Klettern bis der Arzt kommt

Peter Hähnel klettert in seinem Keller an einer Schrankwand
Nordwand-Feeling zwischen Marmeladengläsern und Wäschekörben. Im Keller bringt sich Rentner Peter Hähnel in Form für die richtigen Felsen. (Foto: Hartmut Landgraf)

Peter Hähnel ist ein hoffnungsloser Fall: Der Rentner hat Bergsucht im weit fortgeschrittenen Stadium. Wenn er mal nicht in die Sächsische Schweiz kann, turnt Hähnel daheim sogar an Regalen und Schränken herum. Und schreibt Geschichten darüber, die vor schwarzem Humor nur so sprühen.

Peter Hähnels geheime Marterzelle ist ein winziger, mannsbreiter Kellergang zwischen diversen Regalen und einer mausgrauen Schrankwand – Marke Zehnter Parteitag. Auf den blanken Sprelacart-Türen und einem Brett an der Stirnseite des Kellers hat der Rentner neben Wäschekörben und Marmeladengläsern seine Folterwerkzeuge angeschraubt: allerlei bunte Klettergriffe und Tritte aus Kunstharz. An denen trainiert er sich mehrmals die Woche das letzte Pfund Vernunft weg: Anhangeln, Spreizen, Langmachen, Durchdrücken – „Stellungen“ eben, wie er sagt. Nur die Missionarsstellung sei nicht mehr dabei.

Peter Hähnel kann´s nicht lassen. Selbst wenn die Gelenke knacken und die Lunge pfeift – er muss in die Vertikale. Während sich andere in seinem Alter höchstens noch mal in stiller Neugier aus dem Fenster lehnen, ächzt und schwitzt sich der 74-Jährige im Untergrund seines Wohnblocks die Seele aus dem Leib – immer dann, wenn ihm die Zeit für die richtigen Wände in der Sächsische Schweiz fehlt. Wenn er nicht gerade im Keller oder einem Felsriss steckt, geht Hähnel bouldern – auch schon mal an der Friedhofsmauer. Im Falle des Falls habe das gewisse logistische Vorzüge, witzelt er. Der Alte ist bergsüchtig.

Peter trainiert im Wohnzimmer
Auch fürs Wohnzimmer hat der Kletterfreak sein spezielles Fitness-Programm. (Foto: Hartmut Landgraf)

Insofern traf es sich gut, als ihn eines Tages ein Leidensgefährte mit der gleichen Sucht aus seinem Kellerloch ans Licht und auf die Bühne zog: Frank Meutzner, Veranstalter des Dresdner Bergsichten-Festivals und des entsprechenden Sommer-Events in Porschdorf. Denn Hähnel ist nicht nur ein außergewöhnlicher Kletter-Verrückter, sondern auch ein irrer Spaßvogel und begnadeter Geschichtenerzähler. Seine Fabeln und Schmonzetten übers Bergsteigen – vorgetragen im breitesten Sächsisch, das im Bückbereich der deutschen Sprache zu finden ist – können einem schon mal die Tränen in die Augen treiben. Inzwischen gibt´s den Alten und seine Bergbrüller sogar auf CD. Von Meutzner kursiert das Gerücht, er habe den Ohrenschmaus beinahe mit einem Autounfall bezahlt.

Kondome für die Bergwacht

Freilich muss man erst ein bisschen warm werden mit Hähnels Art von Humor. Besonders da, wo er gröber wird, schimmert oft eine feine Prise Selbstironie zwischen den Zeilen, die manch derben Witz in eine geistreiche Glosse verwandelt. Und ganz nebenbei erfährt man allerlei Wissenswertes aus der Welt der sächsischen Bergsteiger. Zum Beispiel die „Zehn Gebote für kletternde Senioren“. Warum man Kondome für die Bergwacht braucht. Oder die Bedeutung so geheimnisvoller Fachbegriffe wie „Schluchtenscheißer“ und „Nähmaschine“.

In den Bergen ist der Dresdner alles andere als eine Witzfigur. Er hat alle Gipfel der Sächsischen Schweiz bestiegen, schwere Bergfahrten in die Hohen Tatra und den Kaukasus unternommen. In seinen jungen Jahren klettert Hähnel gern und oft free-solo, lange bevor es den Mode-Begriff im Elbsandstein überhaupt gibt. Er macht die gefürchtete Naumannhangel frei, klettert die Ostverschneidung am Hohen Torstein ohne Sicherung und die Gans-Südwand, eine 90-Meter-Wand im Rathener Gebiet. „Ein Zufall, dass ich noch lebe“, sagt er heute. Ausgerechnet die anstrengendste und bedrückendste Art der Sandstein-Kletterei hat es ihm besonders angetan: Risse. Je enger sie sind, je mehr man sich schinden muss, desto besser. Peter Hähnel liebt diese Welt. Er sei nie ein Bewegungskünstler gewesen, sagt er. „Aber da, wo es auf den Kampfeswillen ankommt – da hab ich mich wohl gefühlt.“

Vom Runterfallen und Probeliegen

Im Augenblick aber hat Peter Hähnel ein Problem mit dem Klettern, und das ist alles andere als witzig. Ein Sturz an der Höllentor-Südverschneidung im vergangenen Oktober. Hähnel wollte einem Riss ausweichen – ausgerechnet er – und verstieg sich an der Kante. Griffausbruch. Schwere Beckenprellung. Langezeit muss er das Bett hüten. Die Muskeln bauen ab, eine Schulter gerät aus dem Lot. „Impingementsyndrom“, sagt der Rentner. „Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.“

Peter am Schreibtisch
Der schwarze Peter… Peter Hähnels Humor kann auf eine typisch sächsische Art bitterböse werden. Besonders, wenn er sich selbst auf die Schippe nimmt. (Foto: Hartmut Landgraf)

Nun muss er trainieren, um die Schulter wieder gefügig zu machen. Der Lust am Fabulieren tut das keinen Abbruch. Er hat schon eine Geschichte über den Unfall im Kopf. „Probeliegen“ soll sie heißen. Man könnte alles Mögliche in diesen Titel hineindeuten, aber mehr verrät Peter Hähnel noch nicht. Er kann auch ernstere Texte schreiben. Ziemlich gute sogar. Doch auf seine alten Tage kitzelt irgendwas noch mal so richtig die närrische Seite in ihm heraus. Vielleicht war er all die vielen Trainingsjahre lang zu hart und zu streng gegen sich – im Kellerverließ kam der Lausejunge nicht genügend zum Zug. Wenn er sich richtig in Fahrt dichtet, ist ihm nichts mehr heilig – weder an seinem Sport, noch an seiner Person. Vielleicht rächt er sich so für die Schindereien, die er in den fürchterlichsten Elbsandsteinrissen ausgestanden hat. Hähnel ist nicht zu halten. Am Ende wird es wohl so kommen, wie er selbst es in einem seiner Texte vorhersagt: Er werde, prophezeit Hähnel, erst dann seine Gusche halten, wenn ihm „der liebe Gott dereinst Erde hineinstopft.“

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*