Auf Sand gebaut

Nach dem Felssturz am Rauenstein kann man dort jetzt Muscheln suchen.
Am Rauenstein stürzten Anfang Januar 30 Kubikmeter Fels zu Tal. Für Geologieexperten wie Rainer Reichstein ist das Trümmerfeld eine Goldgrube - denn aus den Tiefen des Sandsteins kommen Jahrmillionen alte Kreidezeit-Relikte zum Vorschein. Sogar Muscheln kann man dort jetzt finden. (Fotos: Hartmut Landgraf)

Was die Sächsische Schweiz im Inneren zusammenhält, ist so bröselig wie ein Zwieback, wie man jetzt am Rauenstein sehen kann. Doch Fossiliensammlern hat der Felssturz eine Goldgrube hinterlassen.

Sandiger Fels
So sieht´s aus im Innern des Rauensteins. Der Fels ist stellenweise so weich, dass man mit dem bloßen Finger ein Loch hineinbohren kann. (Foto: Hartmut Landgraf)

Ein Stein – so butterweich, dass man den Finger hineinbohren kann wie in einen Rührkuchen. Teiggelb und mehlig ist er, nur auf einer Seite hat er eine kieselharte Schale, dünn wie die Karamellkruste auf einer Crème brûlée. Und genauso vorsichtig klopft Rainer Reichstein mit dem Finger dagegen, als habe er Sorge, ein Stück Meißner Porzellan zu zerstören. Wertvoll ist sie schon, diese Kieselrinde, wie Geologen dazu sagen. Ist sie doch so etwas wie das Fixativ des Elbsandsteingebirges und im Grunde schon alles, was den bizarren Felsen an der Elbe ihren Anschein von Festigkeit verleiht und sie sogar stabil genug erscheinen lässt, um daran zu klettern. Eine millimeterdicke Schicht aus Quarzsandkörnern, miteinander verkittet wiederum durch gelösten Quarz – das ist alles.

Auf der Nordostseite des Rauensteins sind von dieser Glasur nur lauter scharfkantige Bruchstücke übriggeblieben. Am 3. Januar riss sich 20 Meter über dem Erdboden eine Platte von der Größe eines Wohnwagens vom Felsmassiv los und stürzte mit ungeheurem Rums ins Tal. Rund 30 Kubikmeter – ungefähr 50 Tonnen Sandstein, so schwer wie acht ausgewachsene Elefanten. Ein großes Stück des Hangs ist ein Trümmerfeld aus Felsbrocken, Sand und umgerissenen Bäumen. Wie durch ein Wunder entging der Dresdner Schauspieler Tom Pauls, der zu dieser Zeit zufällig um den Rauenstein wanderte, einem Unglück.

Schuttberge, Felsbrocken und Sand
Die Platte, die an der Nordostseite abbrach, könnte 50 Tonnen gewogen haben – so viel wie acht ausgewachsene Elefanten. (Foto: Hartmut Landgraf)

Der Fall geht seit Tagen durch die Medien, doch deswegen sind Rainer Reichstein und ich nicht hier. Wir wollen stattdessen einen Blick in die Glaskugel werfen – in die geologische Vergangenheit der Sächsischen Schweiz und in ihre ferne Zukunft. Denn am Rauenstein liegt das, was die einzigartige Felslandschaft im Inneren zusammenhält und ihren Werdegang bestimmt, jetzt wie in einem offenen Buch zutage. Und Reichstein ist der Mann, der die Sprache der Steine zu lesen versteht. Woher er kommt. Wie alt er ist. Warum er mal rund und bauchig wie eine Milchkanne, mal eckig wie ein Stück Würfelzucker aussieht. Wie es der Natur gelingt, ein Gebirge auf Sand zu bauen. Reichstein ist kein Berufsgeologe, sondern Autodidakt – aber einer, dem die Fachleute sehr aufmerksam zuhören.

Schätze aus dem Stein

Immer, wenn in der Sächsischen Schweiz ein Stück Fels abbricht, juckt es ihn mächtig in den Fingern. Den Grund dafür erfahre ich schnell. Mit gerunzelter Stirn mustert er am Rauenstein eines der Trümmerstücke und zeigt in der Mitte auf einen kaffeebraunen Fleck. Wir haben ihn! Den Beweis, dass diese 500 Kilometer von der nächsten Küste entfernten Türme und Berge in Wahrheit Kinder des Meeres sind. Der braune Fleck ist ein Muschelabdruck. „So was kann man nur jetzt entdecken – in frischem Zustand“, erklärt der Experte. Regenwasser wäscht den weichen Sandstein binnen kürzester Zeit wieder rund und glatt – und die Spuren der Vergangenheit gehen unwiederbringlich verloren. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Reichsteins geologischen Schätzen und dem Blick nach oben. Dort, wo die Platte abgebrochen ist, hängt der Rest des Felsens noch immer wie eine stumme Drohung über dem Abgrund. Weiß der Henker, wie stabil dieser Baldachin ist…

