Tobias Wolf: „Patagonien holt einen in die Realität zurück“

Tobias Wolf klettert in Patagonien die Route Pillar Rojo
Tobias Wolf klettert am Aguja Mermos (2730 Meter, Patagonien) die vierte Seillänge der Bernd-Arnold-Route Pillar Rojo (Schwierigkeit 7a+). Das Foto zeigt ihn etwa 100 Meter unter dem Gipfel. (Foto: Seba/Archiv Tobias Wolf)

Der Dresdner Extremkletterer saß im Gebiet des Cerro Cotta zehn Tage in einem Schneesturm fest. Und hatte dabei viel Zeit zum Nachdenken.

Ein stürmischer Ort unweit vom südlichsten Zipfel des amerikanischen Kontinents. Über 3000 Meter hohe Granitberge – schroff, abweisend, majestätisch und eisig. Gefährliche Gletscher und sagenhafte Wände. Unberechenbare Wetterstürze. Ein extremes Erlebnis selbst für Extremkletterer: Patagonien. Der Dresdner Tobias Wolf hatte für dieses Abenteuer extra viel Zeit eingeplant – fast zwei Monate. Ende Dezember flog er mit seinem Seilgefährten Stephan Isensee nach Argentinien, große, klangvolle Routen vor Augen: Los Fabulos Dos, eine erst einmal frei gekletterte Route am Cerro Cathedral. Eine Wiederholung der sagenhaften El Corazon (1300 Meter-Wand) am Fitz Roy. Oder den schönsten Gipfel der Welt – den 3128 Meter hohen Cerro Torre. Doch es sollte alles ganz anders kommen. Am Cerro Cathedral mussten die Bergsteiger aufgrund extrem widriger Wetterverhältnisse bereits nach anderthalb Seillängen aufgeben. Auch El Corazon und Cerro Torre blieben hehre Ziele. Richtig kritisch wurde es gleich zu Anfang am Cerro Cotta: Ein Schneesturm hielt Wolf und seinen Gefährten drei Nächte lang in der Wand gefangen – in einem winzigen Portaledge. Auch nach dem Abseilen wurde es nicht besser. Im Biwak, einer kleinen Felshöhle, waren sie dem Orkan ebenfalls ausgeliefert. Insgesamt mussten die Dresdner zehn Tage im Valle del Francés (Französisches Tal) ausharren und dann unverrichteter Dinge von dannen ziehen. Ein Interview über Grenzerfahrungen, Naturgewalten, die Leidenschaft Klettern – und gescheiterte Träume.

 

Tobias, am Cerro Cotta wäre es beinahe schiefgegangen. Was denkt man in so einem Moment?

Vo dem Abflug in Frankfurt/Main
Kurz vor dem Abflug in Frankfurt/Main. Pro Kopf 70 Kilo Gepäck sind ein ganz schöner Ballast, wenn man eigentlich bloß klettern will. (Foto: Tobias Wolf)

Du überlegst dir, wie du aus der Sache rauskommst mit dem geringstmöglichen Schaden. Du kannst dich nicht vom Fleck rühren. Draußen rüttelt der Sturm am Überzelt. Alles fängt an zu vibrieren – und irgendwann bist du soweit, dass du am liebsten alles zurücklassen würdest, um bloß irgendwie runterzukommen. Abseilen konnten wir aber nicht mehr, der Abseilstand war 20 Meter rechts von uns. Wir hatten wirklich Angst, dass unser Portaledge zusammenbricht. Dann hätten wir schutzlos im Schlafsack in der Wand gehangen, ohne Schuhe. Irgendwann in der Nacht hab ich mir schon den Helm aufgesetzt. Zum Glück hat das Material durchgehalten. Wenn nicht, hätten wir ein Riesenproblem gehabt.

Hättet ihr denn unbedingt zum Abseilstand zurück gemusst? Abseilen vom Portaledge aus ging nicht?

Das wäre sicher die leichtere Variante gewesen, auch wenn es Materialverlust bedeutet hätte. Aber bei so einem Sturm abzuseilen – noch dazu, wenn es dunkel ist? Selbst, wenn man heil unten ankommt – in dem Moment, wo man dort abseilt und alles hängenlässt, sind die Schlafsäcke oben, und bis man das Biwak erreicht und wieder was Trockenes zum Anziehen hat, sind es acht Stunden Fußmarsch. Die Wand ist nur das eine Problem – die Gefahr zu erfrieren das nächste.

