„Mein Leben ist super“

Impressionen vom Jakobsweg
Auf dem Jakobsweg, einer Jahrhunderte alten Pilgerroute, ist Bruni Hubert von Deutschlands östlichster Stadt bis zum westlichsten Punkt in Spanien gewandert - ohne Pause, viereinhalb Monate. (Fotos: Bruni Hubert/Montage: H.Landgraf)

Bruni Hubert hat es geschafft: Von ihrer Haustür in Görlitz ist die Erzieherin in nur viereinhalb Monaten auf dem Jakobsweg bis an die spanische Atlantikküste gewandert. Nun kehrt sie zurück – mit einer verblüffend einfachen Erkenntnis.

Manchmal muss man quer durch Europa und drei Paar Wanderschuhe zu Schanden laufen, um zu begreifen, dass man zu Hause am glücklichsten ist. Bruni Hubert hat es gemacht. Mit Anfang 50 hat sich die Erzieherin eine Auszeit von ihrem Beruf und ihrer Familie genommen und ist von ihrer Haustür in Görlitz auf dem Jakobsweg bis nach Kap Finisterre an der spanischen Atlantikküste gewandert – für die Menschen im Mittelalter das Ende der Welt. Ein Gespräch über ein 3500 Kilometer langes Abenteuer. Und übers Aussteigen und Ankommen.

 

Bruni im T-Shirt mit Aufschrift Finisher
Das passende Label zur Tour. Was Bruni anfängt, macht sie auch fertig… (Foto: privat)
Bruni mit der Pilgerurkunde Compostela.
Die sogenannte Compostela ist die traditionelle Urkunde, mit der sich Pilger in Santiago die Vollendung ihrer Reise bescheinigen lassen können. (Foto: privat)

Bruni, nach 3500 Kilometern – wie fühlen sich die Füße an?

Besser als am Anfang. Ich hatte zuletzt keinerlei Blasen oder Druckstellen mehr.

Wie das?

Ich hab dafür meine eigene Methode entwickelt: Wenn du eine Blase hast, stichst du sie mit einer Spritze an der einen Seite auf und ziehst die Flüssigkeit raus. Von der anderen Seite spritzt du Jod rein. Das kostet Überwindung, aber es tut nicht weh. Am nächsten Tag hast du vielleicht noch Schmerzen, aber dann ist es vorbei, dann trocknet die so richtig schön aus. Zurück bleibt nichts als ein roter Fleck auf der Haut.

Und wieviel Paar Schuhe hast du durchgelaufen?

Die ersten Schuhe hab ich schon in Leipzig getauscht. Sie waren aus Leder und wurden in der Hitze so eng, dass es mir die Füße abgedrückt hat. Das zweite Paar hat 1500 Kilometer durchgehalten. In Frankreich musste ich sie dann irgendwann neu besohlen lassen. Und in Logron͂o in Spanien sind sie endgültig kaputt gewesen. Das dritte Paar hat dann gerade so bis zum Ende gehalten.

Zum Nachlesen >>> Brunis Online-Tagebuch
Der Start in Sachsen >>> Von Görlitz bis ans Ende der Welt

 

Erzähl mal, wie hast du deine Ankunft an der Atlantikküste erlebt?

Das Lustige war, dass mir alle Leute schon in Santiago gratuliert haben. Bis ich denen erklärt habe, dass ich noch bis zum Meer weiterlaufe, bis zum Kap Finisterre. Aber auf der letzten Etappe wollte uns der liebe Gott wohl noch mal die ganzen Härten des Jakobswegs zeigen: Es ging hoch und runter und hat nur so geschüttet. Es gab auch keine Bar, wo man hätte reingehen können und einen Kaffee trinken. Das waren fürchterlich anstrengende 29 Kilometer. Am Ziel war ich klatschnass und hatte überhaupt keine Lust mehr zum Kap rauszulaufen. Am nächsten Morgen war es wenigstens trocken. Am Kap war kaum jemand. Drei Touristen liefen da herum. Die Kneipe hatte zu. Aber am Meer saß eine Frau ganz allein und sang, das war wunderschön.

