Alles im Fluss

Nachtlager an der Pene
Inmitten von Binsen und Birken kann man die Stille fast mit Händen greifen. Nachtlager am Ufer der Peene. (Foto: Hartmut Landgraf)

Wenn man ungestört über sich selbst nachdenken will, gibt es keinen besseren Ort auf Erden als Mecklenburg-Vorpommern im Winter. Drei Tage allein auf der Peene – unter Graureihern, Seeadlern und Bibern. Im strömenden Regen, den Wind im Gesicht und die Hände steif vom eiskalten Wasser. Die Geschichte einer kleinen Auszeit.

Der Himmel kennt kein Erbarmen, den ganzen Tag hat er seine Schleusen geöffnet. Der Wind treibt mir die Regenschauer direkt ins Gesicht. Auf dem Fluss gibt es kein Entkommen, und bevor ich ans Ufer gepaddelt und aus dem schuhkartonengen Kajak an Land geklettert bin, ist die erste Husche längst vorüber und die nächste schon im Anmarsch. Meine Hände sind steif vom eisigen Wasser, die Beine taub von der ungewohnten Sitzhaltung. Mir ist kalt, ich habe Hunger – und das alles fühlt sich so herrlich richtig an!

Der Sandsteinblogger paddelt die Peene
Einen Augenblick lang mit dem Leben im Fluss… (Foto: Hartmut Landgraf)

Vielleicht könnte man die Geschichte so beginnen. Ende Februar, ich hocke unweit von Anklam mitten im dünn besiedelten Binnenland von Mecklenburg-Vorpommern in einem Zelt und schreibe ein paar Notizen ins Tagebuch. Rings um mich herum erstreckt sich eine Wasserwildnis – und hindurch fließt ein Fluss, den Paddler nicht umsonst als „Amazonas des Nordens“ bezeichnen: die Peene. Endlose Schilfgürtel und mangrovenartige Urwälder säumen ihre Ufer. Moorbirke, Eberesche und Schwarzerle wachsen wild durcheinander. An den Prielen und Seitenarmen haben Biber aus Aststücken und Knüppeln mannshohe Burgen errichtet. Darüber ziehen am Himmel Seeadler und Kornweihen ihre Kreise. Auf seinen 136 Kilometern ist der Fluss ein wahres Naturparadies und Lebensquell einer der größten zusammenhängenden Niedermoorlandschaften Europas. Um ungestört seinen Gedanken nachzuhängen, gibt es keinen besseren Platz auf Erden.

Schilfhalm
Schilfhalme im Wind… (Foto: Hartmut Landgraf)
Schilf im Gegenlicht
… und im Gegenlicht. (Foto: Hartmut Landgraf)

Aber im Winter? Wenn Stürme übers Moor fegen und einem der ewige Landregen beständig aufs Gemüt schlägt? Der einsame Angler, der mir am Bootsanleger in Anklam ein Lebewohl zuwinkt, hält mich offensichtlich für verrückt. „Pass auf, hinter der nächsten Biegung ist noch Eis“, ruft er mir vom Ufer aus zu. Das stimmt zwar nicht, zeigt aber, dass meine Geschichte einer Erklärung bedarf. Und deswegen muss ich sie anders beginnen, irgendwie persönlicher: Es ist wohl so, dass ich manchmal ein bisschen Abstand von der Welt suche, um zu mir selbst zurück zu finden. Ich rechtfertige dass oftmals damit, dass ich für irgendetwas Raum und Zeit zum Nachdenken brauche. Aber wenn ich ehrlich bin, will ich eher das genaue Gegenteil: nämlich den Kopf lüften und offene Horizonte sehen. Und nirgendwo kann ich das besser als in meiner alten Heimat. Für mich ist diese raue Landschaft im Norden – die Kindheit. Bevor ich nach Sachsen und ins Elbsandsteingebirge kam, waren sie die ersten paar Jahre meines Lebens mein Zuhause: die Ostseeküste und ihr ackerbraunes windgebürstetes Hinterland. Ich habe sie nie vergessen und liebe sie noch heute: die klare, salzige Luft, die manchmal spröde wirkende Herzlichkeit der Menschen, das weite Land und den bleigrauen Himmel. Von Zeit zu Zeit muss ich das spüren, mir das Herz daran stillen und beide Hände eintauchen in dieses erdnahe Stück Heimat. In die Peene zum Beispiel.

