Die Suche nach der Wölfin

Wolf im Wald
Die letzte Sichtung liegt Monate zurück: Anfang April ging den Behörden im Hohwald ein einzelner Wolf in die Fotofalle. Ob es sich dabei um jenes weibliche Tier handelt, von dem schon im März etwas weiter westlich Genetik-Spuren gefunden wurden, ist ungewiss. Das hier zu Illustrationszwecken verwendete Foto stammt aus einer Bilddatenbank und steht in keinem Zusammenhang mit der Geschichte. (Foto: Martin Kubik/fotolia.com)

Sie war die letzte Hinterbliebene des Hohwald-Rudels – nun gibt es auch von ihr seit Monaten kein Lebenszeichen mehr. Streift die einsame Wölfin noch immer durch die Wälder nördlich der Sächsischen Schweiz oder ist sie ebenfalls verschwunden? Eine Spurensuche.

Clemens Herche kniet im Gras und starrt den aufgeweichten Waldboden an. Dann nimmt er einen Zollstock aus dem Rucksack und legt ihn vorsichtig in den Schlamm. In der butterweichen Erdfurche ist eine handtellerbreite Spur zu sehen – der Abdruck einer großen Pfote. Mehr als acht Zentimeter lang. Das könnte passen. Hat das Rätselraten um den Verbleib der letzten Hohwald-Wölfin ein Ende?

Mitte Juli nahe Steinigtwolmsdorf – im Waldgebiet 20 Kilometer nördlich der Sächsischen Schweiz beginnt die Suche. Seit Monaten gibt es keine neuen Hinweise auf die einsame Wölfin. Ihre letzte Spur stammt aus dem Nachbarkreis: Am 15. März werden bei Großdrebnitz zwei Damtiere gerissen, die Täterin wird anhand einer Genanalyse zweifelsfrei identifiziert: Es ist die junge Fähe des verschollenen Hohwald-Rudels. Seither ist die Einzelgängerin jedoch nicht wieder aufgetaucht. Im April geht den Naturschutzbehörden im Hohwald zwar ein einzelner Wolf in die Fotofalle – ob es sich dabei um das gesuchte Tier handelt, bleibt aber ungewiss.

Ein ganzes Rudel ist plötzlich spurlos verschwunden

Das Verschwinden des Hohwald-Rudels ist eine seltsame Geschichte. Seit über einem Jahr wurde die Wolfsfamilie nicht mehr gesichtet – ganz plötzlich hören die Nachweise auf. Dabei hatten die Wölfe 2012 und 2013 noch Junge, das Rudel bestand zuletzt aus mindestens fünf Tieren. Nun streift allem Anschein nach nur noch ein einzelnes Tier durchs Dickicht des Hohwalds. Was mit dem Rest geschehen ist, dazu kann selbst das Wildbiologische Büro Lupus in Spreewitz nur Vermutungen anstellen, das die Monitoring-Daten zu den sächsischen Wolfsterritorien auswertet. Und Vermutungen machen schon zur Genüge die Runde. Naturschützer argwöhnen, dass die Wölfe illegal abgeschossen wurden, erst kürzlich war ein solcher Fall aus dem Raum Görlitz bekannt geworden. In den umliegenden Dörfern wollen manche Leute die Tiere hingegen hier und da noch gesehen haben. Rissfunde nähren neue Spekulationen. Im Raum Berthelsdorf wurden Ende Mai wieder mehrere Schafe getötet – möglicherweise von Wölfen, doch nach Angaben des Kontaktbüros Wolfsregion Lausitz steht das nicht zweifelsfrei fest. Einige Leute glauben, dass die Graupelze ihr Territorium aufgegeben haben und weiter nach Süden ins Böhmische Mittelgebirge gewandert sind. Andere wiederum denken, dass die letzte Wölfin des Rudels inzwischen einen Partner gefunden und eine neue Familie im Hohwald gegründet hat. Die Fakten versinken wie Früchte in einem Rührkuchenteig. Niemand weiß es genau.

