Fuchs beißt Boofer im Schlaf

Ein neugieriger Rotfuchs
Füchse haben als Überträger von Krankheiten wie der Tollwut nicht unbedingt den besten Ruf, dabei erfüllen sie in der Natur sogar die Aufgabe einer Art Gesundheitspolizei. Sie "entsorgen" Aas und vertilgen wie kein anderer Beutegreifer große Mengen Wühl-, Feld- und Rötelmäuse - was wiederum der Forst- und Landwirtschaft zugute kommt. (Foto: Tamas Zsebok/fotolia.com)

Im Zschandgebiet hat ein womöglich krankes Tier mehrere Boofer angegriffen. Ein Experte des Friedrich-Loeffler-Instituts schließt Tollwut als Ursache aus. Andere sind sich da nicht so sicher. Was muss man beim Kampieren unter freiem Himmel jetzt beachten?

Marlies Helbig* (Name geändert) hat den Schreck noch immer nicht ganz verwunden. Ende Juli zieht die Bautznerin mit ihren zwei Kindern ein paar Tage mit Sack und Pack durch die Sächsische Schweiz. Sie kampieren im Freien – Boofen nennt man das im Elbsandstein. Für viele Naturgenuss und Abenteuer pur. Im Wildensteiner Gebiet in der hinteren Sächsischen Schweiz kommt es zu einem unerwarteten Zwischenfall, der den Dreien das Naturerlebnis gründlich verdirbt: Die Familie bezieht ihr Nachtlager unter einem Felsüberhang am Kleinen Lorenzstein, in Gesellschaft von fünf anderen Boofern, darunter einem Vater mit seinem Sohn. Gegen 2 Uhr morgens schreckt Marlies aus dem Schlaf. Ihr Nachbar fängt ganz plötzlich an zu schreien und mit der Taschenlampe in den Wald zu leuchten. „Verschwinde, du Mistvieh“, brüllt er. Grund für die Aufregung ist ein Fuchs. Wie aus dem Nichts ist das Tier in der Boofe aufgetaucht und hat dem Mann in eine Zehe gebissen.

Gleich mehrere Vorfälle

Die ungewöhnliche Attacke heizt in der Sächsischen Schweiz inzwischen die Gerüchteküche an. Denn es ist nicht der einzige Vorfall dieser Art an den Lorenzsteinen. In derselben Nacht Ende Juli wird noch eine Frau in einer anderen, höher gelegenen Boofe von einem Tier im Schlaf ins Gesicht gebissen. Am darauffolgenden Wochenende zum Kirnitzschtalfest berichten Wanderer, die in der Gegend unterwegs sind, ebenfalls von einem aufdringlichen Fuchs, der ihnen bedrohlich nahe kam und sich erst mit einem Stock vertreiben ließ. Bereits zu Pfingsten wurde an den Lorenzsteinen ein Boofer von einem Fuchs gebissen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich immer um ein und dasselbe Tier handelt.

An Schlaf sei in dieser Nacht nicht mehr zu denken gewesen, sagt Marlies. Sie untersucht den verletzten Fuß, säubert und desinfiziert die Wunde. Die grundlose Aggressivität des Tiers weckt einen bösen Verdacht: Was, wenn der Fuchs Tollwut hatte? Füchse gelten in Europa als Hauptüberträger der gefährlichen Viruserkrankung, die auch für Menschen tödlich enden kann, wenn sie nicht schnell genug behandelt wird. Die Gruppe fasst einen Entschluss: Der Mann muss noch in der Nacht ins Krankenhaus nach Sebnitz, um sich impfen zu lassen. Marlies und ihre Kinder brechen ihre Bergtour tags darauf vorzeitig ab.

Deutschland gilt als tollwutfrei – doch was ist mit Tschechien?

Von dem Fuchs fehlt seit dem Kirnitzschtalfest offenbar jede Spur, seit Wochen hat ihn niemand mehr gesehen. Doch die zuständigen Behörden in der Sächsischen Schweiz sind gewarnt. Die Nationalparkverwaltung mahnt Boofer am Lorenzstein mittels Schildern zur Vorsicht. „Wir haben auch das zuständige Veterinäramt informiert“, sagt Nationalparksprecher Hanspeter Mayr. Für Tollwutverdachtsfälle besteht Meldepflicht in Deutschland. Seuchen-Experten sehen indessen noch keinen Grund zur Besorgnis: Nach allen verfügbaren Informationen wäre ein Tollwutfall in der Sächsischen Schweiz zurzeit wenig wahrscheinlich. Molekularbiologe Dr. Thomas Müller vom Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems hält ihn sogar für ausgeschlossen. Das Forschungsinstitut untersucht Tollwutverdachtsfälle und fungiert gegenüber der Weltgesundheitsorganisation WHO als zuständiges nationales Referenzlabor. Deutschland, sagt Müller, gelte seit dem Jahr 2008 nach den Kriterien der WHO als tollwutfrei.

