Der Stadtrundgang

Weites, verschneites Land. Einsamkeit. Stille. Am Stadtrand von Dresden fühlt man sich stellenweise wie in einem Jack-London-Roman. Sechs Tage dauert es, die sächsische Großstadt zu Fuß zu umrunden. Ein Wanderabenteuer in der 15-Kilometer-Zone.

Die Grenze zwischen Sachsen und Alaska verläuft ein Stück nördlich der A4, nahe Unkersdorf. Dort beginnt die Tundra. Heftiges Schneetreiben setzt ein. Teile der Landschaft verschwinden im Flockenwirbel. Alleebäume, Leitpfosten und Strommasten – alles was eben noch zivilisiert und vertraut schien, wird zu einem ungewissen Etwas von schemenhafter Gestalt. Der Wind weht die Straße zu. Sekunden später liegt alles unter einer weißen Decke begraben. Jack London hätte es vielleicht so beschrieben: „Tiefes Schweigen lag über dem Land, das eine Wildnis war, ohne Leben, ohne Bewegung, so einsam, so kalt, dass die Stimmung darin nicht einmal traurig zu sein schien.“ So lauten die ersten Zeilen von „Wolfsblut“ – eines der berühmtesten Abenteuerromane des 20. Jahrhunderts. Nur das Rauschen der Autobahn stört.

Quelle: GeoSN (bearbeitet)
  • Der Kreisumfang errechnet sich nach der Formel 2πr und beträgt bei einem Radius von 15 km genau 94,2 km.
  • Die gemäß Straßen- und Wegenetz tatsächlich zurückgelegte Distanz (grüne Linie) beträgt 138,7 km.

„So ein Bullshit“. Diesen Kommentar hatte jemand Tage zuvor unter meine Tourankündigung geschrieben. Manchmal sagt Facebook die Wahrheit. Ich bin den fünften Tag unterwegs, immer zu Fuß die Straße lang. Wie ein Hobo, jeden Tag woanders. In meiner Erinnerung sind die Landschaften und Orte inzwischen so durcheinandergewirbelt und verschwommen wie das Bild vor meinen Augen. Nur der Asphalt hat sich schmerzhaft und nachhaltig eingeprägt. Gleich zu Anfang habe ich mir Blasen gelaufen und mein Vorhaben seitdem mehr als einmal bitter verflucht. Kein Mensch wandert aus freien Stücken mitten im Winter auf den Landstraßen herum. Die Kälte kriecht mir durch die Hosenbeine bis in alle Knochen. Im Rucksack steckt eine Thermoskanne mit heißem Tee, aber das Ding drückt so schwer auf die Schultern, dass jedes Auf- und Absetzen zur Tortur wird. Und bei all den Strapazen komme ich nicht mal richtig vom Fleck. Im Grunde bin ich bislang gut 80 Kilometer im Kreis gelaufen.

Einmal rund um Dresden. Das ist der Plan. Von Unkersdorf sind es noch knapp 60 Kilometer zurück bis zum Ausgangspunkt der Tour. Sachsen befindet sich im Lockdown, zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres. Die Pandemie zwingt uns ihre Regeln auf. Seit Wochen gelten im Freistaat wieder Kontakt- und Bewegungsbeschränkungen. 15 Kilometer, weiter darf sich niemand ohne triftigen Grund von der eigenen Wohnung entfernen. Die Leute sollen nach Möglichkeit zu Hause bleiben. Die Regierung befürchtet eine dritte Infektionswelle.

Am Stausee Oberwartha.

