Das zweite Leben der Eintagsfliege

Gipfelbier vor abgestürtztem Felsbrocken im Kirnitzschtal
So lebt sie weiter – die Eintagsfliege. Süffig und vor allem echt sächsy! (Fotomontage: Hartmut Landgraf/Rolf Böhm)

Im vergangenen Herbst sorgte eine ungewöhnliche Gipfelbesteigung im Kirnitzschtal für Gelächter in der Kletterszene. Nun folgt Teil zwei der Geschichte. Egal ob´s dem Straßenbauamt schmeckt oder nicht.

Ein großer Kochtopf, ein paar Bügelflaschen, zwei Handvoll Hopfen – und ein gewitzter Radeberger. Mehr ist nicht nötig, um 50 Tonnen kompakten Sandstein zu verflüssigen. Uwe Förster heißt der Mann. Und der Felsblock, den er sich vorgenommen hat, ist nicht etwa irgendeiner, sondern sogar ein ungemein prominenter: die Eintagsfliege. So hieß der dicke Brocken, der im vergangenen September unter großem Gepolter ins Kinitzschtal rollte und für viel Wirbel in den Medien sorgte. Inzwischen ist er zwar längst Geschichte, man ließ ihn schleunigst zertrümmern und forträumen. Nicht schnell genug allerdings, um zu verhindern, dass Bergsteiger dem fast vier Meter hohen Klotz zuvor bei Nacht und Nebel aufs Haupt stiegen, ihn auf den Namen „Eintagsfliege“ tauften und zum Gipfel erklärten. Die Aktion sorgte damals für viel Gelächter in der Ebsandstein-Kletterszene – und vermutlich für einigen Verdruss im sächsischen Landesstraßenbauamt.

Braumeister Uwe Förster an seinem Kessel
Sobald es im Kessel dampft, wird es ordentlich warm in Uwe Försters winziger Braustube – und das macht durstig. (Foto: Hartmut Landgraf)

Und nun kommt Uwe Förster! Der Hobbybrauer aus Radeberg hat sozusagen posthum eines seiner Biere nach dem geschliffenen Felsblock benannt. In seiner „Hofbraustube“ am Rand der Sächsischen Schweiz in Nenntmannsdorf – einer Art Geräteschuppen voller Kessel, Töpfe, Schläuche und Flaschen – zaubert er seit dem vergangenen Jahr ein „Sächsisches Gipfelbier“ nach dem anderen hervor: Narrenkappe, Papst, Zwerg – oder eben Eintagsfliege. Als Hobbybrauer darf Förster, der von Beruf eigentlich gelernter Elektriker ist und Gaszähler montiert, zwar nur eine begrenzte Menge Bier steuerfrei herstellen und das ausschließlich für den Privatgebrauch. Doch im Kreis der Familie und Freunde wurden seine Gipfelbiere schnell populär. Fast 100 Flaschen Eintagsfliege sind inzwischen alle geworden – nur sechs sind noch übrig, und auch die werden wohl kein allzu langes Leben mehr haben, fürchtet der Braumeister. Dabei sollte ein Bier wenigstens einen Monat lang reifen, bevor es getrunken werden kann. Lässt man ihm drei Monate Zeit, schmeckt es umso besser, sagt Förster. Doch es kommt wohl nur höchst selten vor, dass eines seiner Biere ein so hohes Alter erreicht. Kletterer haben bekanntlich, wenn sie vom Gipfel herabsteigen, ziemlich trockene Kehlen.

Am Anfang eine „ziemliche Matscherei“

Vielleicht wollte Uwe Förster ja auch bloß seinem eigenen Durst abhelfen, als er beschloss, selbst Bier zu brauen. Wie die Kunst funktioniert, musste er sich erst einmal anlesen, die nötigen Utensilien und Zutaten wurden dann günstig übers Internet bestellt. Ein befreundeter Metallbauer half ihm Kosten zu sparen: So wurde aus einem 100-Liter-Kochtopf ruckzuck ein voll funktionstüchtiger Braukessel geklempnert. Hinzu kamen ein Brenner, eine Gasflasche, ein Thermostat und ein paar Schläuche – fertig war die Anlage. Ein ausrangierter Firmenrechner steuert den gesamten Prozess mit seinen verschiedenen Temperaturstufen – von der Eiweiß- über die Zuckerrast bis zum Würzekochen. Wenn man das so erzählt, klingt es einfach. Doch in Wirklichkeit ist Bierbrauen eine recht komplizierte Angelegenheit und das erste Produkt aus der Nenntmannsdorfer Hofbraustube sei denn auch eine „ziemliche Matscherei“ gewesen, sagt Uwe Förster. Vermutlich hat sich niemand beschwert: Das Erstlingswerk wurde in gutgelaunter Runde zur Fußball-Weltmeisterschaft ausgetrunken.

Mit der Zeit wurden die Sächsischen Gipfelbiere jedoch in ihrer Qualität beständiger, zu Weihnachten experimentierte der Braumeister sogar schon mit allerlei exotischen Zutaten wie Zimt und Kardamom, die so freilich nicht im Deutschen Reinheitsgebot stehen. Hauptsache es schmeckt, sagt Förster. Zu einheitlich sollen seine Biere ja ohnehin nicht werden, sondern so unverwechselbar und einzigartig wie ihre Vorbilder. Manchmal schaut Uwe Förster einfach im Kletterführer nach, was er als nächstes brauen will. Nach der Eintagsfliege wird vielleicht bald ein „Falkenstein“ aus seinem Sudkessel fließen – oder ein „Teufelsturm“. Festlegen will er sich lieber nicht, denn allein in der Sächsischen Schweiz gäbe es mehr als 1100 schöne Namensgeber für seine Gipfelbiere. Und der nächste Felssturz wird auch nicht lange auf sich warten lassen.

Eingang zur Hofbraustube in Nenntmannsdorf
Hinter dieser Tür wird schon das nächste Gipfelbier gebraut – aber das ist noch geheim. (Foto: Hartmut Landgraf)

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