Irrlichter in den Schrammsteinen

Licht auf dem Kletterfelsen Tante, Foto von Thomas Pöschmann
Nächtlicher Spuk auf dem Gipfel der "Tante". Der Kletterfelsen in den Schrammsteinen war unlängst Schauplatz einer spektakulären Foto-Session. (Foto: Thomas Pöschmann)

Nachts ist es im Elbsandsteingebirge fast ein bisschen unheimlich. Felsen schwimmen wie schwarze Geisterschiffe über dem Nebel. Schatten werden lebendig. Der Wald beginnt zu flüstern. Für Thomas Pöschmann und seine Freunde ist das die perfekte Zeit um draußen zu sein. Denn sie suchen eine andere, noch viel märchenhaftere Sächsische Schweiz.

Da ist es wieder! Angestrengt späht Thomas Pöschmann von der Schrammsteinaussicht hinunter in den Wald. Für den Bruchteil einer Sekunde war dort in der Tiefe ein Licht zu sehen, jetzt ist es wieder weg. Schwer zu sagen, ob das unsere Leute sind. Der Wald zu unseren Füßen hat sich in eine dunkle unkenntliche Masse verwandelt, die jedes Detail verschlingt. Gegenüber am Horizont verlischt ein letzter blassroter Streifen Abendlichts. Es wird ungemütlich kalt auf der Aussicht. Thomas hält sein Walky-Talky an den Mund. „Ihr müsst den Strahl weiter runter richten, sonst trifft er mich.“

Die Antwort bleibt aus. Mit geübten Handgriffen bringt Pöschmann am Abgrund eine Kamera in Stellung. Unterdessen beobachten Anna und ich gebannt, wie sich die Welt ringsum verändert. Mit Einbruch der Dunkelheit bekommt die Sächsische Schweiz ein anderes Gesicht. Aus dem vertrauten Sandsteinland wird eine finstere Einöde voller rätselhafter Wesen und schwarzer Abgründe. Felsen mutieren zu  bedrohlichen Burgen und plumpen Ungetümen, manche lösen sich im Mondlicht wie Trolle aus ihrer Erstarrung, andere treiben wie Geisterschiffe in den aufsteigenden Nebel hinein. Schatten werden lebendig. Der Wald beginnt zu flüstern.

Mystik im Zeitraffer-Format

Anna schmollt ein bisschen. Sie hat sich das Knie eingestoßen, doch ihr Freund werkelt scheinbar ungerührt an seinem Stativ herum. So geht das seit dem Sommer fast jedes Wochenende. Wenn sich Thomas etwas in den Kopf gesetzt hat, dann gibt es kein Zurück. Monatelang kriecht er bei Nacht und Nebel durch den Busch, über Stock und Stein. Und Anna zieht mit – meistens.  Der Software-Entwickler aus Stolpen gehört zur Stativkarawane, einem Freundeskreis von Landschaftsfotografen, die in den Bergen auch dann noch nach Motiven suchen, wenn andere Leute längst schlafen. In der sächsischen Wanderszene ist die Gruppe inzwischen vielen ein Begriff. Ihr Name steht für mystische Zeitraffer-Shows, für eine Sicht des Elbsandsteingebirges, wie sie nur wenige kennen. Ein Märchenland im Sternenlicht. Doch dafür muss man eben manchmal Schrammen und Kälte in Kauf nehmen. Oder ein lädiertes Knie.

 

Erneut blinkt etwas in der Tiefe. Im Wald sind zwei winzige Lichtpunkte zu erkennen, die scheinbar ziellos über ein Riff tanzen. Es sieht gespenstisch aus.  Plötzlich knackt es im Funkgerät. „Kommst du runter?“, fragt eine Männerstimme. Das ist Denis. Es geht los! Von diesem Moment an wird die Kamera auf der Aussicht alle zehn Sekunden ein Bild machen, sechs pro Minute – einige Hundert in den nächsten zwei Stunden. Die Lichter dort unten sind keine Sinnestäuschung, sondern Teil einer durchdachten Choreografie, bei der nichts zufällig geschieht. Ich werfe noch einen mitleidigen Blick zu Anna hinüber, die bei unserem Abenteuer die undankbarste Aufgabe übernimmt: sie bleibt allein auf dem zugigen Felsplateau und bewacht die Kamera. Dann stolpere ich hinter Pöschmann her hinunter in die Schlucht. Im Funzelschein meiner Stirnlampe kann man nur schwer unterscheiden, wo fester Boden ist und wo der Tritt ins Leere geht. Vielleicht hätte ich die Akkus doch auswechseln sollen. Zu spät.