Irgendwann werden die eigenen vier Wände aber zu klein. Bewegungsmangel schlägt aufs Gemüt. Wenigstens mal ein Stück aus der Stadt raus ins Grüne laufen. Am liebsten gleich für ein paar Tage. Doch wie soll das gehen? Wenn man die Grenze des Möglichen schon nach nicht mal fünf Wegstunden erreicht? John Muir hätte die Sache mit einem Sprung über den Gartenzaun verglichen. Diesen schwer beherrschbaren Drang aufzubrechen, auch über Grenzen hinweg. Die gesetzten Kreise zu verlassen, nur um zu erfahren, was hinter der nächsten Ecke kommt. Das ist menschlich. Es steckt tief in uns drin. Und es macht erfinderisch. Die Idee für ein ungewöhnliches Abenteuer ist geboren: Ein 15-Kilometer-Radius ergibt im Umfang einen Kreis von knapp 95 Kilometern. Würde man immer seiner Außenlinie folgen, wäre die Tour vielleicht vier Tage lang. Und weil niemand genau dort, wo der Kreis ist, eine Ringstraße um Dresden gebaut hat, wird die Wegstrecke in Wirklichkeit noch um einiges länger – knapp 140 Kilometer. Das Beste aber ist: Ich kenne davon keinen Meter. Denn normalerweise kommt mir nie in den Sinn, John Muirs Sprung über den Zaun wörtlich zu nehmen – und so unmittelbar vor der eigenen Haustür auf Entdeckungstour zu gehen.

Blick zum Lilienstein, bei Bonnewitz.

Unkersdorf ist auf dieser Runde nichts weiter als eine Wegmarke. Ein hübscher kleiner Ort am Stadtrand von Dresden. Knapp 200 Menschen leben dort, es gibt eine alte Kirche mit Friedhof, ein paar gepflegte Höfe und Einfamilienhäuser und rund zwei Dutzend Grundstückseinfahrten und Straßenecken. Die Sorte Dorf, durch das man in höchstens zehn Minuten hindurchspaziert ist, ohne dabei etwas Wesentliches zu verpassen. Unkersdorf ist der westlichste Ortsteil der sächsischen Landeshauptstadt. Vor allem aber liegt es – und das macht den Ort für mich zu etwas Besonderem – gerade noch in meiner 15-Kilometer-Zone.

Auf dem Tanneberg bei Arnsdorf.

Jack London hätte seine helle Freude an mir: Ich sehe aus wie ein verirrter Trapper. Meine Wanderstiefel sind schneeverkrustet, auf Mütze und Kapuze hat sich eine dicke Schicht Reif festgesetzt, das Gesicht ist blass vor Kälte, die Augen tränen, im Bart hängen Eiszapfen. In diesem Aufzug stapfe ich gebeugt von der Last des Rucksacks und schweren Schritts nach Unkersdorf herein – und bin sofort Tagesgespräch bei den Dorfkötern. Ansonsten scheine ich hier niemanden zu kümmern. Kein Mensch steckt seine Nase aus der Tür, nirgendwo kommt jemand an den Zaun. Das Gebell verfolgt mich noch eine Weile. Dann ist es wieder still.

Kurz hinter Arnsdorf.
Unweit von Grünberg im Seifersdorfer Tal.

Ich habe längst aufgehört, die Orte zu zählen. Wünschendorf, Dürrröhrsdorf, Wilschdorf, Arnsdorf, Seifersdorf, Ottendorf-Okrilla, Bärnsdorf… Die Abstände zwischen den Siedlungen sind selten größer als drei, vier Kilometer. Man muss die Augen schon ganz gehörig zukneifen, um zwischen dem letzten Haus am Ende des Dorfes und dem nächsten Ortseingangsschild ein paar Züge jener weiten und einsamen Landschaften zu entdecken, in denen Jack Londons Romane spielen. Heftiges Schneetreiben beflügelt natürlich die Fantasie. Noch besser wäre dichter Nebel. Stellenweise ist der Vergleich aber auch nicht ganz abwegig. Im Karswald zum Beispiel. Ein abgeschiedens sumpfiges Waldgebiet östlich von Dresden zwischen Arnsdorf, Fischbach und Rossendorf. Mittendrin soll es einen sagenumwobenen Ort geben – die Wüstung Reinhardswalde – eine untergegangene Siedlung, die in den Hussitenkriegen vollständig zerstört und von ihren Bewohnern verlassen wurde. In manchen Vollmondnächten, so heißt es, erklingt aus den Tiefen des Waldes das Geläut einer Kirche. Oder die weite Landschaft zwischen Medingen und Moritzburg, die – würde nicht die A13 nach Berlin mitten durch sie hindurchgehen – wie eine Steppe nach allen Seiten bis an den Horizont reicht. Selbst der Lössnitzgrund bei Radebeul weckt solche Assoziationen. Wenn die Dampflok der Lössnitzgrundbahn von Radebeul Ost den Berg hochgeschnauft kommt, liegt für einen Moment fast eine Spur Wehmut in der Luft – so als würden in ihrer Dampfwolke Bilder aus längst vergangenen Zeiten heraufziehen, vom Goldrausch und der weiten Prärie.

