Das Malerweg-Tagebuch

Die Kunstinstallation zum Appalachian Travelouge
Mit dieser Kunstinstallation seiner Wanderung auf dem Appalachian Trail kam George Rue in die Schlagzeilen. Sein "Appalachian Travelouge" ist im Internet zu finden. Dort entdeckte ihn auch die Redaktion des WALDEN-Magazins. (Copyright: George Rue | www.georgerue.com/Appalachian-Travelogue)

George Rue hat gerade sein Studium an der New Yorker Kunstakademie abgeschlossen, als er eine E-Mail aus Deutschland bekommt. Das Walden-Magazin offeriert dem jungen Mann einen Traumjob – in der Sächsischen Schweiz.

Portrait von George Rue
George Rue. (Foto: Hartmut Landgraf)

Schwarze Bohnen aus der Dose, Instant-Nudeln und Fertig-Kartoffelbrei. Haferflocken und Protein-Riegel. George Rue war auf alles vorbereitet. Er hatte nur das Nötigste mit, aber davon reichlich. Denn in der Wildnis gibt es eine einfache Formel fürs Überleben: Kalorienbedarf geteilt durch Traglast. Sein Rucksack wog 16 Kilo – ein Viertel seines eigenen Körpergewichts. Auf einem Weitwanderweg wie dem legendären Appalachian-Trail (AT) wäre das ein absolut vernünftiges Verhältnis gewesen. Aber Rue will nicht die amerikanische Ostküste hinauf zum Mount Kathadin trekken – er will zum Pfaffenstein. Die sächsische Wildnis ist anders als alles, was er bis dato gesehen hat. Alle paar Kilometer kommt er an einem Haus oder Dorf vorbei. Es gibt Hotels und Pensionen. Kuchen vom Bäcker. Auf dem Malerweg fühlt er sich mit der Beere auf dem Rücken bald schon „overprepared“ – zu gut ausgerüstet.

Als mir der Amerikaner diese Geschichte erzählt, ist er bereits einige Tage in der Sächsischen Schweiz unterwegs und wandert die Malerwegrunde zum zweiten Mal. Wir sitzen in der Mittagsglut auf der Kipphornaussicht, futtern Honigwaffeln und trinken rucksackwarmes Bier aus der Schmilkaer Mühle. George ist 25, ein junger Mann an der Schwelle zum Leben – unbekümmert, aufgeschlossen, mit dem fein eingestellten Verstand eines New Yorker Hochschulabsolventen.

Blick vom Pfaffenstein Morgensonne
Sonnenaufgang in der Sächsischen Schweiz. Blick vom Pfaffenstein auf Gohrisch und die Höhenzüge auf der anderen Elbseite. (Foto: Hartmut Landgraf)

New York City – so weit weg von der Natur wie vom Mond

Seine Geschichte ist die eines schier unglaublichen Glückstreffers.  Sie beginnt ein paar Wochen zuvor, im März 2016: Das kleine Sandsteingebirge am anderen Ende der Welt kennt George damals nur vom Hörensagen:  Saxon Switzerland. Eine Gegend, die viele Maler in ihrem Schaffen inspirierte. Mehr weiß er nicht. Der Amerikaner beendet gerade sein Kunststudium an der New York Academy of Art. Er wohnt in Brooklyn, muss jeden Tag über den East River nach Manhattan fahren, mitten hinein in diesen stinkenden Hexenkessel mit seinen Wolkenkratzern, Reißbrettalleen und Verkehrsstaus, den Cafés, Einkaufstempeln und Galerien, Bankern, Musikern und Pennern – in den ohrenbetäubenden Beat einer Millionenmetropole. An der Uni ist er so weit weg von jedem Flecken Natur wie Neil Armstrong vom Mond – am Tag vor dem Start von Apollo 11. Nur dass George das Ziel seiner Sehnsucht schon gesehen hat: die Wildnis. Ein Blättermeer soweit das Auge reicht – Ulme, Birke, Eberesche, Zuckerahorn, Amerikanische Hainbuche, Robinie – den größten Laubwald der Erde. Etappenweise über fünf Jahre, immer in den Semesterferien, ist er den Appalachian Trail gewandert, diesen sagenumwobenen Fernwanderweg im Osten der USA, der jedes Jahr ganze Scharen von Langstreckenwanderern anzieht – und den doch kaum jemand schafft. George ist ihn gewandert, insgesamt 3500 Kilometer weit. Er hat ihn nicht nur mit den Füßen erobert, sondern in sich aufgesogen wie ein trockener Schwamm das Badewasser. All die Eindrücke und Bilder, Menschen und Landschaften des Wegs. George hat den AT verinnerlicht. Und er hat ihn – gezeichnet.

