Quo vadis, Sächsische Schweiz?

Malerweg
Der Malerweg gehört zu den schönsten Wanderwegen Deutschlands, wurde 2006 vom Wandermagazin ausgezeichnet und führt insgesamt 112 Kilometer weit durch die landschaftlich reizvollsten Teile der Sächsischen Schweiz. Für die Region ist er eine touristische Erfolgsgeschichte. (Foto: Hartmut Landgraf)

Vom Flut-Schock 2013 hat sich die Wanderregion einigermaßen erholt. Touristisch gibt es ein neues Leitbild. Die Frage ist, ob es zum Elbsandsteingebirge passt.

Das Wort Landschaftsgenuss kennt in der Sächsischen Schweiz zwei Bedeutungen. Einerseits bringt es das kleine Gebirge fertig, mit jedem Schritt, den man hineinwandert, immer größer und wilder zu werden, sodass einem der Schweiß ausbricht und die Augen übergehen. Zum anderen biegt man in dieser grandiosen Sandsteinlandschaft nur einmal um die Ecke und steht – vor einer Kneipentür. Es ist wohl dieser besonderen Kombination aus Abenteuer und Bequemlichkeit zu verdanken, dass die Wanderregion – schneller als erwartet – 2014 wieder annähernd so viele Touristen angelockt hat wie vor der Flutkatastrophe 2013.

Klaus Brähmig
Tourismusverbandschef Klaus Brähmig. (Foto: Mike Jäger)

Der Tourismusverband Sächsische Schweiz registriert 2014 (Januar bis Oktober) zwölf Prozent mehr Gäste gegenüber dem Vorjahr – rund 387 000 Ankünfte. Die Zahl der Übernachtungen stieg um 9,1 Prozent auf knapp 1,37 Millionen. Verbandschef Klaus Brähmig zieht eine positive Bilanz und spricht von einer „Erholung“. Einige Hochwasserfolgen sind freilich noch immer sichtbar – das Hotel Elbresidenz in Bad Schandau beispielsweise ist seit der Flut geschlossen – andere Häuser seien dafür in den zurückliegenden Monaten besser ausgelastet gewesen. Ganz ist das Niveau von 2012 noch nicht wieder erreicht, bei den Übernachtungen bleibt aus Sicht der Tourismuswirtschaft ein Rückstand von 3,7 Prozent aufzuholen.

International ein kleines Licht

Doch die Branche hat in der Sächsische Schweiz auch ein strukturelles Problem, und das erweist sich als hartnäckig: Der Winter ist tourismuswirtschaftlich noch immer eine Saure-Gurken-Zeit. Es fehlt an Angeboten. Und im internationalen Tourismusgeschäft ist das Felsgebirge – das von seinen Liebhabern im Überschwang schon mal mit weltbekannten Landschaften wie dem Monument Valley oder dem Grand Canyon verglichen wird – ein kleines Licht. Nur rund vier Prozent seiner Besucher kommen aus dem Ausland. Holländer, Schweizer und Österreicher machen davon noch den größten Anteil aus. Auch aus dem Bundesgebiet, dem Westen und Süden Deutschlands, wären nach Ansicht des Tourismusverbands deutlich mehr Gäste wünschenswert, 20 Prozent aller Übernachtungsgäste sind aus Sachsen, gefolgt von anderen ostdeutschen Ländern. Damit fehlt genau jene Zielgruppe, von der sich die Branche für die Zukunft den größten Umsatzzuwachs erhofft. Aus Sicht der Touristiker ein arges Problem. Dem will man nun mit einem neuen touristischen Leitbild begegnen, dessen Kernbegriffe Nachhaltigkeit und Qualität sein sollen. Was im Einzelnen darunter zu verstehen ist, muss erst noch erarbeitet werden, aber die Begriffe lassen schon erahnen, in welche Richtung und in welches Preissegment die Reise künftig gehen soll. Als „Kerngeschäfte“ wurden schon mal Themen wie Aktiv/Gesundheit, Kultur/Städte und Familientourismus definiert – ferner auch Barrierefreiheit, Tagungstourismus und Kulinarik.

Welcher Gast ist König?