In der Nähe von Possendorf.

Mit sowas rechnet man nicht bei einem „Stadtrundgang“. Es sind Erlebnisse, die einen Teil der Strapazen wettmachen. Obwohl ich Dresden so nahe bin, bekomme ich auf der kompletten Tour kaum etwas davon mit – nur offenes Land, Dörfer, verschneite Felder, weite Hügel und kleine Wälder. Die erste Nacht zelte ich bei Sturm und Regen auf dem Tanneberg bei Arnsdorf. Am zweiten Abend finde ich längs des Weges im Dickicht ein windgeschütztes Plätzchen zum Biwakieren. Am Stausee Oberwartha liegt am Morgen fast ein halber Meter Neuschnee vorm Zelteingang. Es muss nass in den Rucksack und fällt entsprechend schwer ins Gewicht. Eine Etappe weiter bei Possendorf wird die Schneelast Übernacht so groß, dass am Ende sogar eine Zeltstange bricht. Die ganze Zeit aber geht es weiter und weiter auf einsamen Straßen vorwärts – immer im Bogen um die Stadt und ihre halbe Million Menschen.

Lkw-Stau auf der A17 Dresden-Prag bei Krebs.

Ich muss auf kein Hundeschlittengespann aufpassen, nur auf meine eigenen Füße. Ich höre nachts keine Wölfe heulen, nur das ferne Rauschen des Autoverkehrs. Ein- oder zweimal übe ich regelrecht Verrat an Jack Londons Romanwelt, indem ich mir zwischendurch einen Marsriegel an der Tankstelle kaufe. Und sobald sich der Wind legt, das Schneetreiben aussetzt und das erste Räumfahrzeug in Sicht kommt, verschwindet sofort auch die Illusion der Tundra – und Orte wie Unkersdorf kehren aus der weißen Wildnis heim ins salzgestreute Sachsen. Dennoch: Das Erlebnis zeigt Wirkung. Und wenn sich mein Kreis endlich nach sechs anstrengenden Tagesmärschen an der Pirnaer Altstadtbrücke wieder schließt, werde ich einen völlig neuen Eindruck von meiner Umgebung gewonnen haben. Und begriffen, dass manchmal schon 15 Kilometer genügen können, um ein großes Stück vom Alltag wegzukommen. Man muss nur wissen wie. Vielleicht war es am Ende also doch kein Bullshit.

Am Ziel: Ortseingang Pirna-Zuschendorf.

12 Kommentare zu Der Stadtrundgang

  1. Wunderbar! Ich, alter Dresdner, habe Jahre gebraucht meine Stadt lückenlos zu umrunden und immer noch gibt es im weiten Stadtgebiet noch „weisse Flecken“.
    Glückwunsch! An dieses winterliche Abenteuer wirst Du lange zurückdenken.

  2. Die Wanderburschen des Sächsischen Heimatschutzes grüßen den Autor, der am 6. Februar vor dem Gasthof Niederwartha mit einer etwas unpraktischen Verkehrskarte den Weg zum Oberwarthaer Stausee suchte. Er hat ihn also gefunden.

  3. Ich bin begeistert! Es gibt noch mehr Verrückte wie mich! Hallo Freund :-)!!! Ich hatte im Prinzip die gleiche Idee, hab’s auch diesen Winter durchgezogen, mit viel Schnee und so. In zwei Tagen. Dafür hab ich unterwegs nicht im Schneezelt übernachtet. Für die Übernachtungen meinen größten Respekt! Und dafür, dass du’s durchgezogen hast! Herrlich :-)!

  4. Du bekommst meinen größten Respekt. Ich weiß wie es sich anfühlt wenn man durchgefroren im kalten Schlafsack Wärme sucht.
    Auch wenn hier per Pedes im Vordergrund steht ist die Sache evtl. als Radtour auch gut machbar. Es scheint den Anschein zu haben es wird langsam Frühling, die 15km Regel bleibt uns leider noch eine Zeit lang.

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