Daten zu allen gemeldeten Tollwutfällen in Europa stellt die WHO >>> hier als interaktive Karte im Internet bereit.
Einen umfangreichen Ratgeber zum Thema Tollwut findet man online auch >>> beim Robert-Koch-Institut.

Einem amtlichen Merkblatt des Pirnaer Veterinäramts ist zu entnehmen, dass der letzte tollwütige Fuchs in Sachsen im Jahr 2002 in Nähe der Stadt Görlitz gefunden wurde. Auch in den benachbarten Grenzregionen besteht laut Müller derzeit keinerlei Risiko: Tschechien gilt ebenfalls seit Jahren als komplett frei von der sogenannten „terrestrischen“ Tollwut, in Polen kommt die Krankheit gegenwärtig nur noch weit im Osten vor – an der Grenze zu Weißrussland und zur Ukraine. Wildlebende Füchse wurden in allen drei Ländern über Jahre mittels Impfködern gegen die Krankheit immunisiert. Ein anderer und für Menschen nicht weniger gefährlicher Stamm des Erregers, der von Fledermäusen übertragen wird und zurzeit auch noch in Deutschland vorkommt, spielt bei Füchsen keine Rolle. Für die Betroffenen bestünde daher keinerlei Grund zur Besorgnis oder die Notwendigkeit einer nachträglichen Impfung, sagt Müller.

Professor Sven Herzog, Dozent für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der Forstakademie Tharandt, ist sich da allerdings nicht so sicher. Da die Impfköderaktionen in Deutschland nach dem erfolgreichen Kampf gegen die Tollwut vor Jahren beendet wurden, könne die Krankheit auch zurückkehren, sagt er. Das Verhalten des Fuchses sei jedenfalls äußerst ungewöhnlich. In unmittelbarer Nähe von Siedlungen könne es schon mal passieren, dass ein Wildtier jegliche Scheu gegenüber Menschen verliert und beispielsweise in Abfällen nach Futter sucht. „Aber deswegen verhält es sich noch lange nicht aggressiv. Besonders das grundlose Zubeißen deutet eher auf eine Erkrankung des Tieres hin“, warnt Herzog. Zwar wären prinzipiell auch andere Erkrankungen, beispielsweise ein Tumor im Gehirn des Tiers, als Ursachen für sein absonderliches Verhalten denkbar. Der Wildökologe rät den betroffenen Boofern jedoch, lieber auf Nummer sicher zu gehen: „Wer im Wald von einem Tier gebissen wird, sollte sich in ärztliche Behandlung begeben“, rät er.

Zwickmühle für die Nationalparkverwaltung

Der Vorfall bringt nun die Nationalparkverwaltung in die Zwickmühle. Sie sieht sich als zuständige Forstbehörde mit Forderungen nach einem Abschuss des verdächtigen Tiers konfrontiert – doch die Jagd auf Füchse fällt laut Nationalparksprecher Hanspeter Mayr nicht unter die Notwendigkeiten der sogenannten Wildbestandsregulierung und wäre daher ein Verstoß gegen den Naturschutz. „Normalerweise schießen wir keine Füchse im Nationalpark“, sagt Mayr. Im geltenden Nationalparkprogramm von 2008 wird der Abschuss von Füchsen zwar zur Abwendung von Seuchengefahren noch für zulässig erklärt. Man habe von diesem Punkt aber später mangels Veranlassung Abstand genommen. Nun ist die Veranlassung plötzlich wieder da, und die Behörde will lieber kein Risiko eingehen. Die fürs Revier an den Lorenzsteinen zuständigen Jäger hätten Anweisung erhalten, den verhaltensauffälligen Fuchs zu erschießen „wenn er ihnen vor die Flinte kommt“, sagt Mayr. Im Umkehrschluss dürfte die wohldurchdachte Formulierung bedeuten, dass die Behörde nicht beabsichtigt, dem Fuchs nachzustellen und gezielt Jagd auf das Tier zu machen.

Auf Nummer sicher gehen wollte auch Marlies Helbig. Sie und ihre Kinder seien zwar nicht gebissen worden. Doch der Bautznerin war der Gedanke daran, wo der Fuchs überall unbemerkt herumgeschnüffelt und -geleckt haben könnte, nicht geheuer. Sie und ihre Kinder haben sich nach ihrem nächtlichen Abenteuer gegen Tollwut impfen lassen.