Mit ihrem ungewöhnlichen Hobby haben Thomas und seine Freunde vor drei Jahren zum ersten Mal für Furore gesorgt. Damals stellte die Stativkarawane ihren ersten Zeitraffer-Film ins Internet. 20 Nächte lang hatte die Gruppe an verschiedenen Orten im Elbsandsteingebirge den Himmel und die Sterne fotografiert. Am Ende entstand aus 18000 Traumbildern ein grandioses Elf-Minuten-Werk mit dem bezeichnenden Titel „Hunderttausendsterne-Hotel“ – eine beispiellose Liebeserklärung an die Sächsische Schweiz. Auf der Internetplattform Vimeo sorgte der Film schnell für Aufsehen. In verschiedenen Online-Foren gab es positive Kommentare. Innerhalb weniger Wochen wurde der Film 15000-mal aufgerufen. Im selben Jahr lief er schon erfolgreich beim prominenten Bergsichten-Festival in Dresden. Die ersten Liveshows und ein weiteres Filmprojekt mit dem Titel „Taupunkt“ sollten bald folgen.

Doch im Schlepptau der ersten Euphorie kam die Ernüchterung. Die Shows kosteten mehr Kraft und Zeit als erwartet und neue fotografische Ansätze waren zunächst nicht in Sicht. Der Stativkarawane fehlte so etwas wie eine gemeinsame Vision. Nun aber haben die Nachtschwärmer eine neue Idee. Sie wollen ein bisschen künstliches Licht ins Dunkel der Landschaft bringen, sodass es später im Film aussieht, als ob Irrwische durch die Schrammsteine huschen, bis hinauf auf die Tante – einen schlanken Kletterfelsen, der tagsüber Dutzenden Touristen als Fotokulisse dient. Das ganze Unternehmen ist so geplant, dass der Lichtertanz am Ende zur Musik von Antonin Dvořák passt. Denn der böhmische Komponist (1841-1904) soll eine Zeit lang im benachbarten Hrensko gelebt haben und steuert mit seinem Allegretto zur 1. Sinfonie posthum den Soundtrack zum neuen Zeitraffer-Film der Stativkarawane bei. Das Zusammenspiel hat seinen Reiz.

Licht auf dem Gipfel der Tante
Lichter-Spuk auf dem Gipfel der Tante. (Foto: Ralf Görner)

Nächtliche Klettertour

Doch zuvor muss Thomas erst mal im Schneckentempo 50 Meter weit durch den Wald schleichen – nur alle 20 Sekunden einen Schritt, so verlangt es die Zeit-Automatik der Kamera oben auf der Aussicht. Und schließlich dann über einen Grat zur Tante hinüberkraxeln. Der hat es anscheinend in sich. Denn obwohl er bei seinen Nachtwanderungen im Elbsandstein wohl so mancherorts in einem tiefen Loch verschwinden könnte, hat Pöschmann vor dieser Etappe besonderen Respekt. „Da geht es auf jeder Seite gefühlte 5000 Meter tief runter“, flunkert der Stolpener theatralisch – das Unbehagen in seiner Stimme ist aber echt und nicht zu überhören. Die 5000 Meter sind freilich arg übertrieben. Der höchste Berg der Sächsischen Schweiz bringt es auf gerade mal 561 Meter. Aber im Licht einer Stirnlampe verschieben sich hier so manche Relationen. Ist der Grat geschafft, kommt der schwierigste Teil – die 25 Meter hohe Südwand der Tante. Doch das ist dann nicht mehr Pöschmanns Part. Am Fuß der markanten Felsnadel warten Denis Thomas und Ralf Görner auf uns, zwei versierte Kletterer aus Leipzig.

„Alles gut bei dir da oben?“, flüstert Thomas besorgt in sein Funkgerät. Das gilt Anna. Bekommt da jemand Gewissensbisse, weil sie so alleine oben auf der Aussicht hockt? Oder will er mit ihr und der Welt noch schnell ins Reine kommen – so kurz vor dem Schritt über den Abgrund? Ich stelle keine Fragen. Denn der Stolpener ist wirklich nervös. „Anna?“ Schließlich kommt das lang ersehnte  Knarzen aus dem Funkgerät. „Jetzt mach schon“, meldet sich eine etwas unterkühlte Frauenstimme. „Zieh es durch!“

Sandsteinblogger.de präsentiert: „Irrlichter“, den neuen Zeitraffer-Film der Stativkarawane. Ein ganz herzliches Dankeschön an die Macher und viel Spaß beim Anschauen! Unbedingt einen Besuch wert ist auch die Homepage der Stativkarawane. Unter folgendem Link findest du weitere sehenswerte Filme und alle aktuellen Showtermine in deiner Nähe: www.stativkarawane.de. (Technischer Hinweis: Falls der Film sehr langsam lädt, empfiehlt es sich, vom HD- in den Normal-Modus zu wechseln.)

Irrlichter from Thomas Poeschmann on Vimeo.

