Ohrensausen am Wehlturm

Vor und hinter den BIWAK-Kameras

Kletterin am Großen Wehlturm
Kurz vor der Schlüsselstelle: Julia Winter in der "Direkten Superlative, IXc". (Foto: Screenshot MDR BIWAK)

Eine Superlative, eine Damenpartie und eine alte Tante am Himmel, die dort nicht hingehört. Die Dreharbeiten für die Juli-Sendung haben das BIWAK-Team ganz schön gefordert.

Von Thorsten Kutschke

So eine Scheiße!“, brüllt es aus heiterem Himmel durch den Wald – wir zucken zusammen. Unser Ton-Mann flucht, mitten in den Dreharbeiten für unsere BIWAK-Sendungen für den Sommer. Wir schauen uns erschrocken an. Normalerweise soll der gute Johnny doch Töne aufnehmen und sauber auspegeln – und selbst keine von sich geben! Schon gar nicht bitteschön in diesem Jargon… Wir ahnen: Er hört was unter seinen sensiblen Kopfhörern, was uns auch gleich ärgern wird. Wenn wir es – unverstärkt – mit eigenen Ohren zu hören bekommen…

Wo sind wir? In Rathen (Sächsische Schweiz), am Fuß der Nordostwand unterm Großen Wehlturm. Was tun wir? Wir filmen zwei junge Damen, die weit über uns in der riesigen Wand klettern. Was nervt uns? Lärm. Lärm, den wir so in fast 25 Jahren BIWAK noch nie hatten…

Der Reihe nach: Den Großen Wehlturm hatten wir schon sehr lange im Visier. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Immer wieder überlegen wir schließlich seit Jahren, wo man denn im Elbsandstein mal neue Perspektiven in Sachen Kletter-Film generieren könnte. Mit einer „langen Tüte“ (so nennen wir ein Teleobjektiv mit ungewöhnlich langer Brennweite) mal in diese Wand filmen… das wär´s doch! Spruchreif wurde das, als ich die Ausnahme-Kletterin Julia Winter mal darauf ansprach: Die „Superlative, IXc“ – eine Route von Bernd Arnold, Ende der 70er mal eine der schwierigsten auf der ganzen Welt… – DIE hatte die Jule noch nicht im Tourenbuch stehen.

Oha! Wir müssen reden! Wir mögen die Jule. Sie uns auch. Nur im Fernsehen, naja… das mag sie eigentlich nicht so. Aber in dem Fall…, okay – macht sie mal ne Ausnahme.

Auf dem Gipfel des Großen Wehlturm
Auf dem Gipfel: Julia Winter und BIWAK-Kameramann Thomas Türpe. (Foto: Screenshot MDR BIWAK)

Das Planen beginnt. Wir werden ja oft gefragt: Wie strickt Ihr eigentlich Eure Themen? WER entscheidet WARUM, WAS in eine BIWAK-Sendung kommt. Im konkreten Fall war die Idee ursprünglich der Weg. Julias Projekt schiebt unser Projekt an – und die Suche nach einem dramaturgischen Faden. Weil wir unlängst auch alte Kletterfilme im Archiv des DDR-Fernsehens gefunden haben, kommt uns eine Idee: Wir sehen auf altem Orwo-Film anno 1980 die Gerda Jacob klettern – die erste Frau, die alle Gipfel der Sächsischen Schweiz bestiegen hat. Wie wär´s denn mit FRAUEN-Klettern, liebe Kollegen? Wo doch sonst meist die Männer im Vordergrund stehen bzw. sich dahin drängeln? Wird abgesegnet und genehmigt – also los!

Läuft perfekt: Jule überm 2. Ring – die Schlüsselstelle der Route. Es ist kalt, sie fröstelt – klettert das Problem an, schaut… setzt sich nochmal ins Seil, schüttelt die Hände aus. Und dann: Zack – zack – zack – und… ja! Auch der Längenzug sitzt. Klasse! Es ist eine Freude, dieser jungen Dame beim Klettern zuzusehen. Wir tun das übrigens mit nicht weniger als fünf Kameras. Die „lange Tüte“ steht drüben am Gans-Riff, wir mit einer weiteren Kamera und Ton-Recorder unten am Wandfuß – und mitten in der Wand: Felix-Fele Bähr, Thomas Türpe und Alex Hanicke, die in aller Herrgottsfrühe über den Hünigweg (!VI) zum Gipfel schon gestiegen waren, um drei Fixseile in die Wand zu installieren.

Punkt 11 Uhr. Oben in der Wand ein Lachen (Julia)! Unten: Entgeisterte Gesichter (wir)… Von der Felsenbühne, keine 300 Meter entfernt, hören wir einen Chor singen. Das geübte Ohr erkennt sofort: Der Freischütz! Der Redakteur (ich!) will im Erdboden versinken… Na klar habe ich alle Vorstellungs-Termine der Landesbühnen recherchiert, damit wir uns nicht in´s Gehege kommen mit dem Ton. Aber da gibt´s ja auch Proben… Es fällt mir wie Schuppen aus den Haaren: Mist verdammter! Vielleicht hatten wir es deswegen nicht „auf der Pfanne“, weil wir selbst nie „proben“ – wir wollen die Geschichten authentisch. Johnny, unser Ton-Mann zuckt mit den Schultern… „Nix zu machen!“, sagt er: „Das schallt so laut, dass man es selbst über die Funk-Mikrofone hört!“ Damit meint er jene, die wir den Mädels angesteckt haben, damit wir alles hören, was in der Wand passiert. Keuchen, Freuen, Fluchen… Erstmal fluchen aber nur wir.

