unterhaltsam zu lesende Ratschläge mit auf den Weg: Etwa, wie man gebrochene Lenkstangen und Rahmenrohre mittels Holz wieder notdürftig schienen kann. Wie man mit heißer Milch Ölflecken von der Kleidung abbekommt. Warum Bier kein besonders wertvoller Durststiller für unterwegs ist. Oder eben die Sache mit der Vaseline… „In dieser Ausführlichkeit ist mir kein älterer Radwanderführer aus der Region bekannt, wahrscheinlich ist es sogar einer der ersten weltweit“, sagt Joachim Schindler.

Mühsame Bergaufetappe am Zschirnstein
Nicht nur der Redaktör hat´s schwör – ohne Gangschaltung muss sich auch Meister Henke bergauf zum Zschirnstein ziemlich abstrampeln. Noch lächelt er… (Foto: Hartmut Landgraf)
Bergauf wird das Rad stellenweise getragen
Hochzu geht´s ja noch – aber wir müssen das alles auch wieder runter… (Foto: Mathias Henke)
Mit den Fahrrädern auf dem Gipfel des Großen Zschirnstein
Zusammen mit den Rädern sind hier auf dem Gipfelplateau des Großen Zschirnsteins 230 Lebensjahre versammelt. Leider zeigt sich das Wetter grau in grau, das könnte überall sein… (Foto: Hartmut Landgraf)
Orientierungstafel auf dem Gipfelplateau
…aber dieser Beweis gilt. (Foto: Hartmut Landgraf)
Mathias Abfahrt über holprige Waldpfade
Für einen begeisterten Mountainbiker sind solche Waldpfade das richtige Terrain zum Warmwerden. Für ein 1933er-Herrenrad vielleicht das höchste der Gefühle. (Foto: Hartmut Landgraf)

Zurück zum Zschirnstein. Mathias Henke und ich haben uns oben in der Schutzhütte erstmal kräftig Tatendurst angetrunken – was nach der ohne Gangschaltung ziemlich mühsamen und schweißtreibenden Bergetappe von Schöna auch mehr als verdient war. An einem Punkt hatte Henke sein museales Markenrad sogar leicht abfällig als „Küstenexport“ tituliert. Eine rüde Beleidigung für ein so stolzes Beispiel sächsischer Ingenieurskunst namens „Wanderer“! Nun müssen wir aber wieder runter, und ich mache mich insgeheim auf komplizierte Speichenbrüche gefasst – sowohl am Rad als an den Armen. Der stahlgefederte Damensattel sieht auch nicht besonders vertrauenerweckend aus. Die ersten Meter verlaufen aber ganz passabel. Es geht sanft bergab, der Rücktritt macht, was er soll – und die zuckerdünne Schneeschicht stellt für den Grip kein großes Problem dar. Ich jongliere im beherrschten Slalom um Steine und Aststücke herum, genieße den Fahrtwind und finde schon zunehmend Gefallen an der Sache.

Rücktritt – oder der unendliche Bremsweg

Dann kommt das erste Steilstück. Mit einem vermutlich zu übereifrigen Kontratritt in die Pedale will ich die Kontrolle an mich reißen, doch das Heck bricht aus – denn mein von den Toten auferstandener Drahtesel ist schon über den Point of no Return hinweg und nimmt die Abfahrt in ungestümer Lebensfreude an. Da ich mit den Füßen jetzt umso nachdrücklicher gegenhalte, beginnt er statt zu bremsen – wie zum Beweis seines freien unbändigen Willens – einen Veitstanz aufzuführen. Das Hinterrad wedelt mir wie ein verliebter Dackel hinterher und ist anscheinend durch nichts mehr zu stoppen. Mathias Henke mit seinem ohnehin halbversehrten Rücktritt hat sich als erfahrener Mountainbiker der Schwerkraft längst gefügt und seinem Eisenross die Zügel freigegeben. Ich sehe ihn weit vorne im Affentempo zwischen den Bäumen verschwinden und bete, dass ihm keine ausgewachsene Fichte in die Quere kommt. Nun kriege ich auch die Kehrseiten des Damensattels zu spüren. Wie eine Schlagbohrmaschine hämmert mir die hartlederne Spitze genau gegen mein Wurzelchakra und löst dort unerwartete jedoch keineswegs angenehme Gefühle aus. 75 Kilo Mensch plus gefühlte 25 Kilo Fahrrad, zusammengenommen also ein veritabler Hunderter, rauschen und schlingern unkontrolliert die Nordflanke des Zschirnsteins hinunter – und nur dem nasskalten Wetter ist es zu verdanken, dass es auf dieser sonst gut frequentierten Wanderroute keine Zusammenstöße gibt.