Im Steinbruch am Angstberg
Clemens Herche ist zurzeit fürs sächsische Wolfsmonitoring auf Spurensuche im Hohwald. Der angehende Wildtierökologe absolviert beim Lupus-Büro in Spreewitz ein Praktikum. (Foto: Hartmut Landgraf)
Spurensuche
Den Blick auf den Boden gerichtet, durchstreift Clemens die entlegensten Winkel des Hohwaldgebiets… (Foto: Hartmut Landgraf)
Wo der letzte Weg im Hohwald endet
…bis da, wo sich auch der letzte Pfad im Nichts verliert. (Foto: Hartmut Landgraf)

Clemens Herche soll nun Beweise sammeln. Der angehende Wildtierökologe macht gerade seinen Master an der Universität für Bodenkultur in Wien und absolviert in Spreewitz ein Praktikum. Wir verabreden uns zu einer gemeinsamen Erkundungstour durch den Hohwald. Clemens will das Waldgebiet zunächst ein bisschen kennenlernen, es von Nordwesten her umrunden – und dann quer durch den Busch und die Steinbrüche wieder an die Straße nach Steinigtwolmsdorf stoßen. Die Runde hat noch einen anderen Sinn: Wölfe schreiten regelmäßig die Grenzen ihres Territoriums ab und setzen dort ihre Markierungen, um Eindringlinge abzuwehren. In seinem Tagesrucksack hat Clemens allerlei Utensilien verstaut, die ein moderner Fährtenleser für seine Arbeit im Dickicht benötigt: GPS-Gerät, Zollstock und Fernglas – sowie Alkoholtöpfchen und kleine Tüten. Darin sollen wir Abstriche fürs Labor aufbewahren, falls wir im Wald auf irgendwelche verdächtigen Hinterlassenschaften stoßen.

Wolfsspur im Schlamm
Ist das eine Wolfsfährte? Die Größe des Pfotenabdrucks könnte passen – gut acht Zentimeter bis zu den Krallen. (Foto: Hartmut Landgraf)

„Schalenwild gegen Dosennahrung“

Die Spur eines Wolfs kann im Winter und bei geschlossener Schneedecke auch ein Laie mit ein bisschen Übung identifizieren – an einer arttypischen Besonderheit, dem sogenannten geschnürten Trab. Bei dieser energiesparenden Gangart setzen Wölfe ihre Hinterpfoten genau in die Abdrücke der etwas größeren Vorderpfoten. Dabei entstehen Doppelabdrücke, die in gleichmäßigen Abständen von mindestens 50 Zentimetern schnurgerade wie an einer Perlenkette aufgereiht sind. Aber im Sommer sind solche Spuren wegen des fehlenden Schnees viel schwerer zu lesen und kein zuverlässiger Nachweis. Dann gibt´s bei der Fährtensuche einen besseren Gehilfen: die Verdauung. Wolfslosung lässt sich von einem Hundehaufen recht einfach anhand ihrer Größe und Bestandteile unterscheiden: „Schalenwild gegen Dosennahrung“, sagt Clemens Herche trocken. Soll heißen: Im Kot des grauen Räubers finden sich die Knochen- und Haarreste seiner Beutetiere.

Die Spur im Schlamm, die wir schon nach wenigen Hundert Metern entdecken, macht unsere Suche interessanter – aber ein Beweis ist sie nicht. Der Abdruck könnte ebenso von einem ausgewachsenen Husky oder Schäferhund stammen, und mehr finden wir nicht. Aber die Fährte macht deutlich: Der Weg ist das Ziel! Nicht nur den Menschen erleichtern Waldwege das Fortkommen im Busch, sondern auch den Wölfen. „Der Wolf ist ein höchst effizientes Tier“, erklärt Clemens. Wer querfeldein durchs Unterholz läuft, verbraucht mehr Energie, wer auf dem Weg bleibt, spart Kräfte. Dort müssen wir also suchen.

Waldboden voller Felsblöcke
Typisch Hohwald: An vielen Stellen ist der Waldboden mit Felsblöcken übersät. Ein idealer Rückzugsort für Wölfe – mit gut versteckten Schlupflöchern. (Foto: Hartmut Landgraf)
Sonnenlicht im Unterholz
Wenn die Sonne durch die Baumkronen blinzelt, beginnen die bemoosten Steine zu leuchten. Auch der Hohwald hat seine kleinen Naturparadiese. (Foto: Hartmut Landgraf)
Abgestorbener Baum
Große Teile des Hohwalds werden forstwirtschaftlich gepflegt und genutzt. Trotzdem gibt es noch urige Ecken. (Foto: Hartmut Landgraf)

Ist unsere Angst begründet?