Manches davon wird in den Ohren der lokalen Wanderszene nach einer Gästegruppe klingen, die landläufig auch gern mal als „Stöckelschuhwanderer“ belächelt und für die übermäßige Befestigung so manches einst naturbelassenen Steigs verantwortlich gemacht wird. Doch im Grunde verkennt dieses Klischee die Tatsachen – die Outdoorbegeisterung hat längst alle gesellschaftlichen Kreise und Schichten erfasst. Laut Berechnungen des Deutschen Wanderverbands gehen 40 Prozent aller Deutschen mehr oder weniger regelmäßig wandern – egal ob in Berg- oder Turnschuhen. Fakt ist, dass die Region aus Sicht der Tourismuswirtschaft noch immer nicht genügend Kapital aus ihren landschaftlichen Reizen schlägt. Und für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ist der Tourismussektor mit über 3000 Beschäftigten kein Nischengeschäft, sondern einer der wichtigsten Arbeitgeber. Welches Potenzial den Fachleuten dabei vor Augen steht, lässt sich ebenfalls aus einschlägigen Studien herauslesen: Demnach geben die Deutschen pro Jahr 11,5 Milliarden Euro im Zusammenhang mit dem Hobby Wandern aus, doch bislang nur etwa 1,7 Milliarden Euro davon für Übernachtungen. (Quelle: Bundeswirtschaftsministerium, Deutscher Wanderverband) Mit dem Trend hin zum gebuchten Aktivurlaub dürfte sich künftig also noch einiges Geld verdienen lassen.

Um dieses Geschäft weiter zu forcieren, setzen die Touristiker auf zusätzliche Impulse im Aktivbereich – im benachbarten Erzgebirge, das ebenfalls nur vier Prozent ausländische Besucher bekommt, z.B. auf die neue Mountainbikestrecke Stoneman-Miriquidi, in der Sächsischen Schweiz etwa auf den Deutschen Wandertag 2016.

Blick zum Kleinen Winterberg
Touristisch gesehen ist der Winter noch eine Saure-Gurken-Zeit für die Sächsische Schweiz. Wer aber Stille und Abgeschiedenheit in den Bergen sucht, für den beginnt jetzt die beste Zeit. Blick zum Kleinen Winterberg. (Foto: Hartmut Landgraf)

Der Nationalpark wird als Markenzeichen gehandelt

Auch der Nationalpark wird von seinen Verantwortlichen und den örtlichen Tourismusvertretern immer wieder als Wirtschaftsfaktor und Zugpferd gepriesen – ein Gedanke, der angesichts der sensiblen Erosionslandschaft bei Weitem nicht jedem Naturschützer runtergeht wie Öl. Doch auch anderswo in Deutschland haben sich Nationalparks als prestigeträchtige und zugstarke Marken im Tourismus erwiesen – weil sie ein spezielles Erlebnis versprechen, das außerordentlich exklusiv und begehrenswert in unserer hochtechnisierten Zeit wirkt: ungestörter Naturgenuss. Verbandschef Klaus Brähmig dazu: „Die Sächsische Schweiz steht für Ruhe, Entspannung, Entschleunigung in einer unberührten Landschaft – und mit diesen Trümpfen können wir auch international wuchern.“ Offenbar hat man im Begriff Nachhaltigkeit einen gemeinsamen Nenner gefunden, unter dem die Region künftig noch besser vermarktet werden kann und soll. Die Gestaltungsmöglichkeiten, die dieser Begriff bietet, sind mannigfaltig. Sie reichen von öffentlichen Nahverkehrsangeboten übers organisierte Naturerlebnis in Verbindung mit Kunst, Kultur und Gastronomie bis zu regionaler Markenbildung und Ökotourismus und erschöpfen sich noch lange nicht in den inzwischen zur Normalität gewordenen Partnerschaftsverträgen zwischen Nationalpark und Gastgewerbe. Doch auch Nachhaltigkeit hat ihren Preis. Und so wird Nationalparkchef Dietrich Butter nicht müde, für einen „Interessenausgleich zwischen Naturschutz und Tourismus“ zu werben – wohl wissend, dass jeder zusätzliche Gast, egal ob besser oder normal betucht, vor allem wegen der Landschaft kommt und neben der Bastei und dem Königstein natürlich auch ihre weniger frequentierten, stillen und wilden Winkel kennenlernen will.

Konsens oder Zweckbündnis?

