Vermehren ums Verrecken

Wolken von Fichtenpollen
Ein viel beobachtetes Bild in den letzten Wochen: Pollenwolken steigen aus den Wäldern der Sächsischen Schweiz auf. Gesehen vom Falkenstein. (Foto: Dana Landgraf)

Mit ihrem Fortpflanzungstrieb hat sie gerade ganz Deutschland erregt: die Fichte. Auch in der Sächsischen Schweiz waren ihre Pollenwolken überall zu sehen. So viel Staub wirbelt der Baum nur selten auf. Wieso eigentlich? Und warum jetzt? Der Sandsteinblogger ist der Frage nachgegangen.

Die Fichte hat´s mal wieder gemacht, und das ganze Land wurde Zeuge. Autofahrer fanden die Spuren ihrer Lebenslust überall auf dem Lack. Heuschnupfengeplagte Menschen schlossen vorsichtshalber alle Fenster, obwohl Fichtenpollen für Allergiker harmlos sind. Über Sachsens Wäldern standen blassgelbe Wolken, wie der Rauch eines Waldbrands. In den Medien wurde allerhand darüber berichtet, denn dass Fichten mit ihrem Fortpflanzungstrieb so viel Staub aufwirbeln, passiert nur alle paar Jahre mal. Aber die wichtigste Frage blieb offen: Warum gerade jetzt?

Deutschlands häufigster Baum – und keiner weiß, wie er´s macht

„Das letzte Mal habe ich solche Wolken 2006 bei Eibenstock gesehen“, erinnert sich Sven Martens, der beim Staatsbetrieb Sachsenforst für Umwelt- und Waldmonitoring zuständig ist. Wenn ganze Populationen einer Baumart synchron und massenhaft zu blühen anfangen, spricht man von einem Mastjahr. Solche Erscheinungen kehren in unregelmäßigen Abständen wieder – das kennt man seit Jahrhunderten, z.B. auch von Buchen und Eichen. Früher trieben die Bauern in solchen Jahren ihre Schweine in den Wald, um sie zu „mästen“. Doch bis heute weiß anscheinend niemand so richtig über die genauen Ursachen der fetten Jahre Bescheid. Am häufigsten werden Klima- und Wetterphänomene zur Erklärung herangezogen. Buchen zum Beispiel legen immer in besonders warmen Jahren Blütenknospen fürs Folgejahr an, das wurde untersucht, sagt Sven Martens. „Wahrscheinlich ist dieses Muster auch bei anderen Bäumen da.“

Pollenwolke überm Wald
Es sieht fast aus wie ein Waldbrand: Wolken von Fichtenpollen. Wenn ganze Populationen einer Baumart synchron und massenhaft zu blühen anfangen, spricht man von einem Mastjahr. (Foto: Dana Landgraf)

Bei der Fichte sei das Bild diffuser als bei den Mastjahren von Buche und Eiche, erklärt Professor Andreas Roloff vom Lehrstuhl für Forstbotanik der Technischen Universität in Tharandt. „Der Baum blüht in gewissen Abständen mit unterschiedlicher Intensität“. Wie bei den anderen Baumarten spiele dabei aber auch bei ihr die Witterung des Vorjahres eine Rolle – sprich: sind die Bedingungen im vorausgehenden Frühjahr und Sommer günstig für die Fichte, schaltet sie in den Fortpflanzungsmodus und legt fürs nächste Jahr Blütenknospen an. Das klingt logisch und ist doch frappierend, so als würde der Baum auf die Zukunft wetten. Denn er kann ja nicht wissen, wie das Wetter im nächsten Jahr wird. Wenn seine Knospen im Frühling aufblühen, können ganz andere Witterungsbedingungen herrschen. Spätfröste, Trockenheit, Mangel an Sonnenschein – das alles würde die Blüte und damit den Fortpflanzungserfolg gefährden. Und das wäre fatal. Die Sache kostet den Baum nämlich viel Kraft, sodass er bis zur nächsten Blühphase eine mehrjährige Pause einlegen muss, um sich vom Energieverlust zu erholen. Auch Bäume verausgaben sich beim Sex, ersichtlich wird´s daran, dass sie in Blütenjahren kaum wachsen. Das lässt sich nachweisen – an der Breite ihrer Jahresringe und an der Belaubungsdichte. „Bäume lagern Reservestoffe zum Leben ein, und bei einer intensiven Blüte werden sehr viele davon verbraucht“, sagt Andreas Roloff. Blühen oder wachsen – offenbar geht nur eines von beiden.

Forschung an den Grenzen zur Esoterik

Woher aber weiß der Baum, dass es Zeit für ihn ist zur Fortpflanzung? Wie merkt er, dass er genügend Kraft dafür hat – oder dass er noch ein paar Jahre pausieren muss? Wie kann er sich zwischen Blühen und Wachsen entscheiden? Und vor allem – wieso treffen so viele Bäume synchron und periodisch die gleiche „Entscheidung“? Wenn ein Baum in einem guten Sommer massenhaft Blüten- anstelle von Blattknospen anlegt, wäre das so gesehen dann kein Automatismus, sondern eher eine von „Erfahrungen“ und Vorjahresverläufen bedingte, wenngleich riskante Investition in die Zukunft. Als würde er wie ein Banker anhand von Trends und Wahrscheinlichkeiten mit hohem Einsatz auf einen günstigen Kursverlauf spekulieren. Doch dafür bräuchte er im Grunde etwas, was Pflanzen gemeinhin abgesprochen wird – ein Gedächtnis und die Fähigkeit, auf gespürte und erinnerte Umwelteinflüsse angemessen zu reagieren. Anders als Menschen und Tiere besitzen Bäume keine Intelligenz – zumindest glauben wir das. Sie können sich demnach nicht zweckmäßig verhalten. Oder doch? Was wäre, wenn?