Tonmann bei den Dreharbeiten für BIWAK
Schreck lass nach! BIWAK-Tonmann Johnny kam bei den Dreharbeiten für die Juli-Sendung ein dicker „Brummer“ in die Quere. (Foto: Screenshot/ MDR BIWAK)

Allerdings: Es hat bis hierhin noch niemand lauthals „Sch….!“ gebrüllt. Das passiert eine halbe Stunde später. Unten in der Felsenbühne wird grad nicht gesungen, sondern „nur“ klappernd mit Holz-Schwertern gekämpft und geprobt. Jule steht oben auf dem Absatz und holt Luisa nach, ihre Kletterpartnerin.

Und genau in diesem Moment Johnny´s Brüller… es dauert gefühlte 2 Sekunden, bis wir realisieren, was seinen Unmut erregt: Fluglärm! Aber was für welcher… Ein Propeller-Flugzeug, eine alte „Tante Ju“ kreiselt über der Bastei und dem Rathener Kessel bis hinüber zum Gansfels. Einmal, zweimal… Unaufhörlich, immer wieder. Das darf doch nicht wahr sein! Die Felsenbühne hören wir nicht mehr. Die Kletterinnen auch nicht. Nur das laute und nervige Brummen der Propeller-Motoren.

Tiefflieger über dem Rathener Gebiet
Da fliegt sie, die alte Nervensäge. (Foto: Screenshot MDR BIWAK)

Wir kennen das Ärgernis in der Sächsischen Schweiz seit Jahren: 600 Meter über Grund sind als Mindestflughöhe vorgeschrieben. Die hat die „alte Tante“ da oben nie und nimmer! Genauso wenig wie unlängst eine Transport-Maschine der Bundeswehr, die durchs Elbtal „schwebte“. Immer wieder, so wissen wir, wird seitens der Nationalpark-Verwaltung Anzeige erstattet. Aber irgendwo, so munkelt man, wird da kräftig gemauert…

Tiefflieger
Ziemlich tief, wie´s aussieht. Zivilflugzeuge müssen in der Sächsischen Schweiz einen Mindestabstand von 600 Metern zum Boden einhalten, nur das Militär darf noch tiefer. (Foto: Screenshot MDR BIWAK)

Wir filmen das Flugzeug, notieren das Kennzeichen. Natürlich filmen wir auch in der Wand weiter – und machen einen Film draus, der zeigt, wie sich die Julia und die Luisa durch den brüchigen Sandstein im oberen Wandteil „fürchten“. Und natürlich haben wir das im Schnitt dann auch mit dem Ton noch einigermaßen hinbekommen. Und die Gerda Jacob – heute 78 Jahre alt – haben wir getroffen und uns über die Geschichten aus den „alten Zeiten“ gefreut.

Es wird eine bunte und unterhaltsam-spannende Sendung – das kann ich versprechen!

Was aus der Anzeige gegen die „alte Tante“ am Himmel wird…? Warten wir´s mal ab…

 

BIWAK im Juli
  • 8. Juli: „Damenpartie IXc“ – Kletter-Frauen im Elbsandstein (u.a. mit Julia Winter und Luisa Neumärker am Großen Wehlturm, Gerda Jacob mit Archivaufnahmen aus den 80er-Jahren, und mit einem Blick ins Gipfelbucharchiv des Sächsischen Bergsteigerbundes).
  • 15. Juli: „Zwischen Spaß und Risiko“ – was muss ein guter Bergsteiger können? (u.a. mit Robert Leistners Jubiläums-Begehung am Nonnengärtner, „Schrecksekunden“ aus dem BIWAK-Archiv und einer umfangreichen Reportage vom „Treffen Junger Bergsteiger“ in Hohnstein).

Weitere Infos findet ihr auf der >>> Facebookseite von BIWAK.

tku_1Thorsten Kutschke

Der Dresdner ist seit dem Kindesalter „sport-verrückt“. Er hat zehn Jahre Leichtathletik als Leistungssport betrieben, war mehrfacher Spartakiade-Teilnehmer und außerdem als Handballer und Fußballer aktiv. Heute ist Thorsten Kutschke aktiver und begeisterter Outdoor-Urlauber. Er fährt Ski, liebt Trekking, Biking und Bergtouren.

Zum Fernsehen kam Thorsten, wie er sagt „… bei einem Glas Rotwein“. Dabei habe ihn jemand überredet. Es sei aber „keine Schnapsidee“ gewesen. Vorher war er über acht Jahre Sportredakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten. 1998 kam Thorsten zum MDR, zunächst als freiberuflicher Autor und Redakteur beim MDR Sachsenspiegel. Seit Juni 2001 ist er als Redakteur und Moderator des Bergsport-Magazins BIWAK tätig. Bis heute hat er mehr als 100 BIWAK-Sendungen präsentiert und mitgestaltet – aus verschiedenen Bergregionen der Welt: von der Sächsischen Schweiz bis ins isländische Binneneis, vom Nanga Parbat bis zum Cotopaxi…

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