Heiße Eisen

Sicherungsringe, noch rot glühend vom Schmiedefeuer
An ihnen hängen Menschenleben, kühne Träume - und so manche Fehde in der sächsischen Kletterszene: zwei frisch geschmiedete Sicherungsringe. (Foto: Hartmut Landgraf)

In der Kletterszene hat sich so mancher Streit daran entzündet: Sicherungsringe. Zu wenige sind ungesund – zu viele passen nicht zum Traditions- und Selbstbewusstsein der sächsischen Bergsteiger. Konsens herrscht nur in einem Punkt: die Ringe müssen einiges aushalten. Und an diesem Punkt kommt Holger Schlegel ins Spiel.

Verrosteter Sicherungsring
Irgendwann bleibt von einem Eisenring bloß noch Rost übrig. Dieser hier müsste dringend ausgewechselt werden. (Foto: Helmut Schulze)
Rohlinge, im Hintergrund das Schmiedefeuer
Rohlinge am Schmiedefeuer. Diese Eisen werden mal ein Stück sächsische Klettergeschichte schreiben. (Foto: Hartmut Landgraf)

Wenn im Elbsandsteingebirge die Klettersaison beginnt, legt Holger Schlegel ein paar Eisen ins Feuer. Er wartet ein paar Minuten, bis die 20 Zentimeter langen Sechskantstäbe in der Glut golden zu leuchten beginnen, dann greift er sich seinen Hammer und gibt den Eisen Saures. Schlegel schmiedet Ringe. Nicht etwa für Zwergen- oder Elbenkönige, sondern für Sachsens Bergsteiger – Sicherungsringe. Eine Arbeit so einfach und rustikal wie in der Zeit, als Gott das Schmiedehandwerk erschuf. Und als Erstes sind die Schäfte dran.

Eigentlich ist Holger Schlegel Kunstschmied. Er restauriert historische Türen fürs Dresdner Schloss, kann feine kunstvoll vergoldete Beschläge, schmiedeeiserne Fenstergitter, Zäune und Laternen machen. Einmal musste er für die Sakristei der Torgauer Marienkirche einen 500 Jahre alten Schließmechanismus restaurieren – ein kompliziertes Vierfach-Türschloss, an dem sich ein moderner Einbrecher die Zähne ausbeißen würde. Einfache, robuste Sicherungsringe für Kletterer herzustellen, erscheint dagegen auf den ersten Blick wie eine ziemlich ruhm- und schnörkellose Arbeit.

Schmied mit Zange am Feuer
Ein Schmied lässt nichts Warmes liegen, sagt Holger Schlegel. Eisen wird bei 1000 Grad weich und gefügig, doch sobald es der Schmied aus dem Feuer nimmt, muss er sich beeilen. (Foto: Hartmut Landgraf)
Schmied bearbeitet den Schaft eines Kletterrings
Ein paar beherzte Hammerschläge genügen, um aus einem gewöhnlichen Sechskanteisen den Schaft für einen Kletterring zu machen. Wenn man sein Handwerk so gut beherrscht wie Holger Schlegel. (Foto: Hartmut Landgraf)

Schlegel aber liebt sie, denn für ihn ist dieser Job weit anspruchsvoller und interessanter als er aussieht. Bevor der Dresdner vom Sächsischen Bergsteigerbund (SBB) vor einigen Jahren den Generalauftrag für die im Elbsandsteingebirge benötigten Sicherungsringe bekam, musste er seine Arbeit einer strengen Qualitätsprüfung unterziehen. Material und  Verarbeitung eines Kletterrings müssen extremen Zugkräften standhalten, damit sie einen Sturz abfangen, ohne zu brechen. Schlegels Ringe erfüllten die Norm, seitdem liefert der Handwerksmeister jedes Jahr einige Hundert Kletterringe an den SBB – der sie zu günstigen Preisen an die Szene weiterverkauft. Die Saison 2017 hat mit herrlichem Kletterwetter begonnen. Eigentlich müsste sich also in Schlegels Werkstatt längst eine Pyramide aus glühenden Schäften auftürmen. Aber die Nachfrage sinkt. Die Zahl neuer Kletterrouten im Elbsandstein geht zurück. Und die alten werden vom Bergsteigerbund nach und nach mit tschechischen Edelstahlringen ausgerüstet. Edelstahl hält länger als Eisen. In diesem Frühjahr hat Schlegel erst ein knappes Dutzend davon ins Feuer gelegt – zu Anschauungszwecken.