Firmensignet der Wanderer-Fahrradwerke
Bis 1945 war dies ein stolzes Zeichen sächsischer Ingenieurskunst – das Firmenlogo der Wanderer-Fahrradwerke in Chemnitz. (Foto: Hartmut Landgraf)

Als wir uns unten am Fuß des Steilstücks wiedertreffen, hat sich Mathias hinter einem Baum postiert und grinsend die Kamera in Anschlag gebracht. Im Vorbeifahren ringe ich mir ein Lächeln ab, weil ich ahne, dass mir sein Beweisfoto sonst keineswegs schmeicheln wird… Neben dem physiotherapeutischen gibt es bei dieser Tour aber auch einen konstruktionstechnischen Aha-Effekt: Während sich von modernen Hightech-Trekkingrädern bei einem solchen Satansritt wohl alle möglichen lebenswichtigen Teile lösen und auf Nimmerwiedersehen im Wald verteilen würden, hat der eiserne Klepper unter mir offensichtlich kein bisschen gelitten! Unten ist noch alles dran und auch in ordnungsgemäßem Zustand. Ich kann es kaum glauben und augenblicklich kehrt das Vertrauen in dieses rustikale Gefährt zurück. Man kann über Bernhard Böhms Vaseline- oder Rahmenbruch-Theorien denken, was man will – einen verlässlichen Untersatz wird er bei seinen Touren durchs Elbsandsteingebirge wohl gehabt haben. Und vermutlich auch jene ordentlich durchtrainierten Muskeln, die nötig sind, um die zeitgenössische Kompaktklasse des Radsports über anstrengende Lang- oder Bergaufstrecken in Bewegung zu halten. Ansonsten aber kann ich Böhms und unsere eigene Drahteselei am Zschirnstein nur mit den Worten eines bekannten gallischen Zwergkriegers oder eines ebenfalls bekannten niedersächsischen Kletter-Satirikers quittieren: Die spinnen, die Sachsen-Biker!

Abfahrt auf der Nordseite des Zschirnsteins
Vom Großen Zschirnstein kommt man ohne Felgenbremse schneller als einem lieb ist wieder zum Ausgangspunkt der Tour zurück – falls kein Baum im Weg steht. (Foto: Mathias Henke)

2 Kommentare zu Mountainbiking wie zu Witwe Boltes Zeiten

  1. Ein wunderbarer Artikel, eine fein umgesetzte Idee. Vielen Dank. Oft wird man ja belächelt wenn man darauf hinweist, dass nicht erst seit es das Wort und das Gerät Mountainbike gibt, auf Pfaden, im Wald und über Stock und Stein Rad gefahren wurde. Ein Teil des Natur-Tourismus wäre ohne das Rad nicht denkbar gewesen und die Anfahrt zu den Zielen endete nicht mit den Chausseen.

    Ich glaube, das Rad wurde aber durch die allg. Motorisierung in den Hintergrund gedrängt und dient jetzt, wo es besser ist als je zuvor, oft ohne haltbare Belege als Sündenbock anstatt es wie in Schottland, Wales, Ireland, Graubünden, Teilen der Sudeten oder oder oder als Chance zu sehen.

    Geländeradtourismus in der Sächs. Schweiz ist noch ein Stiefkind, aber kein Wunder wo man von aussen doch manchmal den Eindruck gewinnt das selbst Wanderer und Stiegenfreunde sich teilweise zurückgedrängt fühlen.

    Geländerad und Sächs. Schweiz in einem Satz zu sagen heißt übrigens nicht, dass ich hier Ansprüche auf Befahrungen des heutigen Nationalparks oder dessen Kernzone erhebe. Da wollen wir gar nicht mit dem Rad in die Fläche. Aber zum Beispiel eine touristisch wirksame und faszinierende echte MTB Route als Verbindung von Hoher Tour zur Lausitz wäre ein Gedanke oder eine länderverbindende Route längs der Elbe oder eine moderne MTB-Konzeption für Gebiete am Westlichen Rand im Übergang zum Osterzgebirge. Da gibt es schon noch Orte, die über ein mehr an Gästen nicht undankbar wären. Familien kommen heute immer mehr als Konglomerat von mehreren Sportlercharakteren. Klettern, Wandern und Biken sind z.B. am Gardasee oder in Finale Ligure Teil eines Urlaubs. Die Naturverträglichkeit von Bikern und ihr Einfluss auf die Wegebeschaffenheit im Vergleich zu Wanderern wir aber leider ohne für mich haltare Belege noch als zu oft falsch bewertet.

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