Bald führt uns die Fahndung immer tiefer in den Wald hinein, in Ecken, wo aus großen Wegen unversehens kleine werden, dann Trampelpfade und schließlich – ein Nichts! Schon nach einer halben Stunde stimmt unsere Karte nicht mehr. Oder unser Orientierungssinn. So wandern wir stundenlang ziemlich planlos über die Flure und Korridore des Hohwalds und müssen mehrmals umkehren, weil wir uns im ewig gleichen Spalier der Fichten verlaufen. Clemens lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen, denn im Grunde ist es egal, wo wir die Wölfin suchen – sie könnte überall und nirgends sein. Zwischen den Granitblöcken, mit denen der Waldboden zu beiden Seiten des Weges übersät ist wie eine Trümmerlandschaft. Hoch oben auf der Kuppe des Valtenbergs oder unten bei den alten Steinbrüchen. Auf einer der unzähligen Schneisen, die von Harvestern und Rücketraktoren in den Busch gefräst wurden. Wir irren umher – und begegnen weder einem Wolf noch einer Menschenseele. „Wildtiere sind unheimlich gut getarnt“, sagt Clemens. „Man sieht sie nicht, bis sie unmittelbar vor einem stehen.“ Und was wäre wenn?

Kot von einem Pflanzenfresser
Leider keine Wolfslosung – die Grasreste im Kot verraten einen Pflanzenfresser. (Foto: Hartmut Landgraf)

Kaum eine andere Frage hat die Leute in der Gegend um den Hohwald in den letzten drei Jahren mehr bewegt. Ganz Sachsen kann inzwischen ein Lied davon singen: Seit vor 15 Jahren das erste Wolfsrudel aus Polen herübergewandert kam und auf einem Truppenübungsplatz in der Lausitz heimisch wurde, wird die Rückkehr der Graupelze von heftigen Diskussionen und Protesten begleitet. Wo der Wolf auftaucht, beginnt er, unter Menschen zu polarisieren. Wölfe wecken starke Emotionen. So geht das auf jedem Kilometer ihrer Wanderung nach Westen. Zuletzt waren im Freistaat zehn Wolfsrudel registriert.

Auch Clemens bekam es schon mal mit der Angst zu tun, allerdings nicht in Sachsen, sondern in Bialowieza, einem der letzten echten Wildnisgebiete Europas an der polnisch-weißrussischen Grenze. Bei einem Praktikum hatte er sich dort tief in den Wäldern verirrt und fand vor lauter Bäumen den Weg nicht mehr. Für einen Moment, so erzählt er, habe er sich völlig schutzlos gefühlt – ein Mensch allein unter wilden Tieren. So irrational der Gedanke auch sein mag, wer schon mal in der Dämmerung einsam durch den Wald gewandert ist, kennt ihn. Freilich besteht laut Expertenmeinung wenig Anlass zur Sorge: Wölfe meiden Menschen und greifen sie nicht an – bis auf extrem seltene Ausnahmen. In Sachsen ist das noch nie vorgekommen. Das Norwegische Naturforschungsinstitut Trondheim hat weltweit Quellen zu solchen Vorfällen gesammelt. Im gesamten 20. Jahrhundert sind in Europa nur ganz wenige Angriffe bekannt – zumeist und am sichersten gilt Tollwut als Ursache, und in Deutschland ist die Tollwut dank konsequenter Bekämpfungsmaßnahmen seit Jahren ausgemerzt.

Umgekehrt ist die Gefahr sehr viel realistischer: 2014 wurden nach offiziellen Angaben im Freistaat sechs tote Wölfe gefunden. Drei starben bei Verkehrsunfällen, bei einem vierten Tier ist die Todesursache ungeklärt – zwei wurden illegal erschossen. Seit 2009 wurden in Sachsen insgesamt sieben illegal getötete Wölfe gefunden. In 6 Fällen wurden die Tiere geschossen, und ein Wolf wurde vorsätzlich überfahren. Das Landeskriminalamt Sachsen ermittelt in einigen dieser Fälle. Seit einigen Tagen macht ein weiterer Abschuss im Raum Görlitz Schlagzeilen.