Kletterer im Portaledge
Ein Portaledge ist ein Hilfsmittel zum Biwakieren in Felswänden beim Bigwall-Klettern. Es besteht aus einer Plattform, die aus Aluminiumstangen zusammengesetzt wird. Zusätzlich kann die Konstruktion mit einem Überzelt (Rainfly) gegen Wind und Wetter geschützt werden. Tobias Wolf (vorn) in der Route El Nino im Yosemite-Valley (USA). (Foto: Tobias Wolf)

Fühlt sich bestimmt nicht gut an, im Orkan auf so eine Konstruktion zu vertrauen…

Das fühlt sich ganz und gar nicht gut an. Unser Portaledge war zwar nach unten abgespannt und mit 150 Kilo belastet, trotzdem fängt alles an zu schwingen und zu vibrieren. Ein, zwei Mal hat es uns richtig ausgehoben, und dabei hatten wir noch das Glück, dass wir durch die Wand gegen den schlimmsten Wind geschützt waren. Im Grunde genommen trennen einen nur wenige Millimeter Nylon und ein Alugestänge von dem, was draußen ist. Da kommt man sich echt hilflos vor. Das Witzige daran ist, dass ich normalerweise gerne ohne Überzelt im Portaledge schlafe. Ich mag die Luft und die Ausgesetztheit in der Wand. Aber in so einem Moment ohne Überzelt – das wäre natürlich ganz schlecht gewesen. Unser Problem war auch, dass das Material nicht geatmet hat und wir quasi mit der Zeit von innen nass wurden. Den Sturm hält man schon eine ganze Weile aus, selbst wenn er einem an die Nerven geht. Aber wenn man klatschnass wird und es ist kalt… Unter dem Überzelt hatten wir minus zwei Grad. Unsere Wasserbehälter sind durchgefroren.

Beschleicht einen da nicht der Gedanke: Das war´s jetzt vielleicht…?

Nein, denn in dem Moment, wo du das denkst, gibst du dich auf.

Wie seid ihr aus der Hölle rausgekommen?

Es ist uns tagsüber gelungen, das Seil zum Abseilstand rüberzuschaffen, und dann haben wir am dritten Morgen einen ganz anständigen Rückzug hingekriegt. Der Wind war kurzzeitig abgeflaut, sodass die Seilenden gerade runtergefallen und nicht abgetrieben sind. Der Sturm brüllte erst wieder los, als wir schon am Wandfuß standen. Auch mit dem Material hatten wir Glück. Normalerweise lässt man in so einer Situation das Seil hängen und kommt wieder, wenn das Wetter besser ist, um das Material zu bergen. Das ist teuer, weil das meiste dann total zerstört ist.

Fitz Roy, Cerro Cathedral, Cerro Torre – alles nichts geworden. Habt ihr Patagonien unterschätzt oder kann man dort einfach nichts planen?

Cerro Torre
Gipfel der Sehnsucht: Die steilen Flanken des 3128 Meter hohen Cerro Torre haben für viele Bergsteiger eine geradezu magische Anziehungskraft. (Foto: Tobias Wolf)

Man sollte schon mehr als nur einen Plan B haben – mindestens 20 Ziele – und je nachdem, wie das Wetter kommt, muss man es nehmen, wie es ist. Planen kann man es nicht. Und unterschätzt… hm, naja. Sicher haben wir über Patagonien schon viel Schlimmes gehört. Aber es dann zu erleben, ist noch mal ganz was anderes.

Die ganzen gescheiterten Träume – packt einen da nicht irgendwann die Wut, und man will einfach nur noch irgendwo hoch, egal wie?

Dann hätte man das Risiko nicht verstanden. Die Gefahren sind gigantisch. Bei Schlechtwetter in so einer Wand zu hängen, kann tödlich sein. Es übers Knie brechen zu wollen, hat schon viele Leute das Leben gekostet in Patagonien. Ich war eher resigniert als wütend. Ich hatte vorher fast immer das geklettert, was ich wollte. Und dort sind wir gescheitert, bevor wir es überhaupt richtig versuchen konnten. Das ist sicher frustrierend – aber Wut ist das falsche Wort.