Viele Pilger verbrennen dort ihre Sachen. Hast du das auch gemacht?

Nein. Ich hatte zwar das Feuerzeug eingesteckt und meine ganzen alten Socken mitgenommen. Aber als ich hinkam und dann überall diese schwarzen Löcher sah – hier ein halber BH, dort der verbrannte Rest einer Unterhose – das war wirklich kein schöner Anblick… „Mach Liebe und kein Feuer“, hatte jemand dort auf den Boden geschrieben. Da hab ich meine Sachen wieder mitgenommen und sie im Müll entsorgt, wie es sich gehört.

Steppenlandschaft der spanischen Meseta
Typisch Meseta – flach, trocken und endlos. Für Jakobspilger ist die spanische Hochebene vor allem im Sommer eine echte Durststrecke. (Foto: Bruni Hubert)

Ein verregnetes Ende. Wie war das Wetter sonst?

Ich hatte totales Glück. Bis auf drei oder vier Tage Regen war immer Sonne…

Aber keine sengende Hitze. . .

Nein. Ich war ja erst Mitte Oktober da. Die Höchsttemperaturen in Spanien lagen knapp über 20 Grad. Als ich in den Pyrenäen über den Pass kam, hatte ich Nebel und es war eisig kalt. Ich musste alles anziehen, was im Rucksack war…

Das langersehnte Ortsschild. (Foto: H. Landgraf)
Das langersehnte Ortsschild. (Foto: H. Landgraf)
Allgegenwärtig in Spanien: der gelbe Pfeil des Jakobswegs. (Foto: H. Landgraf)
Ständiger Begleiter. (Foto: H. Landgraf)

Dein Plan war ursprünglich, Weihnachten am Ziel zu sein. Warum ging das so schnell? Wolltest du die Tour zuletzt nur noch hinter dich bringen?

Gar nicht. Im Gegenteil: Ich war selbst überrascht, dass es insgesamt so zügig ging – und vor allem, wie schnell man Spanien durchläuft. Die Meseta ist ja total flach, da kannst du 30 Kilometer am Tag laufen, ohne dass du es merkst. Als mich mein Mann irgendwann fragte, ob er mir für den 21. November einen Rückflug buchen soll, dachte ich, er macht Witze…

Cruz de Ferro
Am legendären Cruz de Ferro befreien sich Jakobspilger symbolisch von allen Lasten, indem sie an seinem Fuß einen Stein ablegen. Brunis „Stein“ ist ein lustiger kleiner Weggefährte aus einer sächsischen Töpferwerkstatt. (Foto: Bruni Hubert)

Bestimmt gab es unterwegs aber auch mal einen Hänger. . .

Wie meinst du das?

Den Moment, wo dich die Lust verlässt und du aufgeben willst.

Also, die Lust hat mich nie verlassen! Ich bin wirklich jeden Morgen aufgewacht und hab mich gefreut, dass ich weitergehen kann. Es gab schon mehrere Krisen, aber das hatte nichts mit dem Wandern zu tun. In Metz in Frankreich bin ich mal fast verzweifelt, weil ich mich so einsam gefühlt hab. Ich hatte schon zwei Wochen lang kein Wort Deutsch mehr gesprochen, und um mich herum waren lauter fröhliche französische Familien… Da wollte ich nach Hause zu meinem Mann. Aber dann hat mich meine Tochter angerufen und mir den Kopf gewaschen. Sie meinte, wenn ich mich einsam fühle, soll ich gefälligst weiterpilgern – und so war es dann auch: Am nächsten Morgen kam ich durch einen kleinen Ort. Und da saß an einer Treppe ein einsamer Pilger aus Deutschland – der erste seit Wochen. Wir sind dann drei Tage zusammen gelaufen…

Die kleinen Wunder des Jakobswegs. . .

