Der Berg entschuldigt keinen Fehler

Veit Riffer mit der Schlinge, die bei seinem Sturz an der Wilden Zinne herausgerissen wurde.
Diese Knotenschlinge hat über Veit Riffers Schicksal entschieden. Am Gemeinschaftsweg an der Wilden Zinne (rechts) stürzte der Kletterer vor 16 Jahren rund 15 Meter in die Tiefe. Die Sicherungsschlinge saß nicht fest genug im Fels und wurde durch die Wucht des Sturzes herausgerissen. (Fotos: Hartmut Landgraf/Helmut Schulze)

Die Zahl der Kletterunfälle ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. In der Sächsischen Schweiz sollte jeder seine Grenzen kennen, sagt der Pirnaer Veit Riffer. Er selbst hat sich einmal verschätzt. Es war sein letzter Klettertag.

Seinen Schutzengel soll man nicht herausfordern. Nicht beim Klettern. Und schon gar nicht in der Sächsischen Schweiz, wo viele Routen nur sparsam abgesichert sind und man genau wissen muss, was man tut. Veit Riffer sieht das heute ganz klar. Vor mehr als 16 Jahren hat er an der Wilden Zinne in den Affensteinen einen folgenschweren Fehler gemacht, kurz nach seinem 31. Geburtstag. Wo er damals lieber hätte umkehren sollen, stieg er weiter. Am Gemeinschaftsweg, einer VIIIa – unterhalb vom ersten Sicherungsring, 15 Meter über dem Boden, am Ende seiner Kraft und im Vertrauen auf einen scheinbar guten Griff. Es war sein letzter Klettertag. Seitdem gehört ihm nur noch sein halber Körper. Unterhalb vom fünften Brustwirbel hat Veit Riffer keine Macht mehr über sich. Er ist querschnittsgelähmt.

Unter dem Pullover bis zur Brust zeichnen muskulöse Schultern und Oberarme einen gesunden, sportlichen Mann. Diese Partien lassen die gefühllosen Beine umso schmaler erscheinen. Riffer trainiert seinen Oberkörper. Er fährt Handbike und kurbelt sich in der Freizeit kraft seines Bizeps durchs Elbtal und die Sächsische Schweiz – bis hinauf auf den Winterberg und im Schnitt um die 10.000 Kilometer pro Jahr. Daheim in seiner Dachwohnung macht er täglich Trockenübungen. Wäre er obenrum schon damals so fit gewesen, wäre der Unfall vielleicht nicht passiert. Aber ein Berg entschuldigt keinen Fehler.

Balkendiagramm der Bergunfall-Statistik 2010 bis 2015
Trauriger Unfall-Rekord: 2015 verunglückten in der Sächsischen Schweiz mehr Kletterer als in den vorangegangenen fünf Jahren. (Quelle: Bergwacht Sachsen)

Veit Riffer ist nicht der Einzige, der seine Ungeduld teuer bezahlen musste. 2015 ist die Zahl der Bergunfälle in der Sächsischen Schweiz sprunghaft angestiegen – die Bergwacht hat im vergangenen Jahr 27 Unfälle allein im Zusammenhang mit dem Klettersport registriert, doppelt so viele wie im Jahr 2014. Am Südostweg der Versteckten Wand (Bielatal) stürzt im Mai ein Kletterer acht Meter in die Tiefe und zieht sich Verletzungen am Becken und Oberschenkel zu. An der Rauschenspitze (Schmilka) stürzt im Juni ein Mann aus einer VIIIb und bricht sich mehrere Rippen. Im Juli dann ein 10-Meter-Sturz an der Bahratalwand. Im August mehrere Kletterunfälle im Rathener Gebiet, im Großen Zschand und in den Affensteinen. Im September im Bielatal und am Pfaffenstein, im November ein weiterer im Schmilkaer Gebiet… Gottlob war keiner davon tödlich.

Wo die Leistungsgrenze ist, bestimmt der Kopf

Die genauen Ursachen und Umstände mögen variieren und sind dem Sandsteinblogger nicht bekannt, aber die Bergwacht beobachtet immer wieder, dass die Leute das Elbsandsteingebirge und seine Gefahren unterschätzen und sich selbst zu viel zutrauen. Nicht nur beim Klettern – auch beim Wandern. Die Bergretter hatten in der Sächsischen Schweiz im vergangenen Jahr insgesamt 90 Einsätze – 22mal wurde dabei der Rettungshubschrauber gerufen. Veit Riffers Bruder Matthias, Chef der Luftrettung, sieht zwei wesentliche Trends im Klettern, aus denen sich seiner Meinung nach Rückschlüsse auf die Zahl der Unfälle ziehen lassen: zum einen die Popularität des Sports, zum anderen die mangelnde Vorbereitung der Kletterer auf die Bedingungen am Naturfels. Besonders die jungen Leute kämen heute, anders als früher, vorzugsweise über das gut gesicherte Hallenklettern zum Sport – und seien daher gewohnt, an der Wand bis an ihre Leistungsgrenze zu gehen. „In der Natur ist die Situation aber eine ganz andere“, sagt der Luftretter. Im Elbsandstein gibt es nur wenige feste Sicherungspunkte. In den schweren Routen bestenfalls einige, oftmals weit voneinander entfernte Eisenringe – in leichten und mittelschweren Routen oft nicht mal das. Kletterer müssen am Fels Stellen, die zur Sicherung taugen, selbst erkennen. Belastbare Platten. Wülste. Spalten, in denen man Schlingen so verklemmen kann, dass sie einen Sturz fangen. Aber dazu gehören Erfahrung – und Nervenstärke. Wo die Leistungsgrenze ist, bestimmt der Kopf.