Die Berggipfel der Cordillera del Paine
Der Nationalpark Torres del Paine ist einer der bekanntesten Nationalparks in Chile. Ein El Dorado für Kletterer sind die bizarren Felstürme der Cordillera del Paine. Ganz rechts im Bild sind der Cerro Cathedral und der Cerro Cotta zu erkennen (von rechts). Zum Vergrößern anklicken! (Foto: Tobias Wolf)

Wie gehst du mit Niederlagen um?

Ständigen Erfolg gibt es nicht. Niederlagen sind wichtig, um einen in die Realität zurück zu holen. Sie zeigen einem, dass man sich durchaus noch verbessern kann. Wir haben zum Beispiel das ständige Rucksacktragen ein bisschen unterschätzt, denn die Zustiege sind ewig weit. Sechs bis acht Tage haben wir nur geschleppt – und das war leider das schönste Wetter. Klar, wir haben schon damit gerechnet, viel und lange tragen zu müssen. Aber wir haben nicht bedacht, wie viel Kraft das kosten würde. Da ist man erstmal richtig k.o. und kann nicht gleich losklettern.

Sonnenaufgang im Nationalpark Torres del Paines
Grandiose Granitklippen und Gletscher unter einem fast wolkenlosen Himmel – solche Bedingungen sind eher die Ausnahme in Patagonien. (Foto: Tobias Wolf)

Zumindest einen schönen Weg hat Patagonien dir noch gegönnt. Pillar Rojo – eine Route von Bernd Arnold und Kurt Albert am Aguja Mermos (2730 Meter). 16 Seillängen, 450 Meter, 8 Stunden – Schwierigkeit 7a+. Tröstet dich das?

Tobias Wolf vor der Kletterhalle Bouldercity
Der Stammladen in Dresden: Im Winter trainiert Tobias Wolf zweimal pro Woche in der Neustädter Kletterhalle Bouldercity am Bischofsweg. (Foto: Hartmut Landgraf)

Sicher bin ich zunächst mal froh, überhaupt was geklettert zu haben. Nicht nur Pillar Rojo. Auch an der Desmochada haben wir eine Route geschafft – Bras Parrot, 600 Meter, 7b+ – und am Mojo Voi des Benitiers eine 400 Meter Wand, 7b+. Aber ob mich das tröstet… Schwer zu sagen. Wenn man eine 1300-Meter-Wand am Fitz Roy klettern möchte, ist eine 400 Meter hohe Einkletterroute nicht mehr als ein Wehmutstropfen. Nein, als Kletterer sollte man keine allzu großen Erwartungen in Patagonien haben. Nur ist es halt schwer, Erwartungen gering zu halten, wenn man solchen Aufwand dafür betreibt. In derselben Zeit kann man anderswo zehnmal so viel klettern. Natürlich ist die Landschaft toll. Das stelle ich keineswegs infrage. Die Natur ist überwältigend – auf dem Gletscher zu sein, der Morgen, die Berge, die Fotos – genau das wollte ich. Man kommt sich dort klein vor, regelrecht winzig. Einzigartig! Aber das eigentliche Ziel war ein anderes. Ich möchte in so einer Landschaft ja nicht einfach bloß klettern, sondern meine Routen vor allem frei klettern, und das macht in Patagonien wegen des Wetters so gut wie niemand.

In Sachsen könnte man sagen, am Cerro Cathedral und am Cerro Cotta hast du einen Sack gehangen. Wann gehst du ihn holen?

Also ich hab nicht das Gefühl, dass ich einen Sack aufgehangen hab. Aber ich weiß auch nicht, ob ich je wieder nach Patagonien fahre.

 

Über seine Abenteuer in Patagonien hält Tobias Wolf am 20. März, 20 Uhr, einen Lichtbildervortrag in der Kletterarena Zwickauer Straße 42. Karten gibt es an der Abendkasse. Wer mehr über den Dresdner Extremkletterer und seine Touren wissen möchte, kann seinem spannenden Blog folgen.

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