Nacht im Elbsandstein

Serie: Abenteuer Natur

Schrammsteine bei Nacht
Die Gipfel der Schrammsteinkette im Mondlicht. (Foto: Hartmut Landgraf)

Fotografen nennen sie die „fünfte Jahreszeit“. Sie ist ein zentrales Thema der Romantik, bewegt Dichter und Maler, Philosophen und Naturwissenschaftler. Und auch zwei einsame Wanderer in der Sächsischen Schweiz. Eine kleine Geschichte über die Nacht.

Die Kamera sieht mehr als ich. Auf dem Display erscheinen die Schrammsteine noch immer wie im Nachglanz der Abenddämmerung: blasses Rot, milchiges Violett, tiefes Blau. Meine Wirklichkeit sieht anders aus – eine Landschaft, schwarz wie ein Ofenrohr, mit ein paar einsamen Lichtinseln hier und da. Es ist kurz nach Mitternacht.

Nach den Erkenntnissen der Schlafforschung und allen Regeln der Vernunft gehören wir als arbeitende Menschen ins Bett. Stattdessen geistern Thomas Pöschmann und ich durchs Elbsandsteingebirge. Im Licht unserer Taschenlampen tänzeln wir wie zwei Motten durch die Dunkelheit – über den Malerweg, immer dem Mond hinterher. Auf jedem Riff machen wir Halt und wiederholen das gleiche Ritual: Stativ auspacken, Kamera in Stellung bringen, einstellen, fokussieren – und warten, bis die Optik irgendetwas gefunden hat. Zuerst am Müllerstein, dann auf dem Schrammstein-Gratweg.

Kipphornaussicht
Blick von der Kipphornaussicht auf das nächtliche Bad Schandau. (Foto: Thomas Pöschmann)

30 Sekunden bei offener Blende genügen einer Kamera, um der Nacht ihre tiefsten Geheimnisse zu entreißen. Aber mit bloßem Auge können wir kaum etwas erkennen. Wir tappen buchstäblich im Dustern – schwer zu sagen, wo fester Boden ist und wo der Tritt ins Leere geht. Was machen wir hier eigentlich? Offen gestanden habe ich dafür keine vernünftige Erklärung. In ihrer Zwiespältigkeit zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Wirklichkeit und Traum, besitzt die Nacht eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Ich möchte eine Geschichte darüber schreiben. Aber wie fasst man den Zauber in Worte?

Thomas hat es sich einfach zum Hobby gemacht, Landschaften zu fotografieren. Die Stunden zwischen Abend- und Morgendämmerung sind für ihn die perfekte Zeit, um draußen zu sein. Die Nacht bringt die großen Formen der Landschaft zur Geltung – die Klippen, Felsen und Tafelberge – und verbirgt die unwichtigen Details. Sie reduziert die Welt aufs Wesentliche. Schwarz und Weiß. „Die Dunkelheit verändert alles“, sagt er. Das Licht. Die Konturen. Die Sichtweisen. So wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter ihre jeweils eigenen Stimmungen, Farben und Motive haben, ist auch die Nacht fotografisch eine Welt für sich. Thomas nennt sie deshalb die „fünfte Jahreszeit“.

Falkenstein bei Nacht
Zwei Wahrzeichen der Sächsischen Schweiz: der Falkenstein (vorn) und der Lilienstein. (Foto: Thomas Pöschmann)
Die Lichter von Königstein
Von der Festung fotografiert – die Lichter von Königstein. (Foto: Thomas Pöschmann)