Nicht lange danach sind wir an der Tante. Der Felsen bietet ein skurriles Bild. An seinem Fuß hockt – eingemummelt in einen orangefarbenen Kunstfaseranorak – Denis vor einem dampfenden Topf voll Linsen. Daneben liegen leere Plasteflaschen. Mineralwasser. Bier. Die beiden Leipziger haben es sich gut gehen lassen, während wir durch den pechschwarzen Wald gestolpert sind. Anscheinend haben sie es nicht allzu eilig, der Tante aufs Dach zu steigen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Schier endlos reckt sich die majestätische Felsnadel über unseren Köpfen in den Nachthimmel. Weder Griff noch Tritt sind in der Wand zu erkennen. Ist die ganze Aktion nicht vielleicht doch ein bisschen zu verrückt? Über dem sogenannten Mittelweg baumelt ein Seil. Das haben Denis und Ralf dort hängenlassen. Vorsichtshalber sind sie schon im Hellen auf den Gipfel gestiegen und haben das nächtliche Manöver bestmöglich abgesichert. Ralf ist von Beruf Industriekletterer und weiß anscheinend, was er tut. Auch Denis ist kein durchgedrehter Adrenalin-Junkie, sondern seit seiner Kindheit in den Felswänden der Sächsischen Schweiz zu Hause. Ich muss mir um die beiden wohl keine allzu großen Sorgen machen.

Meine Gedanken wandern wieder hinauf zu Anna, die auf der Schrammsteinaussicht tapfer in der Kälte kauert. So stelle ich mir die Steinzeit vor. Männer ziehen raus ins Abenteuer und kehren heim, beladen mit Fellen und spannenden Geschichten. Und die Frauen trifft das wenig erbauliche Los des Wartenmüssens. Ich könnte es Anna nicht verübeln, falls sie sich dem vorsintflutlichen Rollenschema dieser Nacht nachher noch handgreiflich widersetzt. Aber vielleicht irre ich mich. Vielleicht ist die Panoramasicht von dort oben sogar der beste und spannendste Platz bei unserem Abenteuer.

Hunderte Bilddateien

„Die Nacht verändert alles“, sagt Thomas Pöschmann. Belichtungszeiten. Farben. Sichtweisen. Tief unten im Tal flimmern die Straßenlaternen von Bad Schandau. Nichts daran stört das Bild. Von den Bergen aus betrachtet haben Städte etwas wunderbar Anheimelndes. Wie Inseln in der Nacht – ein letzter warmer Rest von Zivilisation. Während ich noch meinen Gedanken nachhänge, hat sich Denis das Seilende geschnappt – wenig später sehe ich ihn schon ein gutes Stück weiter oben in der blanken Wand hängen. Oder besser: Ich ahne, wo er ist. Seine Stirnlampe wirft einen blassen Lichtfetzen auf den schwarzen Fels. Immer schwächer und schwächer. Dann verliere ich Denis in der Dunkelheit aus den Augen. Nur hin und wieder verrät ein kurzes geisterhaftes Aufleuchten hoch oben, wo er gerade steckt. Eine halbe Stunde später meldet sich Thomas´ Funkgerät. Denis ist auf dem Gipfel angekommen.

So verschwinden mit der Zeit die letzten Platzhalter aus der Endfassung des neuen Films. Drei Monate arbeitet die Stativkarawane inzwischen an ihrem Stirnlampen-Projekt. Auch andernorts waren die geheimnisvollen Irrlichter unterwegs – auf der Basteibrücke, am Pfaffenstein, an der Kaiserkrone… Morgen wird Thomas Pöschmann wieder Hunderte Bilddateien auf seinen Rechner laden und zu einer neuen Zeitraffer-Sequenz zusammenschneiden. Von unserem Abenteuer werden vielleicht 30 Sekunden übrigbleiben. Wer sich der Landschaftsfotografie verschreibt, darf keine Wunder erwarten. Bevor etwas richtig gut gelingt, gibt es viele Enttäuschungen. Oft ist die Ausbeute einer Nacht wie beim Goldwaschen kaum der Rede wert. Falls der Himmel zuzieht, der Akku versagt, das Mondlicht blendet oder der Dunst aus dem böhmischen Becken vor die Linse treibt, geht man mit kalten Füßen und leeren Händen wieder heim. Die Nacht kommt, wie sie kommt. Ich setze meinen Rucksack ab. Geduld ist alles im Fotografenhandwerk. Ich glaube, auch ich habe irgendwo in meinen Taschen noch ein Bier.

Fotografen-Selfie
Obligatorisches Fotografen-Selfie. Schon ein bisschen schräg, diese Jungs: Denis Thomas, Ralf Görner, Thomas Pöschmann (v.l.).
(Foto: Ralf Görner)

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