Qualität und Nachhaltigkeit meinen deshalb auch die Fortsetzung einer seit Jahren eingespielten stillen Konsenspolitik der Umwelt- und Forstbehörden mit maßgeblichen Interessenverbänden zum Thema Nationalpark: Am Status quo des Schutzgebiets wird nicht gerüttelt, solange die Grenzen, die es dem (sportlichen und touristischen) Erleben der Landschaft setzt, nicht zu eng werden. Zwischen den Tourismusvertretern, den Wander- und Bergsportverbänden und der Nationalparkverwaltung gab es in den letzten vier Jahren kaum Streit. Mal ähnelt der nach außen beschworene Konsens eher einem Zweckbündnis, dann wieder präsentieren sich die beteiligten Seiten in fast schon unnatürlicher Harmonie, doch der Frieden trägt Früchte. Im touristisch am dichtesten erschlossenen Nationalpark Deutschlands kann man trotz einiger Beschränkungen erstaunlich ungehindert wandern und klettern – und obendrein intakte Natur erleben. Die großen Kämpfe um Verbote und Betretungsrechte sind mit den Jahren weitgehend abgeflaut und äußern sich nur noch manchmal hier und da als kleiner Schwelbrand.  Kritik an den vorhandenen Wandermöglichkeiten wurde in letzter Zeit zumeist nur im Zusammenhang mit Forstarbeiten laut. Jenseits solcher anlassbezogenen Geplänkel ist die Gemengelage freilich noch immer breiter als sie scheint. Im Kreis seiner unmittelbaren Anrainergemeinden war der Nationalpark bei der letzten Akzeptanzbefragung nur bei rund 33 Prozent der Befragten beliebt. Auch in der Wanderszene ist längst nicht jeder mit den Regeln und Zielen des Schutzgebiets einverstanden. Seit einigen Jahren macht beispielsweise mit der IG Stiegen- und Wanderfreunde eine kleine aber rege Interessengruppe medial durchaus geschickt und erfolgreich auf historische Steiganlagen und andere aus ihrer Sicht vernachlässigte Wanderinteressen aufmerksam. Auch Forderungen nach einer generellen Lockerung des Wegegebots oder nach der Öffnung einiger altbekannter Wege ins Böhmische, die gemäß Nationalparkregeln als unzulässig gelten, kommen in Kreisen ortskundiger Wanderer immer wieder hoch, haben es aber bisher schwer, eine starke und entschlossene Lobby zu finden.

3 Kommentare zu Quo vadis, Sächsische Schweiz?

  1. Ich denke, hier sind ganz viele Baustellen offen, und nicht alles geht dabei in eine aus meiner Sicht wünschenswerte Richtung.
    Fangen wir mit Kleinigkeiten an: mehr Gäste aus anderen Ländern, das ist ein verständlicher Wusch. Und welches Land liegt da eigentlich näher, als das benachbarte Tschechien. Aber während ich als Deutscher in der Böhmischen Schweiz ganz selbstverständlich eine deutsche Speisekarte vorgelegt bekomme, sind tschechische Speisekarten in unserem Teil des Elbsandsteins immer noch eine Rarität. Rund um Böhmisch Kamnitz (Česká Kamenice) sind sogar die Wanderwege zweisprachig ausgeschildert – hierzulande absolute Zukunftsmusik.
    Aber auch der – forcierte – Trend zu höherwertigen Angeboten scheint mir an seine Grenzen zu stoßen. Das ewige Hin und Her um die Wiedereröffnung der „Elbresidenz“ in Bad Schandau spricht Bände. Wäre dieser noble fünf-Sterne-Tempel ein Dukatenesel, dann wäre er auch ganz sicher schon längst wieder offen. So aber scheint es, als ob in dieser Preisklasse einfach zu wenig Bedarf herrscht. Was ich auch andernorts beobachten konnte: die Wandergaststätten der Henkenjohannschen Gruppe bieten zwar jede Menge „Bio“, das aber zu teilweise astronomischen Preisen . Und so habe ich in der vergangenen Saison mehrfach bei bestem Wanderwetter und reichlich Begängnis im Gebirge eine halbleere Terrasse auf dem Großen Winterberg beobachten können. „Wandern“ und „teuer“ passt eben irgendwie nicht zusammen.
    Was die saisonalen Probleme betrifft, so halte ich die für irgendwie traditionsbedingt und hausgemacht. Auch hier bietet sich wieder ein Blick zu unseren Nachbarn an: im Gebiet um Khaa (Kijov) werden in der Winterszeit saisonale Wegweiser angebracht, welche solche Wege kennzeichnen, die auch bei Schnee gut zu gehen sind, und obendrein noch kleine Höhepunkte (die Zeidler Eisfälle) bieten. Und die Unsitte, über den Winter sämtliche Gaststätten zu schließen, gibt es in Tschechien auch nicht. Das ist schon manchmal richtig peinlich: ich war Anfang November mit einem recht bekannten Wanderbuchautor auf Tour (http://andrackblog.de/2014/12/15/raffael-und-lenin-der-saechsischen-schweiz/), welche in Rathen endete. Eigentlich wäre hier noch eine nette Einkehr fällig gewesen, aber Pustekuchen – nicht eine geöffnete Gaststätte. Mit dieser Einstellung bekommt man ganz sicher keine Wintergäste in die Region.

