Im Bett mit dem Winter

Ein Mann mit Lampe unter einem Felsen - Nachthimmel, verschneiter Wald
Eine andere und fast schon vergessene Sächsische Schweiz: Tiefgefroren. Zugeschneit bis zum Rand. Still und mystisch. Den ganzen Januar über war das Gebirge das reinste Wintermärchen. Nachts ist dieser Zauber noch um einiges stärker! (Foto: Hartmut Landgraf)

Wenn das T-Shirt neben dem Rucksack steht und die Mineralwasserflasche so hart wird wie Ernest Hemingways Leber, dann ist der Winter endlich mal so wie er sein soll. Über den kältesten Januar seit Jahren – und die wohl schönste Art zu frieren.

Schwarzer Tee ist wie ein ruheloser Hund. Er hat einen leichten Schlaf. Meist wird er früh munter, wenn der Tag noch blau hinterm Horizont vor sich hin dämmert, und will raus. Aber es gibt Tage, an denen man nicht mal einen Hund nach draußen lässt. Das Thermometer vor meiner Nase zeigt acht Grad Minus an – vielleicht, weil es die ganze Nacht in einer warmen Atemwolke stand. In Wirklichkeit ist es kälter. Viel kälter! Je mehr der Tee drängelt, umso sicherer weiß ich das. Draußen fegt der Winter übers Land. Nur aus dem Schlafsack konnte ich ihn vertreiben. Die Sächsische Schweiz sieht aus wie ein Gefrierfach, das lange nicht abgetaut wurde. Erstarrt zu Eis. Zugeschneit bis zum Rand. Seltsam dunkel. In den Zeitungen war von sibirischen Verhältnissen die Rede. Es ist der kälteste Januar seit Jahren.

Mann mit Topf und Kocher unter Felsen, verschneiter Wald, Nacht
Schwarzer Tee, Met, Nudelsuppe – alles in einem Topf, aber natürlich nicht alles zusammen. Abgewaschen wird zwischendurch mit Schnee. (Foto: Hartmut Landgraf)
Steifgefrorenes T-Shirt, Rucksack, Winterwald, Nacht
So sieht´s aus, wenn man sein T-Shirt in die Ecke stellen kann… (Foto: Hartmut Landgraf)

Man muss den Winter über alles lieben, um mit ihm ins Bett zu steigen – aber im Elbsandsteingebirge machen das einige. Draußen bleiben. Nächte unter freiem Himmel verbringen, wenn die Temperaturen tief in den Keller sacken und man sein Lebensgefühl viel bequemer mit dem Heizungsknopf regulieren könnte. Es gehört zu den Traditionen dieser Landschaft – und es passt auch gut zu ihr: das Winterboofen. Sachsens Bergsteiger sind bekannt dafür, gerne unter ihren Felsen zu schlafen. Von April bis Oktober zumindest. Sich nachts den Schnee ins Gesicht stieben zu lassen und im Kampf um das mühsam herbei gebibberte bisschen Schlafsackwärme gegen die eigene Blase zur Wehr zu setzen, ist selbst in Bergsteigerkreisen nicht jedermanns Sache. Außenstehende schütteln oft bloß den Kopf. Der große Dante Alighieri stellte sich den neunten Kreis der Hölle als einen bitterkalten Ort mit eisbedecktem Boden vor. Dante war freilich kein Sachse, sondern Italiener. Aber das bullaugengroße Stück Welt, dass die Kapuze meines Schlafsacks freigibt, sieht genauso aus.

Thermometer zeigt Minus 8,5 Grad Celsius an
Guten Morgen!
Plasteflasche wird mit Messer aufgeschnitten, gefrorenes Trinkwasser
An der Haltbarkeit dieses Mineralwassers besteht kein Zweifel.
Topf mit Eis und Teebeutel
Eistee.