Auch mich fasziniert die dunkle Seite der Sächsischen Schweiz. Wenn aus dem vertrauten Sandsteinland ein Schattenreich wird – eine Einöde voller rätselhafter Wesen und schwarzer Abgründe. Wenn Felsen wie Geisterschiffe übers Nebelmeer treiben, Bäche im Mondlicht schimmern und funkeln wie ein Brillantcollier. Als ich in dieser Märchenwelt zum ersten Mal unter freiem Himmel schlief, war ich noch ein Kind. Ich weiß noch, wie ich damals vom Regen aus dem Schlaf gerissen wurde und von der Decke des Felsens, unter dem wir unsere Matten ausgerollt hatten, das Wasser zuerst tropfenweise, dann in kleinen Rinnsalen und schließlich in hellen Bächen heruntergeflossen kam – bis in unsere Schlafsäcke. Doch in dieser Nacht geschah auch etwas Wunderbares: Kurz vor Anbruch der Dunkelheit waren wir auf ein kleines Felsplateau hinaufgeklettert – und dort oben saßen wir schweigend und andächtig nebeneinander, mein Vater und ich, und schauten zu, wie sich die Welt über unseren Köpfen zu einer riesigen, flimmernden Kuppel formte. Es war atemberaubend. Ich glaube, damals habe ich mich zum ersten Mal bewusst als ein Teil der Natur gefühlt.

So eins mit der Welt bin ich selten. Heute verlangt die Kamera meine ganze Aufmerksamkeit. Die Lichtempfindlichkeit muss neu eingestellt werden. Am Stativ ist eine Schelle verrutscht und lässt sich nicht mehr schließen. Dann ist der Akku leer. Batteriewechsel. Ich komme einfach nicht zur Ruhe. Thomas geht es ähnlich. Schließlich finden wir auf einem Block in der Nähe des Jägersteigs unseren letzten Fotostandplatz. Inzwischen ist es 1 Uhr. Wir beide sind müde und müssen noch zurück nach Dresden. Wortlos pflanze ich das Stativ an den Rand der Klippe, drücke den Auslöser und lasse die Kamera machen. Ich hocke mich auf den nackten Felsboden, nehme einen Schluck aus der Wasserflasche und blicke dem Mond ins Gesicht. Nur noch ein winziges Scheibchen fehlt ihm am Rand – dann wäre er vollkommen rund.

Vollmond über dem Rosenberg
Vollmond über dem Rosenberg. (Foto: Thomas Pöschmann)

Wann nimmt man sich schon mal die Zeit, über so einfache Dinge nachzudenken? Dabei liegen in ihnen oft die Schlüssel zu unseren größten und wichtigsten Fragen. Auf der anderen Seite des Elbtals glimmen unter dem Zirkelstein und der Kaiserkrone die Straßenlaternen von Reinhardtsdorf-Schöna wie Inseln des Lichts in einem dunklen Universum. So muss es angefangen haben. Die Nacht war der Beginn von allem. Bei den alten Griechen begegnet sie uns in Gestalt einer mächtigen Göttin, die den Tag gebiert. In der Bibel schied Gott das Licht von der Finsternis, um die Welt zu erschaffen. Auch die moderne Astrophysik kennt einen originären Nachtzustand. Am Anfang ist im Universum alles in einem Punkt konzentriert. Eine Singularität, in der weder Raum noch Zeit existieren. Erst 300.000 Jahre nach dem Urknall lösen sich Energie und Materie voneinander. Das Universum wird allmählich „durchsichtig“ – das Licht kommt in die Welt.

Die Nacht bewegt Philosophen und Naturwissenschaftler, Dichter und Maler. In der Romantik, die so viel mit der Sächsischen Schweiz zu tun hat, ist sie ein zentrales Thema. Caspar David Friedrich schuf ihr mit seinen zwei Männern, die den Mond betrachten, ein weltberühmtes Denkmal. Goethe und Mark Twain sollen ihre Werke teils im Bett geschrieben haben. Von Händel heißt es, er habe seinen „Messias“ in einem dreiwöchigen Schaffensrausch ohne Schlaf komponiert. Die Nacht, das wurde in psychologischen Experimenten belegt, fördert die Kreativität.