Ja. Ein anderes Mal hatte ich mich in Frankreich total verirrt. Als ich endlich den richtigen Weg fand, hat mich jemand nochmal in die falsche Richtung geschickt – keine Ahnung, ob versehentlich oder in voller Absicht. An dem Tag waren es mindestens 30 Grad, und ich bin 47 Kilometer gelaufen. Und als ich dann ankam, war das Tourismusbüro natürlich schon zu, ich hatte noch kein Bett und wusste nicht, was ich machen sollte – da hab ich mich in die Kirche gesetzt und erstmal mörderisch geheult. Dann bin ich durch den Ort gezogen und war wild entschlossen, im erstbesten Hotel einzuchecken, egal zu welchem Preis. Plötzlich rief jemand meinen Namen. Ein Ehepaar aus Kiel, die ich vorher mal kennengelernt hatte. Die hatten mir ein Zimmer reserviert…

Bruni vor der Kathedrale von Santiago de Compostela
Für viele Pilger ist sie das Ende des Wegs: die Kathedrale von Santiago de Compostela. Für Bruni ist sie nur ein besonders großer Meilenstein auf dem Weg zum Meer. (Foto: privat)

Für viele ist der Jakobsweg ein Scheideweg im Leben. Was ist er für dich?

Der Weg verändert einen, das ist vollkommen klar. In Saint Jean Pied de Port kurz vor den Pyrenäen hab ich schon darüber nachgedacht, wann und wo ich das nächste Mal laufe. Das konnte ich mir 500 Kilometer vorher noch gar nicht vorstellen. Der Weg verändert die Blickwinkel. Ich hab gemerkt, dass ich eigentlich dankbar sein kann, wie gut es mir geht. Dass ich ein total glücklicher Mensch bin – mit meinem Mann und meiner Familie. Ich hab so viele Leute kennengelernt, die unterwegs nur Stress mit ihren Leuten zu Hause hatten. Meine Familie hat immer hinter mir gestanden. Und ich hab gemerkt, dass ich mich auf meine Arbeit freue und dass sie mir totalen Spaß macht. Also ich muss mein Leben nicht ändern, denn mein Leben ist super. Ich denke auch, dass ich anderen gegenüber toleranter geworden bin. Auf dem Weg laufen so viele verschiedene Leute, und man kommt einfach so zusammen – spätestens, wenn man gemeinsam am Waschbecken steht oder sich das Duschgel teilt. Man erfährt so viel über das Leben der Anderen. Das ist einfach Wahnsinn.

Wie geht’s jetzt weiter? Beginnt jetzt wieder dein ganz normales Leben?

(Lacht). So normal ist es für mich ja gar nicht mehr. Ich versuche mich gerade zurechtzufinden und lebe noch ein bisschen zwischen den Welten: Einerseits bin ich total froh hier zu sein und meine Familie um mich zu haben, aber sobald ich nach draußen gehe, schwirren meine Gedanken sonst wo hin. Ich funktioniere noch nicht richtig. Ich sehe zwar Arbeit, habe aber noch keine Lust, mich daran zu beteiligen. Ich muss das alles wohl erstmal sacken lassen. Gestern bin ich zum ersten Mal wieder Auto gefahren – das ging ganz schön langsam. Ich denke, das alles gehört zum Heimkehr-Blues. Mir ist noch gar nicht richtig nach Advent und Weihnachten zumute, ich hab keine Lust Plätzchen zu backen, obwohl ich das sonst total gerne mache. Momentan sitze ich lieber am PC und sortiere meine Fotos. Gottseidank hab ich noch zwei Monate Zeit. Ich freu mich auf meine Arbeit. Aber es ist ganz gut, dass sie erst im Februar wieder losgeht…

Bruni mit zwei Weggefährten am Kap Finisterre
Am Kap Finisterre steht der letzte Kilometerstein des Jakobswegs – mit der Marke 0,0 Kilometer. Bruni ist am Ziel. Hier mit zwei Weggefährten – den beiden Holländern Han (links) und Willem. (Foto: privat)

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