Rettungshubschrauber am Rauschenstein
Ein Hubschrauber der ADAC-Luftrettung kreist um den Rauschenstein im Schmilkaer Gebiet. Insgesamt 22mal wurde im vergangenen Jahr Verletzten in der Sächsischen Schweiz per Rettungshubschrauber geholfen. (Foto: Thomas Pöschmann)

Veit Riffer hat an seinen Sturz keine Erinnerungen. Als er zu sich kam, lag er unten auf dem Rücken. Verkrümmt. Die Wirbelsäule war gebrochen, ein Halswirbel angeknackst, kaputte Rippen spießten in seine Lungenflügel wie Bleistifte in einen Ballon. Es grenzt an ein Wunder, dass er die Verletzungen überlebt hat. „Das Ganze war allein meine Schuld“, sagt er. Er habe zu viel riskiert an der Zinne, sich nicht ausreichend auf die Route vorbereitet. Wie beim alpinen Bergsteigen gehört Entdeckertum zum sächsischen Kletterstil. Aber auch Respekt vor der Natur und Geduld. Die Suche nach dem richtigen Weg. Das Warten auf den richtigen Zeitpunkt und die bestmögliche körperliche und geistige Verfassung. Die Bereitschaft zum Verzicht und zum Rückzug. Es ist eine anspruchsvolle Art des Kletterns – manch einer findet sie auch riskant. Sie erfordert schonungslose Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Veit Riffer hat diese Art des Kletterns geliebt. Leichtsinnig war er nicht – aber ehrgeizig. Manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr. In seinem Schlafzimmer hängt ein Foto, auf dem der Pirnaer in jungen Jahren mit einem Klettergefährten am Basteischluchtturm im Rathener Gebiet zu sehen ist. Eine bröselige Streuselkuchenwand war das, erinnert er sich. Ein nervenaufreibender Quergang. Und dann kam die himmelhohe Kante. Nach oben wurde es immer schwerer. Solche Klettererlebnisse sind für Veit Riffer „Tage, die man sich merkt.“ Und die Quintessenz des sächsischen Bergsteigens. Heute kann er den Basteischluchtturm nur noch als Foto betrachten. Die Basteibrücke ist nicht barrierefrei.

Eine immer neue Lebensentscheidung

In einem Rucksack gegenüber vom Bett hat Riffer ein paar Reliquien seines alten Lebens aufbewahrt: Seilschlingen, Karabiner, sein letztes Paar Kletterschuhe… Er zieht aus dem Knäuel eine grün-rot gemusterte Knotenschlinge hervor und betrachtet sie nachdenklich. Das Material ist an einer Stelle durchgescheuert wie eine zu oft gewaschene Jeans. Die Schlinge hat über sein Schicksal entschieden. Sie steckte nicht fest genug im Fels, um den Sturz zu halten. Hätte es vor 16 Jahren einen Ring mehr in der Verschneidung gegeben, wäre Veit Riffer heute jemand, der alle Gipfel der Sächsischen Schweiz bestiegen hat – es fehlten ihm damals außer der Zinne nur noch drei. Er würde es nur ungern sehen, wenn sein Schicksalsweg heute durch einen zusätzlichen Ring „entwertet“ würde. Überlegungen dieser Art lehnt er ab. Nicht aus egoistischen Gründen, wie er erklärt. Sondern weil er möchte, dass die sächsische Art zu klettern das bleibt, was sie ist – etwas Besonderes. Eine Auseinandersetzung mit der Natur und den eigenen Grenzen. Eine immer neue Lebensentscheidung.

Veit Riffer rät niemandem vom Bergsteigen ab oder stellt seine bitteren Erfahrungen heraus. Und manchmal hat es den Anschein, als ob er sein Schicksal sogar mit einer guten Portion Humor erträgt. Wenn er zum Beispiel zuschauen muss, wie seine Beine wieder mal aus heiterem Himmel unkontrolliert zu zucken beginnen. Die Reflexe funktionieren. Wenn man es richtig angeht, sei Klettern im Grunde nicht gefährlicher als Fußball, sagt er. „Wichtig ist nur, sich selbst und den Fels richtig gut zu kennen. Und man darf nicht gleich der Beste, Stärkste und Schönste sein wollen.“ Wer genug Geduld aufbringe, viele kleine Schritte zu gehen, der könne durchaus auch beides werden: ein guter Bergsteiger – und alt.

Abseilübung im Bielatal
Damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt, müssen Bergretter ihren Job regelmäßig trainieren – hier bei einer Abseilübung mit Korbtrage im Bielatal. (Foto: Stefan Falkenau)

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