  2. Welcher Gast ist König ist eine gute Frage. Kapital aus den landschaftlichen Reizen schlagen, hm, na ja. Wenn du das als akommerzieller SBB-Traditionalist liest, guckst du da bissl sauertöpfig – denn natürlich argwöhnst du da, dass der Bierpreis nun schon auf über 3 € klettert. Klar.

    Man kommt aber da auch im Fremdenverkehrsgewerbe nun mal nicht an den Naturgesetzen vorbei. Das gute alte Ohmsche Gesetz, sagen wir mal U = R × I, auf den Gastwirt (von dem du ja erwartest, dass er dir da auch „unter der Woche“, und im Winter, hinten draußen eine Gurkenbemme serviert) runtergebrochen, heißt das, Umsatz = Gästeanzahl × Preis.

    Dort nun einfach mal, sozusagen, als Gedankenexperiment mögliche Werte für R, U und I einsetzen. Davon jeweils einen als konstant annehmen und sehen, was rauskommt. – Wenn du da viel Strom brauchst, kannst du das mit viel Spannung hinkriegen, oder indem du den Widerstand runterregelst. Wenn an der Spannung nun mal nichts zu machen ist, hast du da bei geringem Widerstand, sagen wir mal, auf der Bastei viel Umsatz, aber in der Räumichtmühle eben nicht. Und Variante 3, nehmen wir mal den Widerstand als konstant an, hast du da bei viel Spannung eben viel Strom und die Birnen leuchtet hell und bei wenig Spannung reicht es eben nur für einen kleine Funzel.

    Also, Variante 1, viele Gäste. Das, oh Schreck, ist ja aber Massentourismus. Dann okay, müssen wir höhere Preise nehmen. Aber nee, ein Fünfsternehotel, das passt auch nicht hierher. Also mehr Spannung anlegen, sagen wir, Aktivurlauber. Geht auch nicht, Kletterkurse, Radwege, Stiegen, Klettersteige, weg mit diesem Teufelszeug. Und zum Schluss, Variante Widerstand runter: Mehr Naturfreaks, die gern auf diesen kleinen Pfaden rumtippeln reinlassen, nee – dann machen die hier die ganze Natur kaputt. Tja, das sind eben die drei Pole des Kaufmanns im Tourismus: Entweder Massentourismus. Oder Luxustourismus. Oder eben Armut. — — —

    Ach, alles Quatsch. Die Leute auf dem Lande haben es nicht so mit Physik und BWL und Theorie. Die haben schon immer das Licht angekriegt, auch ohne unten auf die Glühbirne raufzugucken, wieviel Ohm die nun hat. Der olle Bruno Barthel hat schon vor 100 Jahren im Sommer bei Sendig für die feinen Leute gekellnert. Und im Winter ist er dann eben in den Steinbruch gegangen. Gab da 25 Pfennig die Stunde. Und ist auch gegangen.

  3. hallo.. festung koenigstein++ panoramaaufzug, behindertentoilette, gaststaette … alles aus technischen gruenden geschlossen… 16.30 uhr kiosk am fuss der festung schon geschlossen +++ hinterhermsdorfer schleusse 16.00 letzte fahrt und dort unten gar keine info +++ stadt wehlen gasthaus elbpegel 20.00 kuechenschluss.. etc. gute nacht touristen..

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