Maschinenhammer, glühender Eisenschaft
Mit dem Maschinenhammer wird die Ringöse ins Ende des Schafts geschlagen. (Foto: Hartmut Landgraf)
Glühendes Ringstück im Schraubstock
Ein glühendes Stück Rundstahl wird zum Ring gebogen – die Enden werden anschließend verschweißt. (Foto: Hartmut Landgraf)
Schmied mit Ring am Amboss
Schmieden wie in alter Zeit. Ein Ring ist schnell gemacht – aber die Arbeit ist viel anspruchsvoller, als sie aussieht. (Foto: Hartmut Landgraf)

Man könnte sehr viele Geschichten über Sicherungsringe erzählen – und nicht alle davon wären schön. Anders als in Sportklettergebieten werden Fixpunkte zur Sicherung, wie Ringe oder Ösen, im Elbsandstein traditionell nur sehr sparsam verwendet, in den unteren Schwierigkeitsgraden überhaupt nicht. Das Klettern im Elbsandstein ähnelt in mancher Hinsicht dem alpinen Bergsteigen – Entdeckerlust, Abenteuer und Selbstverantwortung gehören dazu. Über das richtige Maß von Abenteuer und Sicherheit wird in Sachsen häufig gestritten. Nur in einem sind sich alle einig: Sicherungsringe müssen etwas aushalten. Und das ist der Punkt, über den Holger Schlegel eine ganze Menge zu erzählen weiß.

Kletterer mit Bohrmaschine
Bei einer Erstbegehung kommt heute die Bohrmaschine zum Einsatz – im Bild: Chris-Jan Stiller. (Foto: Helmut Schulze)
Kletterer schlägt einen Ring in den Fels
Lange kann man sich so nicht festhalten – deshalb muss jeder Schlag sitzen. Robert Leistner setzt einen Sicherungsring. (Foto: Helmut Schulze)

Während die Rohlinge in seinem 1000 Grad heißen Ofen weich und gefügig werden, erklärt der Schmied bereitwillig die ganze Prozedur, die einen Sechskant- und einen Rundstahl miteinander zum Sicherungsring verschmelzen lässt. Erst wird das eine Ende des Schafts mit ein paar gezielten Hammerschlägen leicht angespitzt, damit er später gut ins Bohrloch im Fels passt. Das andere Ende des Schafts wird mittels Loch- und Maschinenhammer zur Öse geschlagen, durch die Schlegel anschließend ein glühendes Stück Rundstahl fädelt. Die Enden des Rundstahls werden später miteinander verschweißt, um den Ring zu schließen, der vielleicht anspruchsvollste Teil der Arbeit. Eine Zugkraft von umgerechnet 7,5 Tonnen hält die Naht aus – das Gewicht eines Lasters. Schlegel macht die Ringe extra dicker, damit sie ein paar Jahrzehnte lang Wind und Wetter standhalten. Der Rost wird mitkalkuliert.

Hat sich der Meister erst mal eines seiner Eisen gegriffen, unterbricht er sich augenblicklich in seinem Redefluss und fuhrwerkt mit aufgekrempelten Ärmeln zwischen Ofen, Amboss und Maschinenhammer herum. Dabei ist er hochkonzentriert – denn alles muss schnell gehen und jeder Handgriff muss sitzen. „Ein Schmied lässt nichts Warmes liegen“, sagt er später. Warm bedeutet: Das Eisen muss glutrot leuchten. Einmal aus dem Feuer geholt, sei das Material binnen einer Minute „wieder kalt“. Kalt bedeutet: Weniger als 270° Celsius.

Die Kletterringe sind für Holger Schlegel nicht einfach nur ein Auftrag. An ihnen hängen Menschenleben, kühne Träume, sportliche Leistungen. Und Fehden. Vor einigen Jahren gipfelte der immer mal wieder aufflammende Streit um die sächsische Klettertradition in einem regelrechten Ringekrieg. Aus einigen schweren Routen, unter anderem am Müllerstein, verschwanden auf mysteriöse Weise die Sicherungsringe – sodass sie zeitweise  unbegehbar wurden. Auch Schlegels Arbeit war davon berührt. Auf private Nachfrage musste er damals eine Serie spezieller Ringe mit extra langem Gewindeschaft herstellen, die noch fester und tiefer im Fels sitzen. Diebstahlsicherungen sozusagen. Der Meister kann über so viel Erbitterung bloß staunen und den Kopf schütteln. Er geht selbst klettern – zwar nicht schwer, sondern nur ganz leichte Wege – aber er macht es nicht für sein Ego, sondern weil er Spaß daran hat. Am Draußensein mit Freunden.

Wer mal eine richtig rustikale Party zwischen Amboss und Schmiedefeuer erleben möchte – Holger Schlegel arrangiert bisweilen Geburtstags- oder Weihnachtsfeiern, Hochzeiten und Firmenjubiläen in seiner Dresdner Werkstatt. Kontakt >>> www.schmiede-schlegel.de

1 Kommentar zu Heiße Eisen

  1. Hi Hartumt,
    schöner Artikel!! Danke für den Exkurs ins Schmiedehandwerk!
    Der alte Ring auf dem ersten Foto sieht doch noch ganz gut aus! Da gibts ganz andere Gurken im Gebirge. Scheint ein häufig gekletterter Weg zu sein, da die Oberfläche schön glänzt. Wenn der Weg selten beklettert wird und der Ring wetterexponiert ist, dann bildet sich ein schöne Rostpelz. Wenn die Dicke des Rings dann schon dünner geworden ist, wirds spannend 😉
    Egal, Hauptsache: „Draußen sein mit Freunden.“

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