Am Angstberg
Weit und breit ist kein Wolf zu sehen, auch nicht im alten Steinbruchgelände am Angstberg. (Foto: Hartmut Landgraf)
Alter Steinbruch
Vom Rand des Steinbruchs hat man einen herrlichen Blick über das nördliche Hohwaldgebiet. (Foto: Hartmut Landgraf)

„Wenn du die Welt als einen Ort ansiehst, der nicht nur für dich bestimmt ist, sondern der allen Lebewesen gleichermaßen gehört, dann kannst du auch Wölfe besser akzeptieren.“

Doug Smith, Wolfsforscher

Ist unsere Angst vor Wölfen begründet? >>> Ein Interview mit dem bekannten US-amerikanischen Wolfsforscher Doug Smith.

Auf unserer Odyssee durch den Hohwald reden wir über fast alles, was uns zum Thema Wölfe in den Sinn kommt. Clemens hat einen Jagdschein, in Görlitz hilft er einem Pächter sein Revier zu bewirtschaften. In den Semesterpausen ist er daher viel in den sächsischen Wäldern unterwegs, doch einen Wolf in freier Wildbahn hat er noch nie gesehen. Wo mag die Fähe sein? Kann sie auf sich allein gestellt überhaupt im Hohwald existieren? Die Biologin Ilka Reinhardt vom Spreewitzer Lupus-Büro bejaht diese Frage. Ein Single-Dasein sei für die Tiere nichts Ungewöhnliches, sagt sie: „Wenn ihnen ein Territorium gut gefällt, bleiben sie dort und warten auf einen Partner.“ Bei einem bekannten Fall in Mecklenburg sollen zwei Rüden sogar jahrelang allein gelebt haben. Ein solches Szenario wäre im Hohwald aber eher unwahrscheinlich. Die benachbarten Lausitzer Wolfsgebiete sind für ein erwachsenes Tier in einer Nacht zu erreichen – und umgekehrt. Im Daubaner Rudel werden die Welpen vom letzten Jahr im nächsten Winter geschlechtsreif, ebenso im Nieskyer Rudel. „Potentielle Paarungspartner gäbe es genügend“, sagt Ilka Reinhardt. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis irgendwo im Hohwald wieder Welpen in eine Fotofalle tappen.

Nach fünf Stunden Umherirrens brechen wir unsere Suche schließlich ergebnislos ab. Westlich der Straße haben wir einen guten Teil des Waldgebiets abgeschritten – nicht mehr lange, und die Nachmittagssonne wird die ersten Baumwipfel berühren. Clemens muss unsere Fahndung noch sauber protokollieren. Im Grunde sind wir so schlau wie zuvor. Und das Mysterium um die einsame Wölfin geht weiter. Womöglich sind wir bloß einem Phantom hinterhergejagt – die Natur wird es wissen. Dass wir es nicht herausbekommen haben, ist am Ende für die Wölfin vielleicht das Beste, was ihr passieren kann.

Eine Übersicht zu den Territorien der sächsischen Wolfsrudel gibt es hier. Hinweise zu Wölfen (Sichtungen, Spuren, Risse) nehmen das Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz und die Wolfsbeauftragten in den jeweiligen Landkreisen entgegen. Für die Sächsische Schweiz:  Jens Abram (03501/515-3433), Detlef Uhlig (03501/515-3438).

1 Kommentar zu Die Suche nach der Wölfin

  1. Hallo Zusammen ,zu eurem Beitrag über die Wölfin im Hohwald muß ich sagen , daß ihre Tiere doch einfach mal in Ruhe lassen solltet .Wenn man den Berichtt liest denkt man das ihr die Papparazis der Wölfe seit .Wer sie sehen will sollte sich auch mal aus seiner Komfortzone bewegen.Die Tiere bekommt man nicht einfach mal zu sehen ,wenn man mal zu einem Sonntagsspaziergang unterwegs ist u.das ist gut so.Ich empfinde es als schlimm das der Mensch sich anmasst überall eingreifen zu müssen u.alles reglimentieren zu müssen .Dabei richtet er damit nur Schaden an, siehe Ausrottung der Wölfe.Die Natur hat ein natürliches Gleichgewicht u.es hat einen Grund warum es so und soviel Wild in einer Region gibt, aber der Mensch glaubt immer wieder dieses Gleichgewicht stören zu müssen.Ich hoffe die Wölfin ist weiter gezogen und baut sich ein neues Rudel auf und findet eine Gegend mit verständnisvollen Menschen die mit den Tieren leben können.Viele Grüße L.Urban

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