Muschelabdruck
90 Millionen Jahre lang war dieser Muschelabdruck ein Geheimnis des Steins. Nun ist es gelüftet. (Foto: Hartmut Landgraf)
Muschel im Fels
Das Kreidemeer lässt grüßen. Solche Muscheln findet man nach einem Felssturz in der Sächsischen Schweiz. Doch nur für kurze Zeit. Regenwasser wäscht die Spuren der Vergangenheit binnen kurzer Zeit glatt. (Foto: Hartmut Landgraf)
Tonschichten
Die gelben Linien nennt Rainer Reichstein „postsedimentäre Schichten“. Dabei handelt es sich um Spuren von Ton. (Foto: Hartmut Landgraf)

Dann entdecke auch ich eine Muschel – fast so groß wie ein Handteller und noch wunderschön geriffelt, steckt sie zur Hälfte im Fels wie eine Münze, die sich im Parkautomaten verklemmt hat. „Na Mensch, und du findest so was!“, sagt Reichstein anerkennend – eine ganz feine Spur Eifersucht in der Stimme. Echter Meeresboden! Vor 90 Millionen Jahren war über unseren Köpfen ein Ozean – Tethys, das kreidezeitliche Südmeer. Sachsen und Europa sind um diese Zeit eine Welt aus kleinen Inseln. Die Sächsische Schweiz existiert noch nicht. Erst Millionen Jahre später ist das Meer verschwunden und der einstige Ozeanboden zu Stein geworden. Noch später hat die Natur daraus eine zerklüftete Mosaiklandschaft aus grauweißen Türmen und Tafelbergen erschaffen, die heute auf der Welt ihresgleichen sucht: das Elbsandsteingebirge.

Ohne Elbe keine Tafelberge

„Der Name ist völlig richtig, denn mit der Elbe fing alles an“ sagt Rainer Reichstein. Ohne die Ur-Elbe hätten die sächsischen Canyons und Tafelberge nie entstehen können. Vor etwa 16 Millionen Jahren beginnt der Fluss sich mit beharrlicher Kraft in den 700 Meter dicken Sedimentsockel einzugraben und eine neue Landschaft zu modellieren, mit mächtigen Plateaus, hohen Steilwänden und ausgedehnten Ebenheiten. Mal gräbt er langsam in die Breite, mal schnell in die Tiefe – aber immer unablässig wie ein Bildhauer, der eine monumentale Skulptur erschaffen will, Jahrmillionen lang. Der Fluss und seine Nebengewässer setzen ein Zerstörungswerk in Gang, das erst abgeschlossen sein wird, wenn das Gebirge wieder gänzlich zu dem geworden ist, was es in seiner fernen Vergangenheit einmal war – Sand. Die Elbe öffnet dem unvermeidlichen Schicksal der Berge einen Spalt breit die Tür. Und durch die tritt der zweite, noch mächtigere Gegner herein – die Verwitterung.

Erst Fuge, dann Überhang – dann statisches Versagen

Wartturm im Winter
Das bekannteste Felssturz-Zeugnis der Sächsischen Schweiz – der Wartturm bei Rathen. Am 22. November 2000 brach die gesamte Ostwand ab, rund 500 Kubikmeter Felsgestein stürzten ins Elbtal. (Foto: Hartmut Landgraf)

Peter Dommaschk vom sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie hat sich lange mit dem Waffenarsenal dieses Angreifers beschäftigt. „Da laufen äußerst komplexe Vorgänge ab“, sagt er. Regenwasser sickert in den porösen Sandstein ein, löst seine inneren Verbindungen auf, bildet Salze, die die harte Kieselkruste schwächen und aufsprengen und Löcher in die Wände fressen, wie bei einem Schweizer Käse. Das Gefüge der Mineralien wird immer lockerer. Mit der Zeit öffnen sich feine Risse und Klüfte, in die neues Wasser eindringen kann. Gefriert es, macht sich der nächste Gegenspieler ans Werk: Wird Wasser zu Eis, nimmt sein Volumen um bis zu neun Prozent zu und gewinnt eine immense Sprengkraft. Häufige Frost- und Tauwetterwechsel verstärken diesen Effekt noch. Und was der Frost nicht schafft, erledigen Wurzeln, die in die Klüfte hineinwachsen und sie dabei auseinanderdrücken. Auch die horizontale Schichtung des Sandsteins ist ein Schwachpunkt. Manche Schichten sind kompakter und härter als andere, dort staut sich das Sickerwasser und tritt seitlich aus dem Fels aus. Damit beginnt die sogenannte Schichtfugenverwitterung – ein für Sandsteingebiete typischer Prozess. Darunter wird in langen Zeiträumen zuerst eine Fuge oder Boofe ausgewaschen, die immer tiefer wird – so lange, bis die Felswand dermaßen überhängt, dass sie schließlich der Schwerkraft nachgibt und abbricht. Dommaschk spricht von „statischem Versagen“. So wie jetzt am Rauenstein.

