Bernd im Glück

Portraitfoto Bernd Arnold
Noch immer neugierig aufs Leben und die Berge der Welt - Bernd Arnold. (Foto: Hartmut Landgraf)

Kletteridol Bernd Arnold wird 70. Noch immer reizt den Sachsen das Abenteuer in den Wänden seiner Heimat – und fernab davon. Von Zeit zu Zeit verschwindet er für ein paar Wochen. Manchmal bis ans Ende der Welt. Aber zurück zu sich.

Bernd Arnolds Leben erscheint wie ein Ping-Pong-Spiel zwischen zwei Extrempunkten. Einer dieser Pole befindet sich in einer kleinen Dachkammer in seinem Heimatort Hohnstein in der Sächsischen Schweiz, erfüllt von  Pfeifendunst, vollgestopft mit Büchern und Papieren und einem schlichten  Sekretär voller Merkzettel und Telefonnummern. Dort sitzt der Kursleiter und Trainer Bernd Arnold – Bernd, der Vorkletterer, der mit seinen Kunden telefoniert, plant und Termine eintaktet.  Dort sitzt auch Bernd, die Kletterlegende. Ein Mann, den man auf der ganzen Welt als sächsischen Meister des Sports kennt. Der im Elbsandsteingebirge Spuren hinterlassen hat wie kaum ein anderer. Jemand, den Journalisten und Filmleute anrufen, wenn sie Rat wollen oder ein Interview. Ein Mann, der noch immer schwer klettert – aber seine 70 Jahre in den Knochen und Muskeln spürt. Der die Früchte seiner Sturm-und-Drang-Zeit genießt. Und den das insgeheim wurmt. Das alles ist der Alltags-Bernd.

Felsnadel vor der Küste Tasmaniens, Totem Pole, Kletterer
Einen solch spektakulären Kletterfelsen muss man auf der Welt lange suchen. Bernd Arnold wird in Australien fündig – genauer gesagt, auf der südlich vor dem Kontinent gelegenen Insel Tasmanien. Rund 70 Meter hoch ragt der „Totem Pole“ aus einer Meeresbucht an der Ostküste auf. Die Nadel ist noch relativ unverbraucht, erst 1995 wird sie zum ersten Mal bestiegen. Bis heute verirren sich nur sehr wenige Bergsteiger in diesen entlegenen Winkel der Welt. Foto: Renato Botte / Archiv B. Arnold

Der andere Pol in Bernd Arnolds Leben ist nicht so festgelegt. Er verändert sich, wechselt unablässig den Ort, lässt sich nie ganz klar definieren. Mal ruht er für einen Moment auf  einem Stück Natur in der heimischen Sandsteinwelt, dann springt er über auf eine Insel im  arabischen Piratenmeer – oder taucht auf dem Gipfel einer Felsenburg im Urwald von Venezuela wieder auf. An diesem launischen, wechselhaften Pol trifft man Bernd, den Abenteurer. Einen Mann, der sich auch mit 70 Jahren noch zu jung fühlt, um eine Legende zu sein. Der neugierig und hungrig ist auf die Welt und alles, was sie ihm zu bieten hat. Der rausgehen will aus dem Gefangensein im Alltag und wie ein Trotzkopf gegen alles meutert, was ihn zu sehr einengt und ihm Grenzen setzt – auch gegen die Gebote der Schwerkraft. Dieser Bernd sucht das Weite, wenn ihn sein anderes  Leben  erdrückt. Dann verschwindet er für ein paar Wochen in irgendeinen Winkel der Erde –  lässt Hohnstein und den Winter daheim zurück und sucht „Augenblicke des totalen Glücks“, so beschreibt er das Ziel seiner Reisen in einer Tagebuchaufzeichnung.

Kletterer Bernd Arnold, Felsen im Meer, Totem Pole
Bernd Arnold im Kampf mit dem „Totem Pole“. Auch im vorgerückten Alter steigt der Hohnsteiner in schwere Routen ein. Nach sächsischer Schwierigkeitsskala würde sie mit IXc bewertet. Foto: Helmut Gargitter / Archiv B. Arnold

Bei einem dieser Ausbrüche findet Bernd Arnold seinen zweiten Pol für ein paar Dezembertage auf der Südhalbkugel, auf der Sommerseite der Erde, etwa 30 Flugstunden  von Frankfurt/Main entfernt, zwischen dem Indischen und dem Stillen Ozean. Dort liegt vor der australischen Festlandküste die Insel Tasmanien, ein dünn besiedelter Landfleck von etwa der Größe des Bundeslands Bayern, mit exotischen Pflanzen und Tieren, wuchtigen Bergmassiven und schroffen Felstürmen aus Dolerit – einem grobkörnigen Basaltgestein.  Tasmanien war früher eine Sträflings-Kolonie der englischen Krone. Hierher wurden Schwerverbrecher verfrachtet, die man im britischen Heimatland nicht haben wollte. Bergsteigern ist die Insel aber schon eher wegen einer spektakulären Felsnadel an der Ostküste geläufig: „The Totem Pole“ (der Totempfahl). Die etwa 70 Meter hohe Steinsäule wächst in einer schmalen Bucht zwischen steilen Uferklippen senkrecht wie ein Lot aus dem Meer, kühn und schroff – ein Fels in der Brandung.

Für Bernd Arnold ist Tasmanien schon lange ein Thema. Anfang der 80er-Jahre zieht er mit zwei australischen  Spitzenkletterern, Kim Carrigan und Louise Shepherd, durchs Elbsandsteingebirge. Die Australier erzählen von der exotischen Felseninsel im Süden des  Kontinents. Die Neugier des Hohnsteiners ist geweckt. Doch als DDR-Bürger erscheint ihm diese Welt unerreichbar fern, eine  Märchenbuchlandschaft. Den Totem Pole entdeckt  Arnold zum ersten Mal auf dem Werbefoto eines Herstellers von Outdoorbekleidung.