Zu den Reibungsverlusten einer solchen Nacht gehört in meinem Fall ein T-Shirt, dass mir beim Aufstieg zum Riff erst schweißnass am Leib klebte, um sich dann, kaum ausgezogen,  binnen Minuten in eine seltsame Vogelscheuche zu verwandeln, frosthart und stabil wie ein Brett – und auch genauso zu handhaben. Der Winter ist eben ein großer Verwandlungskünstler, der vergänglichen Formen so etwas wie Stabilität und Dauerhaftigkeit verleiht und selbst ein Hemd in seiner gefriergetrockneten Schönheit wie ein Schild in die Landschaft stellt. Zu den Tücken des Winterboofens gehört ferner das Problem der Trinkwasseraufbereitung. Ist der Aggregatzustand in der Flasche erst einmal von flüssig zu fest übergegangen, lässt er sich nur mit brachialer Gewalt rückgängig machen: Eine Plasteflasche kann man aufschlitzen und ausweiden wie einen toten Fisch. Eine Glasflasche müsste man behutsam im Wasserbad erwärmen… Doch Wasser gibt´s ja keins. Obacht gilt auch der Versuchung, mit Schuhen in den Schlafsack zu steigen oder gegen die Kälte mehr Met zu trinken als unbedingt nötig. Ersteres bezahlt man alsbald mit kalten Füßen, weil jeder Schlafsack dazu neigt, in seinem Inneren genau die Temperatur zu konservieren, die ihm angeboten wird – der Schuh lässt die Körperwärme nicht ins Fußteil gelangen. Im zweiten Fall werden nicht bloß die Füße kalt, sondern der ganze Leib, weil Alkohol die Poren öffnet.

Trotzdem kenne ich kaum eine schönere Art zu frieren – als Winterboofen in der Sächsischen Schweiz. Und in diesem Jahr ist der Winter endlich mal so wie er sein soll! Was spielt es schon für eine Rolle, ob die Wasserflasche so hart wird wie Ernest Hemingways Leber. Irgendwann wurde ich wach, weil sich das Zugband des Schlafsackkragens etwas gelockert hatte und die Nacht mit ihren kalten Fingern nach meinen Schultern griff. Die Felsen sahen in stiller Einkehr auf mich herab wie schwarze Riesen im Gebet. Und über meinem Kopf funkelten die Sterne in ihrer reinen, unberührten Pracht wie die Lichter einer himmlischen Stadt. Es war atemberaubend. Ich sah hinauf in dieses uferlose Universum und staunte – wie ein kleiner Junge. Wenn ich daran zurückdenke, fällt mir ein witziges Zitat von Farley Mowat ein: „Ich glaube an Gott auf die gleiche Art wie mein Hund“, schreibt der Kanadier. Man muss sich diesen Satz vielleicht mit etwas Schnee und Met auf der Zunge zergehen lassen, damit er seine volle Wirkung entfaltet. Aus ihm spricht die schiere ungetrübte  Daseinsfreude, die nichts vom Gefühl In-der-Welt-zu-sein hinterfragen und verstehen will. Ein Satz, der gut zum Boofen passt – ein Zitat mit frischen, frostroten Apfelbacken!

Der schwarze Tee wird übermächtig. Knurrend schäle ich mich aus dem Schlafsack und steige in Socken hinaus in die arktische Morgenkälte. So ein Hund ist viel einfacher gestrickt. Er folgt seinen Trieben ohne groß nachzudenken – und sei es hinaus in den Schnee. Das Unmittelbare – und nur das! – ist für ihn von Bedeutung. Eine wunderbare Lebenshaltung. Ich stapfe ein paar Meter vom Fels weg zu einem Baum und lasse dem Hund seinen Lauf.

Verschneites Felsriff in der Nacht
Es gibt kaum etwas Schöneres als eine Winternacht im Freien. Man schaut aus dem warmen Schlafsack hinauf ins uferlose Universum und staunt – wie ein Kind. (Foto: Hartmut Landgraf)

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