Weiblicher Fichten-Zapfen
Ein weiblicher Fichten-Zapfen in der typischen, roten Färbung. Es wird ein paar Jahre dauern, bis dieser Baum erneut Blüten ausbildet.(Foto: Thomas Richter)

Dafür beginnt sich die Wissenschaft gerade erst zu interessieren. „Noch weiß niemand richtig, wie das funktioniert“, sagt František Baluška vom Institut für Zelluläre und Molekulare Botanik an der Universität Bonn. Baluška erforscht Zusammenhänge, die vor 20 Jahren noch belächelt worden wären. Auf manche Berufskollegen wirkt die Vorstellung auch heute noch esoterisch, dass Bäume die Welt und ihresgleichen verstehen und auftretende Probleme intelligent zu lösen in der Lage sind. Andere gehen inzwischen so weit zu behaupten, dass Pflanzen auf ihre Weise sogar sprechen, riechen und sehen können. „Sie sammeln Informationen aus ihrer Umgebung und kommunizieren über Düfte und das Mykorrhizageflecht im Wurzelbereich miteinander, um optimal zu reagieren“, erklärt der Biologe.

Pollenstürme  – Kämpft die Fichte gegen den Klimawandel?

Ein Indiz dafür könnte z.B. die Beobachtung sein, dass Fichten, wenn sie unter Nährstoffmangel und Wasserknappheit leiden, häufiger und intensiver blühen. Forstleute kennen den Begriff der Notfruktifikation, man kann auch Angstblüte dazu sagen. Unnötig Kraft zu verausgaben, wäre für einen geschwächten Baum kaum sinnvoll – es sei denn, um das Überleben seiner Art zu sichern, bevor es mit ihm zu Ende geht. Erfahrungsgemäß stehen Fichten unter normalen Umständen alle vier bis sieben Jahre in voller Blüte, je nach Standort. Es gibt Hinweise, dass sich die Abstände zwischen den Mastjahren in den letzten drei Jahrzehnten verkürzt haben. Ein Grund dafür könnte der Klimawandel sein,  denn vielerorts wird es der Fichte allmählich zu trocken.

Riesenfichte und Besucher
Diese gewaltige Fichte in der Kirnitzschklamm bei Hinterhermsdorf ist Sachsens größter Baum. Als sie zuletzt vor 16 Jahren vermessen wurde, war sie 60,33 Meter hoch und in Brusthöhe 1,40 Meter dick. Der Stammumfang betrug 4,40 Meter. Inzwischen dürfte sie noch größer sein. Experten schätzen ihr Alter auf knapp 400 Jahre. Der Baum steht direkt am Wanderweg, nur wenige Schritte vom Kirnitzschufer entfernt, am Fuße der Wolfsschlucht. (Foto: Hartmut Landgraf)

Wie Blühphasen und Klimafaktoren zusammenhängen, hat ein Forscherteam um Davide Ascoli von der Universität Neapel an einem anderen Phänomen untersucht: der sogenannten Nordatlantischen Oszillation (NOA) – einer Luftdruckschwankung über dem Nordatlantik, zwischen dem Islandtief im Norden und dem Azorenhoch im Süden, die das Klima in weiten Teilen Europas beeinflusst. Die Wissenschaftler konnten in ihrer im Dezember 2017 veröffentlichten Studie zeigen, dass ein Zusammenhang zwischen den Baum-Mastjahren von Fichte und Buche und einer bestimmten Ausprägung dieser Luftdruckschaukel besteht. Laut Janet Maringer von der Universität Stuttgart geht das Phänomen mit feuchten, milden Wintern einher, gefolgt von warmen und trockenen Frühjahren. So wie dieses Jahr – Anfang 2018. Allerdings lässt die Studie keine Rückschlüsse auf die Ursachen des Mastjahrs zu. Sie habe lediglich einen Zusammenhang mit der NOA erwiesen. „Warum die Bäume das machen, weiß man nicht genau“, sagt die Forscherin.

Gestresste Förster – Der Waldumbau wird zum Wettlauf

Sachsens Förster treiben indessen angesichts der gelben Wolken ganz andere Sorgen um. Seit Jahren investiert der Freistaat Millionen in den Waldumbau – aus den alten Fichten-Monokulturen sollen stabile, artenreiche Mischbestände werden. In jedem Frühjahr werden hektarweise Laubbaumarten in die Wälder gepflanzt. Nun müssen die Förster aufpassen, dass ihnen die Fichte mit ihrem Pollensturm nicht die Zeit zurückdreht. Zumal das Orkantief Friedericke Sachsens Wälder gerade gehörig verwüstet und dem Nachwuchs des Nadelbaums damit besten Platz zum Wachsen  geschaffen hat. „Alle Anstrengungen müssen darauf zielen, der Fichte beim Waldumbau zuvor zu kommen“, sagt Sven Martens vom Sachsenforst. Zumindest der Staub hat sich inzwischen gelegt.

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