Schneeglöckchen
Auch in Mecklenburg-Vorpommern hat der Frühling schon seine ersten Boten geschickt. (Foto: Hartmut Landgraf)

Der Sandsteinblogger auf Tauchstation im norddeutschen Outback. Auch so könnte die Geschichte anfangen. Ich sitze mit nassem Hintern im Zelt, lausche nach draußen in den Regen und versuche, eine SMS heimwärts nach Sachsen zu schicken. Wenn das Netz weg ist, bin ich ebenfalls weg. Der Rest der Welt muss warten, bis mein Handy wieder Empfang hat. Normalerweise fühlt sich das gut an. Aber hier draußen hat die Sache auch einen Haken: Wenn das Netz weg ist, ist nämlich auch die Welt weg – fast so, als wäre ich auf dem Mars gelandet. Ich müsste einen Kilometer durchs Schilf landeinwärts laufen, um wieder in Kontakt mit Menschen zu kommen, oder zwei Stunden den Fluss runterpaddeln. Beides ist nach Anbruch der Dunkelheit nicht gerade verlockend. Es gibt Orte, wo es nachts nicht besonders ratsam erscheint, sicheren Boden zu verlassen. Das Moor gehört ganz klar dazu. Wenn ich nicht aufpasse, stecke ich hier überall bis zu den Knien tief im eiskalten Sumpf.

Flusslauf im Abendlicht
Abend an der Peene – mal ohne Regenwolken! (Foto: Hartmut Landgraf)
Urwald an der Peene
So sieht Wildnis in Norddeutschland aus – ein Stück Urwald am Ufer der Peene. (Foto: Hartmut Landgraf)

Der Bootsanleger unweit des Dörfchens Liepen, wo ich gelandet bin, ist verwaist. Auch auf dem Fluss habe ich den ganzen Tag über keine andere Menschenseele getroffen. Allein unter Binsen und Birken – und das buchstäblich. Die Stille ist so vollkommen, dass man sie mit Händen greifen kann. Nur hin und wieder zeigt das Moor seine Gegenwart mit einem leisen Schmatzen und Glucksen an. Im Vorzelt faucht der Gaskocher unterm Suppentopf. Es klingt fast gemütlich. Ich ziehe die Kamera aus dem Futteral und sichte die Ausbeute auf der Speicherkarte. Ein paar Graureiher haben mich heute zum Narren gehalten, ich konnte mit dem Boot nie dicht genug an sie herankommen. Ansonsten zeigt mir das Display bloß eine graue, verregnete Einöde. Ich lege die Hände in den Schoß – es gibt nichts zu tun. In Gedanken lasse ich die vergangenen Wochen und Monate noch einmal Revue passieren. Es war eine anstrengende, arbeitsreiche Zeit. Das Online-Magazin, das ich seit über einem Jahr betreibe, entwickelt sich. Inzwischen liegt die erste Druckausgabe in den Geschäften, der MDR wird sogar in seiner Bergsportsendung BIWAK darüber berichten.

Seitenarm der Peene
Die zahllosen Seitenarme der Peene führen tief hinein ins Moor. Und dort gibt es eine ganze Menge zu entdecken… (Foto: Hartmut Landgraf)
Graureiher
Die Peene ist ein Vogelparadies, 160 Arten leben hier. Der Graureiher gehört zu den größten… (Foto: Hartmut Landgraf)

Grund genug sich zu freuen. Doch wie geht das weiter? Welchen Weg muss ich gehen, welche Geschichte als nächstes schreiben? Genau das sind die Fragen, die jedes Startup begleiten – und die ich hier draußen so wunderbar loslassen kann. Ich blicke zum Zelt hinaus auf die Peene, die sich wie ein silbergraues Band in die Nacht verliert. Hier stellt das Leben keine großen Fragen. Alles regelt sich von selbst: Im Frühling baut sich die Natur ihr Nest. Den lieben langen Sommer verträumt sie in stiller Einkehr in ihrem warmen Schilfbett, nur die Mücken und Paddler stören den Frieden. Wenn der Herbst von Westen die ersten Regenschauer und Stürme heranbringt, sucht sie sich einen Unterschlupf für den Winter. Und dann beginnt alles wieder von vorn. Es wohnt eine große Ruhe in solchen Bildern. Wenn man sie nur lange genug anschaut, überträgt sich das. Der Kopf wird still und die unnützen Gedanken hören auf.

Es spielt im Grunde keine Rolle, wie Geschichten anfangen. Auch nicht, ob sie ein schlüssiges Ende haben. Es kommt darauf an, dass man sie anpackt und dass sie von innen her leben. Ich schreibe meine SMS zu Ende, nehme den Suppentopf vom Kocher, lehne mich zurück auf die Matte und lasse die Zeit durch mich hindurchfließen. Vielleicht werde ich morgen noch mal versuchen, einen Graureiher zu fotografieren. Vielleicht muss ich wieder mit klammen Sachen in einen unterkühlten Schlafsack schlüpfen. Wer weiß – oder ich finde in einem der Dörfer eine Kneipe, die einem einsamen Bootsmann heißen Kaffee oder Grog serviert. Warum sich Sorgen machen? Alles kommt wie es kommt. Alles ist im Fluss.

Silhouette von Anklam
In der Ferne grüßen die Backsteinkirchen der Hansestadt Anklam. (Foto: Hartmut Landgraf)

 

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