Geflasht auf der Bastei

Chormitglieder der Bergfinken auf dem Neurathener Felsentor
"Merket auf...!" So geht Flashmob richtig kulturvoll: Sieben Bergfinken vergangenen Sonntag auf dem Gipfel des Neurathener Felsentors. (Foto: Hartmut Landgraf)

Was wäre, wenn am Sonntagvormittag hoch über der Basteibrücke plötzlich ein Chor zu singen anfängt? Der Sommer-Schlussakkord des Sandsteinbloggers: Ein Flashmob mit den Dresdner Bergfinken.

Die Lady aus Texas ist völlig aus dem Häuschen: „This is amazing!“, ruft sie begeistert ein ums andere Mal – „das ist unglaublich!“ Die japanische Reisegruppe auf der Ferdinandsaussicht kriegt vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Auf der Basteibrücke bildet sich im Nu ein beachtlicher Touristen-Stau. Alle Blicke sind wie gebannt auf die Felsen gerichtet. Dort oben auf dem Gipfel des Neurathener Felsentors hat sich ein Mann vor dem Abgrund aufgebaut – und schmettert aus voller Kehle und stolz geschwellter Brust einen Berggruß in den Wehlgrund: „Merket auf…!“ Der Mann heißt Jörg Hähnel. Und er ist nicht allein.

Sonntagvormittag, kurz vor 11 Uhr: Hähnel und ich sind das Überfallkommando Nummer zwei am Felsentor, die anderen sind schon oben. Auch auf den vorderen Gipfeln, an der Steinschleuder und am Jahrhundertturm, und auf der Basteibrücke sind Gruppen im Einsatz. Wir haben das weltbekannte Wahrzeichen umzingelt, unsere Leute sind überall – auch mitten in der Menge, insgesamt 65 Mann. Die Aktion ist seit Monaten generalstabsmäßig geplant, schon im Februar gab es dazu erste Absprachen.  Für Unbeteiligte wird es so aussehen, als wäre alles spontan. Was wir vorhaben, könnte man ganz en vogue mit einem Wort bezeichnen – Flashmob. Aber im Gegensatz zu manchen Vorbildern wollen wir keine Wasserbomben werfen, niemanden zur La-Ola-Welle anstiften, keine Pokemons jagen oder unsere Namen tanzen. Unser Coup wird richtig kulturvoll. Und so muss das auch sein, wenn man mit namhaften Gesangsmeistern einen Flashmob ausheckt: mit dem Dresdner Bergfinken-Chor.

Gruppe eins und zwei von der Basteiaussicht gesehen
Auch so kann´s aussehen, wenn ein Chor Aufstellung nimmt: Bergfinken auf der Steinschleuder (vorn) und dem Neurathener Felsentor. (Foto: Sven Legler)

Jörg Hähnel und ich steigen von hinten aufs Felsentor, damit wir von der Brücke aus nicht gesehen werden – oder weil der Alte Weg am schnellsten geht, Hähnel wird´s wissen. Denn natürlich haben wir auch hinten Zuschauer – es ist Wochenende, und wir sind auf der Bastei. Der Mann, der auf den durchaus schlüssigen Spitznamen „Gockel“ hört, trägt in Easyrider-Manier ein rotes Tuch um den Kopf, kurze Hosen und ein hüftbetontes T-Shirt mit dem Aufdruck: „The Biggest Peak Project In History“. Der Zweck des Kopftuchs erschließt sich nicht gleich – viel aus der Stirn zu halten gibt´s bei Gockel nicht mehr, er ist 51. Trotz seiner welken Lockenpracht hat er aber keinerlei Scheu vor neugierigen Blicken: Hähnel ist nicht nur einer der Bergfinken, sondern auch Sänger der Bergsteigerrockband Schlappseil – er ist es gewöhnt, sich vor Publikum zu produzieren. Das Schauklettern am Revers des Felsentors rockt er mit der bewundernswerten Sicherheit einer echten Rampensau, steigt an mehligen Sandsteintöpfen und schrundigen Rissspuren behände nach oben, bis ich ihn schon nach wenigen Minuten hinter der Kante des Vorgipfels aus den Augen verliere. Ich komme gerade noch dazu, meine Kameratasche am Gurt festzuklinken, da ruckt es oben schon am Seil – das Zeichen zum Nachkommen.

Gute Freunde - die Chormitglieder
Ziemlich beste Freunde. Die Bergfinken harmonieren nicht nur gesangsmäßig, sie sind auch in den Bergen dicke Tinte – oder beim Flashmob. „Überfallkommando“ Nummer eins auf dem Neurathener Felsentor. (Foto: Hartmut Landgraf)
Chormitglieder singen
Absolut stimmig – vom Jüngsten (Toni Reich, 27, Mitte unten) bis zum Ältesten (Uli Voigt, 82, 2.v.l.). Links Bergfink und Schlappseilsänger Jörg Hähnel (51). (Foto: Hartmut Landgraf)
Chorleiter vor Zuschauermenge
Heimlich, still und leise haben sich einige Bergfinken unter die Besucher der Basteibrücke gemengt – aber leise bleiben sie natürlich nicht. (Foto: Rico Richter)
Der Chorleiter in Aktion
Temperamentvoll und zupackend – Chorleiter Ulrich Schlögel. (Foto: Sven Legler)
Tourist mit Selfie-Stick auf der Basteibrücke
„…und ich mittendrin“, scheint dieser Tourist auf der Basteibrücke zu denken. (Foto: Rico Richter)