Hinweisschild fürs Boofen
Wo solche Hinweisschilder an den Fels geschraubt sind, ist das Boofen im Nationalpark Sächsische Schweiz erlaubt. (Foto: Hartmut Landgraf)

Was sollte man beim Boofen jetzt beachten?

Wer frei im Wald übernachtet, tut dies auf eigene Gefahr. Vorsicht ist immer ratsam. In eigenem Interesse sollte man Wildtiere weder erschrecken, noch provozieren, noch anlocken oder gar füttern. In der Sächsischen Schweiz ist neben einer nächtlichen Begegnung mit Füchsen auch ein Zusammentreffen mit Wildschweinen durchaus möglich. Wölfe wurden im Elbsandstein zwar noch nicht gesichtet, sind aber im benachbarten Hohwald zu Hause und daher nicht auszuschließen.

Besondere Vorsicht gilt zurzeit natürlich im Gebiet der Lorenzsteine. Das bedeutet vor allem: Keine Lebensmittel offen herumliegen lassen! Beim Boofen sollte man Nahrungsmittel generell immer in geruchsdichten Behältern aufbewahren und möglichst nicht auf dem Erdboden lagern, sondern hochhängen.

Wer ein verhaltensauffälliges Tier beobachtet, meldet dies am besten der Nationalparkverwaltung – Telefon: 035022-900600. Wer von einem Wildtier gebissen wird, lässt die möglichen Risiken und die erforderliche Behandlung vorsichtshalber vom Arzt abklären. Bei Tollwutverdacht kann man z.B. auch die zuständigen Veterinärämter oder das Zentrum für Infektions-, Reise- und Tropenmedizin im Krankenhaus Dresden-Neustadt konsultieren: Industriestraße 40, 01129 Dresden. Telefon: 0351 856-2154.

Welche Regelungen gelten im Nationalpark für das Kampieren unter freiem Himmel?

Im Nationalpark Sächsische Schweiz unterliegt das Boofen aus Naturschutzgründen einigen besonderen Einschränkungen. Wer diese beachtet, wird kaum Probleme bekommen – auch nicht mit den Parkrangern:

  • Zulässig ist das Boofen (die Behörden sprechen vom „Freiübernachten“) im Nationalpark streng genommen nur im Zusammenhang mit der Ausübung des Klettersports (in Anlehnung an die sächsische Bergsporttradition). Es ist bisher aber noch kein Fall bekannt, dass Boofern ein Platzverweis erteilt worden wäre, weil sie kein Seil im Rucksack hatten. Streng gehandhabt wird hingegen folgende Regelung: Im Nationalpark darf nur an dafür ausgewiesenen Plätzen gebooft werden! Deren Zahl ist im Schutzgebiet auf 58 begrenzt – allesamt befinden sich außerhalb der Kernzone und sind vor Ort durch Schilder extra markiert. Lagern bedeutet Isomatte, Schlafsack – aber kein Zelt! Wer an anderen Stellen im Nationalparkgebiet beim Kampieren erwischt wird, riskiert Ärger – schlimmstenfalls sogar ein Bußgeld.
  • Als No-Go gilt offenes Feuer: Lagerfeuerromantik ist absolut tabu! (Teelichter und Campingkocher werden im Allgemeinen toleriert.)
  • Keinen Lärm verursachen! (Auch das nächtliche Gitarrenkonzert unterm Fels stört Tiere – und ist somit auch dem Ranger ein Dorn im Auge.)
  • Müll und Essensreste wieder mitnehmen!

Wie man sich beim Übernachten in der Natur richtig verhält, ist in vielerlei Hinsicht eine Sache des gesunden Menschenverstands. Wer dennoch Faustregeln benötigt, dem sei hier eine ans Herz gelegt, die in amerikanischen Nationalparks seit Jahrzehnten zum Allgemeingut gehört: Take nothing but pictures, leave nothing but footprints – Nimm nichts mit außer Bilder, lass nichts zurück außer Fußabdrücke!

1 Kommentar zu Fuchs beißt Boofer im Schlaf

  1. Es ist zwar nicht falsch, sich impfen zu lassen, aber Panik wegen anlecken und so braucht nicht zu sein. Der Virus steckt vorwiegend im Speichel und stirbt außerhalb des Körpers schnell ab. Ein Biß ist natürlich immer kreuzgefährlich. Wir hier in Radebeul sind „fuchsverseucht“ (den letzten habe ich vor 10 min gesehen). Da gabs (vor einem Jahr?) mal einen Fall in Coswig, wo einer auf dem Parkplatz die Hand aus dem Autofenster hängen ließ und ein Fuchs dran knapperte.

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