Kletterer vor Wüstenlandschaft, Hogargebirge in der Zentralsahara, Bernd Arnold
Die weite Welt reizt ihn schon immer. Abenteuer Sahara: Im Frühjahr 2003 klettert Bernd Arnold eine 350-Meter-Wand am Tizouyag-Süd im Hoggargebirge (Algerien). Foto: Helmut Schulze
Kletterer barfuß auf Wüstengipfel
Im Hoggargebirge, auf dem Gipfel des Tizouyag-Nord. Foto: Helmut Schulze

Die Säule zieht ihn sofort in ihren Bann und wird eines seiner Traumziele. Doch Bernd, der  Träumer und Abenteurer, hat spätestens nach der Wende viele solche Ziele. Tasmanien  muss am längsten auf ihn warten. Die Reise zum Totem Pole beginnt am Gate 23 des Flughafens von Sydney. Von dort nimmt er mit seinem Südtiroler Kletterfreund Helmut Gargitter und zwei weiteren Bergsteigern den Flieger nach Hobart, der Inselhauptstadt. Es soll seine bislang teuerste Reise werden. Aber eine, von der er später sagen wird, dass sie unter „den großen Besonderheiten“ in seinem Kletterleben rangiert. Bernd Arnold sagt solche Sachen nicht einfach so dahin. Sie bedeuten ihm etwas. Denn der Hohnsteiner stürmt  auf seinen Reisen nicht sofort – blind fürs Umfeld – seinen Sehnsüchten hinterher auf irgendeine Wand los. Er will „ankommen“, nimmt sich Zeit für Land und Leute, sieht mehr als nur nackten Fels und urteilt mit Bedacht. Am Totem Pole gefällt ihm aber besonders die Begegnung  zweier Naturgewalten: die zwischen dem Fels und der See.

Der erste Blick auf die Zacke ist jedoch wenig erhebend, eher ernüchternd. Was daher kommt, dass man zunächst mal vom mächtigen Hochufer – also von oben – zu ihr herabsteigen muss. Die Massivklippen sind bis zu 200 Meter hoch. Die 70-Meter-Säule in ihrer Mitte „sah ein bisschen popelig aus“, sagt Bernd Arnold. Doch der Respekt kommt  gleich beim Hinunterseilen zurück. Mit jedem Meter, den die Kletterfreunde verlieren,  wächst das schroffe Lot in die Höhe. Die Bergsteiger tauchen zwischen den beiden Wänden  wie in einen Trichter ein, auf dessen Grund die Brandungswellen schäumen. Zehn Meter breit ist der Meereskanal. Um den Einstieg zu erreichen, muss am Seil von einer Wand zur anderen gependelt werden – doch das misslingt zunächst, weil es drüben nichts zum Festhalten gibt. Irgendeine Stange muss her. Damit könnte man über das Wasser hinweg zu  einem Sicherungshaken langen und eine Express-Schlinge mit offenem Schnapper  einhängen.

Mann in der Wüste auf Kamel, Bernd Arnold im Wadi Rum
Für Bernd gibt´s immer was zu klettern. Hier bei einer Tour im Wadi Rum (Jordanien) um die Jahrtausendwende. Foto: Helmut Schulze

Doch für so eine Angelei ist es zu spät. Das Experiment muss bis zum nächsten Tag warten – erst dann gelingt es. Ein dünnes Eukalyptusbäumchen wird dafür geopfert. Was weiter oben folgt, findet der Hohnsteiner, der schon immer in den oberen Schwierigkeitsgraden zu Hause ist, anspruchsvoll. Feuchter Fels, eine windige, 40 Meter hohe Kante, glatt. In Australien  wird die Route nach der einheimischen Skala, die 33 Schwierigkeitsgrade kennt, mit 25 eingestuft. Spielerei sei das nicht gewesen, schreibt Bernd Arnold später in sein Tagebuch. Und das, obwohl die Route auf den Gipfel seit 1995 erschlossen ist und somit im Grunde gar nicht recht ins Fahndungsraster des Kletterpioniers  passt. Der sucht  auf seinen Reisen nämlich vornehmlich Berge, wo es noch etwas zu entdecken gibt – wo nur Gespür, Erfahrung und Können zählen und der Weg durch die Wand erst gefunden werden muss. „Als Entdecker unterliegst du keinen Einschränkungen – das ist schön in unserer festgefügten Welt“, hat Bernd Arnold mal gesagt. Aber die Säule bezirzt ihn wohl vor allem mit ihrer Schönheit. Unten im Meer tummeln sich Delfine und Robben. Die Sonne lacht – und dann diese herrliche Linie. Es ist schon fast kitschig schön. „An so einem Tag denkst du wirklich an den Weltfrieden“, sagt Bernd Arnold.

Ein paar Tage später ist der Kletterer wieder daheim in Hohnstein, mitten im Winter. Aus Bernd, dem Abenteurer, wird wieder der Alltags-Bernd, der sich an seinen Schreibtisch  setzt, Anrufe empfängt, Briefe beantwortet und mit der Familie  Weihnachten  feiert. Bis zur  nächsten Reise.

Mann klettert ungesichert am Lilienstein, Bernd Arnold
Abenteuer Elbsandstein: Bernd Arnold klettert 1998 ohne Seilsicherung die Route Melanin am Lilienstein – einen der eindrucksvollsten Felsüberhänge Sachsens. Foto: Helmut Schulze

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