Karte vom Trail
Stationen einer Wanderung. Aus dem „Appalachian Travelouge“. (Copyright: George Rue | www.georgerue.com/Appalachian-Travelogue)
Skizzen vom Innenleben eines Rucksacks
Das Innenleben eines Rucksacks. Aus dem „Appalachian Travelouge“. (Copyright: George Rue | www.georgerue.com/Appalachian-Travelogue)

Das Skizzenbuch der Tour stellt er unter dem Titel „Appalachian Travelogue“ ins Internet. Die Sache spricht sich herum. An der renommierten School of Visual Arts bekommt er Raum für eine Kunst-Installation. George tapeziert in der Galerie eine ganze Wand mit seinen Bildern, er hängt eine bärensichere Verpflegungsbox unter der Decke auf, setzt seinen Schlafsack und die breitgelatschten Wanderbotten wirkungsvoll in Szene. „Das Ganze erschien wie ein Mix aus Kunstausstellung und Campingplatz“, sagt er. Medien werden darauf aufmerksam – und dann passiert das Unglaubliche: Im März bekommt der Student plötzlich eine E-Mail aus Deutschland.  Ein Jobangebot aus Europas größtem Zeitschriftenverlag. Noch einmal soll er einen bekannten Wanderweg portraitieren – diesmal für Geld. In der Sächsischen Schweiz.

George Rue’s Appalachian Travelogue

Skizzen einer 3500 Kilometer weiten Wanderung an der amerikanischen Ostküste. Zur Homepage >>> www.georgerue.com/Appalachian-Travelogue

Eine verrückte Idee aus Europas größtem Zeitschriftenverlag

In Hamburg suchen Harald Willenbrock und Markus Wolff nach neuen Akzenten im Outdoor-Journalismus. Willenbrock arbeitet beim Wirtschaftsmagazin „brand eins“, sein Kollege ist Redakteur beim Reportagemagazin „GEO“. Auf einer Wandertour durchs Karwendelgebirge merken die beiden Männer, was ihnen in der deutschen Medienlandschaft noch fehlt: ein Outdoor-Magazin für normale Leute wie sie selbst, die sich in ihrer Freizeit mal eben auf die Socken machen wollen, ohne professionelle Ausrüstung oder wochenlanges Training. Willenbrock und Wolff schmieden Pläne, schreiben ein Konzept, suchen Mitstreiter und dringen mit ihrer Idee schließlich bis in die Chefetage des Gruner+Jahr-Verlags vor. Es ist der richtige Zeitpunkt. Die Medienbranche ist im Umbruch, die Verlage stehen unter Druck und suchen neue Geschäftsfelder. Neue Ideen finden plötzlich offene Türen, „wo man sie gar nicht vermutet hätte“, sagt Willenbrock. 2015 kommt die erste Ausgabe des Outdoor-Magazins WALDEN auf den Markt und fällt am Kiosk sofort auf: handgezeichneter Retro-Look, ausgereifte Geschichten, witzige Blickwinkel, halb Fieldguide, halb Männermagazin – Draußensein in Deutschland, das Naheliegende.

Der Malerweg zum Beispiel. „Eine Region, die schon tausendfach abgebildet wurde, neu zu entdecken, das hat uns gereizt“, sagt Willenbrock. „Dafür brauchten wir jemanden, der die Gegend möglichst nicht kennt, aber sie aus einem einzigartigen Blickwinkel sieht.“ Die Hamburger durchforsten das Internet nach einem passenden Künstler und entdecken George Rues Homepage. Eine Bildergeschichte, wie die vom Appalachian Trail – das wär´s. Ein Malerweg-Travelogue. Den Rest regeln ein paar E-Mails und Skype.