Pfaffendorf bei Nacht
Das nächtliche Pfaffendorf. Links dahinter die Festung Königstein. (Foto: Thomas Pöschmann)

Doch wo sonst als hier draußen in den Bergen findet man heute noch eine richtige Nacht? Als Großstadtbewohner kann ich die Sterne nicht mehr sehen – sie werden von uns überstrahlt. Inzwischen erzeugen wir in Deutschland so viel künstliches Licht, dass einer Umfrage zufolge mehr als ein Drittel der Menschen unter 30 die Milchstraße noch nie mit eigenen Augen gesehen hat. Neun Millionen Straßenlaternen machen die Nacht zum Tag. Umweltschützer sprechen von „Lichtverschmutzung“. Neben allen ökologischen und gesundheitlichen Folgen, die damit verbunden sind, geht uns vor allem eines verloren – der Zauber!

Inzwischen haben Thomas und ich die Kameras weggepackt und uns vorsichtig den Jägersteig hinunter auf den Rückweg gemacht. Wir wollen wenigstens noch für zwei, drei Stunden in die Kissen schlüpfen, bevor die Arbeit wieder auf uns wartet. Von allem, was wir zwei einsame Sternengucker an schlauen Dingen über die Nacht sagen können, trifft zumindest eines mit absoluter Gewissheit zu: Sie vergeht zu schnell.

Thomas Pöschmann
Thomas Pöschmann

Thomas Pöschmann: Softwareentwickler aus Stolpen, der die Landschaftsfotografie als Hobby betreibt und sich deshalb als „Knipser“ bezeichnet. Als Mitbegründer der Stativkarawane füllen die Ergebnisse seiner „Knipserei“ inzwischen ganze Festplatten und flimmern in Sachsen über große Leinwände. Erste sinnvolle Fotos sind aus Los Angeles und dem Grand Canyon (1999) überliefert – aufgenommen mit einer kleinen, vollautomatischen Kompaktkamera (Olympus mju). Heute passt die komplette Fotoausrüstung kaum noch auf einen Packesel. Der einstige Nachtschwärmer stellt gerade seinen Biorhythmus um, ist neuerdings Frühaufsteher und braucht seine sieben Stunden Schlaf. >>> Zur Fotogalerie

Hartmut Landgraf
Hartmut Landgraf

Hartmut Landgraf: Journalist aus Dresden, der vom einstigen Tages-Zeitungsredakteur immer mehr zum Nacht-Blogger mutiert – zumindest, was die Arbeitszeiten anbelangt. Benutzt zum Recherchieren am liebsten die Füße und findet dafür im Elbsandsteingebirge nahezu unbegrenzte Möglichkeiten. Auch in der Freizeit treibt er sich am liebsten in den Bergen oder mit dem Kanu auf einsamen Nordlandgewässern herum. Sein Rezept gegen Müdigkeit: Kaffee trinken und in Bewegung bleiben. Jüngste Idee: das Online-Magazin Sandsteinblogger. >>> Zum Profil

4 Kommentare zu Nacht im Elbsandstein

  1. Die Ergebnisse dieser aufwändigen Arbeit, nämlich die Bilder dieses Artikels als auch die Zeitraffer-Sequenzen in der Biwak-Sendung über die Winterabenteuer im Elbsandstein Teil 2, sind so außerordentlich schön, dass ich mich daran nicht genug satt sehen kann. Einfach wunderbar!

  2. Es waren eure Momente die mich bewegt haben sich für die Region wieder Stark zu machen.Wenn ihr alle noch Klettern könntet und die Kletterregeln am Felsen beherscht wäre dies nicht nur ein Beitrag für die Natur.
    #ArschlochSportklettern… 🙂

    • Hallo Martin, ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob du mit deinem Beitrag die Redaktion des Sandsteinbloggers ansprichst. Aber einige von uns gehen bekanntermaßen seit Jahren und regelmäßig klettern – und das nicht nur in der Sächsischen Schweiz. Insofern sind uns auch die Kletterregeln geläufig, falls du denn die sächsischen meinst. Nicht ganz nachvollziehen kann ich deinen Hashtag. Widerspricht irgendwie meinem Bild von Bergkameradschaft… Gruß, Hartmut

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