Solche Vorgänge erfasst der Freistaat Sachsen seit etlichen Jahren in einem sogenannten Ereignis-Kataster – einer Datenbank für Steinschläge, Felsstürze, Muren und Rutschungen. Wo Verwitterung und Schwerkraft aufeinandertreffen, ist mitunter Gefahr im Verzug. Im Jahr 2000 bricht am Wartturm bei Rathen die gesamte Ostwand ab, rund 500 Kubikmeter Schutt und Geröll rauschen ins Elbtal – es ist der größte Felssturz der letzten Jahrzehnte. Vor vier Jahren werden Wanderer in den Schwedenlöchern von einem Steinhagel getroffen und haben dabei noch Glück, weil die zehn Kubikmeter große Platte, die über ihren Köpfen ins Kippen gerät, zuerst in tausend Stücke zerbricht, bevor sie in die Schlucht stürzt. Dem Freistaat und seinen nachgeordneten Behörden – etwa der Nationalparkverwaltung – obliegt in großen Teilen der Sächsischen Schweiz die Verkehrssicherungspflicht. Doch die Vorhersage von Gefahren ist schwierig – und Felssicherungen in einer Erosionslandschaft wie der Sächsischen Schweiz sind in finanzieller Hinsicht ein Fass ohne Boden. In den Schwedenlöchern wird 2013 prophylaktisch ein Felsen gesprengt, andere besonders gefährliche Stellen an Hauptwanderwegen werden mit Balken oder Ankern stabilisiert – doch flächendeckende Vorsorge ist eine Utopie. So unschön das klingt: Wer ins Gebirge geht, muss damit rechnen, dass ihm Steine auf den Kopf fallen können.

Felsstürze in der Sächsischen Schweiz

  • Beim Landesamt für Umwelt, Geologie und Landwirtschaft sind bis dato 570 „Massenbewegungen“ in Sachsen registriert – dazu zählen Steinschläge, Felsstürze, Muren und Rutschungen.
  • Eine Meldepflicht für Felsstürze gibt es nicht. Die Datenbank erfasst alle bekannt gewordenen Vorfälle im Freistaat, auch solche aus historischen Quellen.
  • Mehr als die Hälfte der erfassten Ereignisse (276) betreffen das Elbsandsteingebirge, was ein Indiz für seine Fragilität sein kann, aber nicht muss…
  • Beim ältesten bekannten Felssturz wurde um 1600 die Schiebmühle bei Schöna zerstört.
  • Der bisher größte Abbruch ereignete sich am 28. November 1892, als in den Postelwitzer Steinbrüchen nahe dem Zahnsgrund 150.000 Kubikmeter Sandstein zu Tal gingen, das 300fache des Wartturm-Felssturzes.
  • Besonders folgenschwer war hingegen ein Abbruch in den Weißen Brüchen bei Rathen, wo am 11. Mai 1829 durch die herabgefallenen Gesteinsmassen der Lauf der Elbe blockiert wurde. 13 Bergarbeiter wurden verschüttet, es gab acht Tote.
  • Ob sich der Prozess der Verwitterung etwa durch Veränderungen des Klimas beschleunigt, lässt sich anhand der Daten bisher nicht belegen. In den letzten zehn Jahren wurden in der Sächsischen Schweiz insgesamt 20 Felsstürze und 58 Steinschläge registriert. Anders als Sachsen betreibt das Nachbarland Tschechien im Elbsandsteingebirge teils aufwendige Felsmessungen, um Gefahren auszuschließen – so etwa bei Hrensko und am Prebischtor. Der Freistaat Bayern lässt für seine Bergregionen sogar Gefahrenhinweiskarten erstellen. Den genauen Zeitpunkt eines Abbruchs kann allerdings trotzdem niemand vorhersagen – und ganz abgesehen von den Kosten sind Felssanierungen in einer Erosionslandschaft ein Kampf gegen Windmühlenflügel, der nur punktuell an hochfrequentierten Orten Sinn macht.
(Statistik: Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie)