Vor Jahren habe ich mal eine Chorprobe der Bergfinken im Citycenter am Dresdner Hauptbahnhof erlebt – damals wurde der Chor gerade 90, inzwischen geht er straff auf die 100 zu. 1920 als Sängerschaft des Sächsischen Bergsteigerbunds aus der Taufe gehoben, geht es ihm heute wie vielen anderen Vereinen: es mangelt an Nachwuchs. Aber man hört es nicht. Trotz vieler grauer Köpfe die reinste Freude! Das war mir schon damals aufgefallen. Ihr Gesang ist von einer wunderbaren Ungezwungenheit und Lust, wie sie ein Freizeitchor dem künstlerisch härter getrimmten Profi-Ensemble manchmal voraus hat. Drill und Perfektion können lähmen. Die Bergfinken wollen lieber in Bewegung bleiben. Über 300 Lieder und Gesänge haben sie in ihrem Repertoire. Zum überwiegenden Teil Berg-, Wander- und Naturlieder. Der Chor kann auch anders, beherrscht Lieder aus dem Freischütz, dem Fliegenden Holländer – und sogar aus Händels schwierigem Oratorium „Messiah“. Aber die Liebe zum Berg bestimmt den Ton wohl am meisten. Vereinschef Stefan Jacob hat das aus seiner Sicht Unverwechselbare der Bergfinken mal frappierend einfach beschrieben: „Wir können auch auf dem Gipfel miteinander singen.“ Was er damit sagen wollte: Die Bergfinken gehen klettern – und singen nicht nur davon. Nur ganz wenige der 120 Mitglieder und 85 aktiven Sänger sind keine Bergsteiger. Ein Bergfink soll seine Gitarre sogar mal auf den 5895 Meter hohen Kilimanjaro in Tansania geschleppt haben. Und in Namibia gibt es einen Gipfel namens „Bergfink“ – erstbestiegen vom Vereinschef persönlich. Bergfahrten, Wanderungen, Hüttenabende sind dem Chor so wichtig wie Proben und Auftritte. Oder eben ein Flashmob.

Fotograf auf dem Gipfel des Felsentors
Die beste Bühne für einen Bergsteigerchor. (Foto: Sven Legler)
Flashmob beendet - es geht ans Abseilen
Flashmob vorbei – die ersten seilen sich ab. (Foto: Sven Legler)

„Was machen wir hier nochmal?“, werde ich auf dem Gipfel gefragt: Uli Voigt, 82 Jahre, einer der ältesten Bergfinken, ist mit aufs Felsentor geklettert und zum ersten Mal in seinem Leben bei einem Flashmob dabei. Einer wie Uli Voigt weiß in der Regel genau, was er tut. Ich kenne ihn als gewieften Zeitgenossen, scharfen Beobachter und einen der einflussreichsten Köpfe im Sächsischen Bergsteigerbund. Dass man ihm das Wort Flashmob erklären müsste, kaufe ich ihm nicht ab. Aber da auf dem Gipfel sitzt vielleicht ein ganz anderer Mann als der, dem ich in Versammlungsräumen und an Rednerpulten begegnet bin. Er hat Sonne und ein spitzbübisches Lächeln im Gesicht, wie jemand, der auf seine alten Tage nochmal was Verbotenes tut. Vielleicht ist Uli in diesem Moment einfach geflasht – wie wir alle.

Zehn nach Elf. Es wird Zeit. Die anderen beiden Gipfel sind jetzt ebenfalls besetzt, alle warten auf ein Zeichen. Unten auf der Kanzel der Basteibrücke hat Chorleiter Ulrich Schlögel Position bezogen – kariertes orangefarbenes Hemd, unauffällig, aber weithin sichtbar. Ein letztes Telefonat mit meiner Bodenmannschaft. Sven Legler hat sich mit seiner Kamera auf der Basteiaussicht in Stellung gebracht, Rico Richter fotografiert von der anderen Seite. Gockel lässt auf dem Gipfel schnell noch ein Bier kreisen – nur zur Sicherheit, damit die Töne nicht kratzen. Dann hebt Ulrich Schlögel unten den Arm. „Merket auf“, grüßt das Neurathener Felsentor die Besucher auf der Basteibrücke. Das Echo von der Steinschleuder und vom Jahrhundertturm lässt nicht lange auf sich warten. Ich sehe, wie der Menschenstrom auf der Brücke abrupt innehält und alle Gesichter wie auf Kommando zu uns nach oben schauen. Weithin hallt der Gesang übers Basteigebiet. „Amazing“, sagt die Lady aus Texas.

Wo deine Stimme wirklich zählt

Du hast eine tolle Stimme und singst gerne unter der Dusche oder im Auto? Schon mal daran gedacht, in einem richtigen Männerchor mitzumachen? Die Bergfinken suchen Nachwuchs!

Anrufen oder E-Mail schreiben:

Tel: 0351/45 26 98 7

info@bergfinken.de

www.bergfinken.de

2 Kommentare zu Geflasht auf der Bastei

  1. Wow, großartige Bilder und eine großartige Aktion. Wir kamen eine Woche zu spät 🙂 Aber auch im Oktober ist die Sächsische Schweiz noch ein ganz besonderes Ausflugsziel. Auch wir haben unsere Erfahrungen auf der Bastei, der Elbe und dem Raddampfer zu Papier gebracht 😉 http://sos-fernweh.com/der-ganz-spontane-kurzurlaub-saechsische-schweiz/ Vielleicht schaust du mal vorbei 🙂

    Viele Grüße und weiter so mit dem Blog!!!

    Janina

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