Auf der Kipphornaussicht
Malerischer Blick ins Elbtal. George auf der Kipphornaussicht. (Foto: Hartmut Landgraf)
Skizzen vom Rucksack
Ein echtes Survival-Paket. Alles Nötige für die Wildnis drin und 16 Kilo schwer: Georges Rucksack. (Foto: Hartmut Landgraf | Copyright: George Rue | WALDEN Magazin)

Die Sonne auf der Kipphornaussicht blendet uns mit ihrem harten Licht. Der Felsen ist aufgeheizt wie eine Ofenbank. Das Bier ist alle. Wir blicken hinunter auf den flimmernden Schmilkaer Kessel und zu den blassblauen Tafelbergen in die Ferne, wo die Elbe mit anmutigem Knicks von der Bildfläche verschwindet. Die Schrammsteine und gegenüber auf der Ebenheit Felder und gepflegte Wiesen – unten im Tal der Kirchturm von Bad Schandau. Die Landschaft liegt wie eine Modelleisenbahnplatte vor uns. Ich blättere in George Rues Skizzenbuch herum: Rucksack-Studien, Portraits von Wanderern, die Gans-Felsen, eine Gasse in Kleinhennersdorf – mitten drauf ein schwarzer Kater. Amerika sieht anders aus. „Ich fühl mich zu Hause“, sagt George. Es kommt tief aus ihm heraus. Zu Hause ist, wo Wald ist. Egal welcher. Auch Fichtenforst geht. Unser Gespräch hat einen Punkt erreicht, an dem ein Mensch plötzlich aufmacht und dir einen kurzen Blick in seine innere Welt gewährt.

„Städte machen abhängig und unselbstständig“

Er sei nicht besonders „social“ erklärt Rue, als ich ihn nach seiner Facebook-Adresse frage. Ein schlecht vernetzter Amerikaner – kaum zu glauben. Aber George steckt seine Nase lieber in den Wind als in virtuelle Scheinwelten. Nach der Uni will er in den Westen gehen, da wo mehr Natur ist, sich einen Job suchen und näher „am wirklichen Leben“ sein. Es klingt wie das Geheul eines einsamen Wolfs in einem Roman von John Krakauer, doch der junge Mann meint es nicht so. In seinem Wesen wohnt eine feine, kaum merkliche Stille. Vielleicht kommt das vom Zeichnen. Wenn man die Konturen der Welt erkennen will, muss man Abstand zu ihr halten. George ist ein guter Beobachter. „In unserem Leben ist für alles Vorsorge getroffen“, sagt er. „Du bewegst dich im Auto von A nach B. Dein Wasser kommt trinkfertig aus dem Hahn. Du gehst in den Supermarkt, wenn du Hunger hast, oder ins Restaurant. Alles ist selbstverständlich.“ Städte, so findet er, machen abhängig und unselbstständig. Wer in der Stadt lebt, wird sich selbst fremd. Der Punkt ist überschritten. Wir fangen an zu philosophieren. Vielleicht liegt´s am lauwarmen Mühlenbier.

George an der Idagrotte
Sächsische „Wildnis“ an der Idagrotte. Überall, wo Wald ist, fühlt George sich zu Hause. (Foto: Hartmut Landgraf)

Der anbrechende Nachmittag malt den Bäumen lange Schatten. Wir brechen auf. Ich begleite George noch ein Stück über den Reitsteig bis rüber zur Idagrotte. Hier will der Amerikaner heute Abend biwakieren. George macht sich keine großen Gedanken über sein Nachtlager. Manchmal lockt ihn die Aussicht auf ein anständiges deutsches Abendessen in irgendein Hotel – WALDEN zahlt. Aber er hat auch schon auf Felsplateaus und am Elbufer geschlafen. 16 Kilo – alles dabei. Es wird eine Bildergeschichte mit vielen Facetten.

Der Sandsteinblogger sitzt Modell
Der Autor. (Copyright: George Rue | WALDEN Magazin)

Unter dem Frienstein geben wir uns die Hand. Ein bisschen Wehmut schwingt mit. Der Juniwind spielt eine leise Blättermelodie. Wir kennen uns bloß ein paar Stunden und nehmen Abschied wie Weggefährten. „Wenn du mal in die Staaten kommst, gib Bescheid…“, sagt George. Ich glaube nicht, dass ich ihn wiedersehen werde. So ist das Leben. Aber wenn ich das nächste Mal auf den Pfaffenstein steige, kann es sein, dass ich dort oben meine Matte ausrolle, mir auf dem Campingkocher Bohnen und Kartoffelbrei zubereite, in der Abendsonne meinen Blick über die Tafelberge und Ortschaften der Sächsischen Schweiz wandern lasse – und an den Appalachian Trail denke.

George Rue’s Elbsandstein-Abenteuer erscheint in der Herbst-Ausgabe des WALDEN-Magazins, die im September in den Handel kommt.

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