Die schöpferische Seite der Katastrophe

Inzwischen sind Rainer Reichstein und ich von der frischen Abbruchstelle 300 Meter weiter nach Westen gewandert und haben ein anderes Trümmerfeld gefunden – eine Art geologische Gedenkstätte. An dieser Stelle ereignete sich vor 30 Jahren ein noch größerer Felssturz am Rauenstein. Reichstein kann sich noch gut daran erinnern – er fing damals gerade an zu klettern. Die meisten Trümmer sind zwar längst wieder mit der Landschaft verwachsen, haben Flechten, Moosbärte und rundliche Formen bekommen. Aber stellenweise kann man die Wucht des Naturereignisses noch erahnen. Wettergeschützt von einem Überhang ist ein blankes und jungfräulich weißes Stück Fels zurückgeblieben, wie eine Narbe, die nie mehr ganz verheilen wird. Nur in der Mitte hat sie sich algengrün verfärbt. Eine Spur von Feuchtigkeit – irgendwo aus den Tiefen des Berges ist Wasser seitlich aus der Wand herausgesickert. Hier kündigt sich auf geologisch lange Sicht schon der nächste Felssturz an. Die Schichtfugenverwitterung wird irgendwann wieder eine senkrechte Wand aus dem Überhang machen. Das ist die schöpferische Seite der Katastrophe: Ohne Felsstürze hätte die Sächsische Schweiz ihre berühmten Steilwände nie bekommen, sagt Reichstein.

Rainer Reichstein unter der Abbruchstelle
Kommt da noch mehr runter? Auch Experten gelingt es nicht, Felsstürze mit Sicherheit vorherzusagen, auch wenn sie die Schwächen des Steins und sein Verhalten schon sehr gut einschätzen können. (Foto: Hartmut Landgraf)
Abbruchstelle
Wo sich die Platte von der Wand losriss, ist ein Baldachin entstanden. Und der sieht auch nicht gerade vertrauenerweckend aus… (Foto: Hartmut Landgraf)

Nichts ist von Dauer! Mit einem Mal bekommt die Landschaft einen wehmütigen Klang wie jene alte Rockballade der Gruppe Karussell. Die Natur spielt e-Moll. Ein feiner milchiger Dunst webt zwischen den Baumkronen. Von den Schuhsohlen kriecht einem die Kälte in die Hosenbeine, nistet sich im Stoff ein, dringt durch die Haut in alle Knochen und verwandelt den Atem in blasse Wolken. Vor anderthalb Millionen Jahren waren der Rauenstein und die Elbe noch ein Paar. Gemächlich und breit mäandrierte der Fluss um die Flanken des damals viel mächtigeren Tafelbergs und schlüpfte zwischen ihm und den benachbarten Bärensteinen hindurch. Schon lange hat sich die Elbe von ihrem Gefährten getrennt und fräst sich heute in geologisch atemberaubender Geschwindigkeit ihren eigenen Canyon in die Landschaft. Weiter nördlich ist sie wohl nie geflossen, sonst müssten laut Rainer Reichstein auch dort – etwa im Großen Zschand oder in den Affensteinen – heute Tafelberge statt eines langgestreckten Gebirgsrückens stehen.

Bis die Sächsische Schweiz verschwunden ist, werden noch viele Millionen Jahre vergehen. Tief auf dem Grund des Canyons schreibt die Elbe die Geschichte des Elbsandsteingebirges fort. Jedenfalls sieht Rainer Reichstein das so. Der Rest des Sedimentsockels unter dem Fluss ist noch immer gut 400 Meter dick. Vom Elbtal ausgehend wird allmählich eine neue Landschaft aus dem Sandstein herauswittern – mit neuen Türmen und Tafelbergen. „Auch wenn es dann schon längst keine Schrammsteine, keinen Lilienstein und keinen Rauenstein mehr gibt“, sagt Rainer Reichstein.

Kieselkruste und Eisenschicht
Und an so was klettern wir? Viel Quarz und ein bisschen Eisen – das ist Sandstein. Seine äußere, millimeterdünne Kieselkruste verleiht ihm den Anschein von Festigkeit, doch darunter ist er stellenweise so bröselig wie ein Zwieback. (Foto: Hartmut Landgraf)

1 Kommentar zu Auf Sand gebaut

  1. Sehr interessant und bezeichnend für den einmal nicht mehr existierenden Fels.
    Leider ist die Menschheit auf dem Weg zeitiger sich selbst und damit die Natur zu beseitigen.
    Einen schönen Abend
    Berg heil

    Lothar Oswald

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