Das große Zittern

Auf Island kündigt sich ein neuer Vulkanausbruch an. Auf der Halbinsel Reykjanes bebt die Erde. Die seismischen Wellen senden unmissverständliche Warnungen – bis ins sächsische Berggießhübel.

In der Facebookgruppe „Vulkane Islands“ steigt die Spannung. Bei Grindavík und südwestlich der Halbinsel Reykjanes hat es in den letzten Tagen wieder zahlreiche Schwarmbeben gegeben. Seit Mitte Februar läuft in der Gruppe ein Voting. „Wann rechnet ihr mit dem nächsten Ausbruch?“ Die meisten Umfrageteilnehmer haben auf den 5. März getippt. Doch vielleicht passiert´s schon morgen. Das große Zittern hat begonnen. Es ist eine Frage der Zeit.

Auch Olaf Hellwig verfolgt das Geschehen. Nicht auf Facebook – sondern live. Dafür muss er aber nicht extra nach Island jetten. Er braucht nicht einmal seinen Schreibtisch zu verlassen. Unter einer großen blauen Erdkarte, umringt von vier schwarzen Flachbildschirmen, ist er Tag für Tag mittendrin im seismologischen Weltgeschehen. Im sächsischen Berggießhübel.

Der Geophysiker Olaf Hellwig leitet das Observatorium Berggießhübel. Hier ist er vom Schreibtisch aus mittendrin im seismologischen Weltgeschehen.

Das „Seismologische Observatorium“ der TU Freiberg befindet sich in einem stillen Winkel der Kleinstadt, etwas abseits der Hauptstraße, in einem unscheinbaren Wohnhaus. Seit 1960 werden hier ununterbrochen die Schockwellen gemessen, die von Erdbeben, Vulkanausbrüchen und schweren Explosionen rings um die Erde laufen – und mitten durch sie hindurch. Die Kurven werden ausgewertet, die Ergebnisse an Behörden und internationale Datenzentren weitergeleitet. Von dort können Wissenschaftler aus aller Welt darauf zugreifen, Gefährdungslagen einschätzen, Vorhersagen treffen. Berggießhübel sei eine der besten Erdbebenwarten in Deutschland, sagt Olaf Hellwig. Weit weg von Großstädten und anderen Störquellen – die Messgeräte tief im Felsgestein. Der Geophysiker ist hier seit fünf Jahren Herr über alle Daten. Seitdem ist auf seinen Rechnern viel passiert.

Ein alter Eisenerz-Erkundungsstollen führt zum wichtigsten Instrument des Observatoriums.

Ein Jahr zuvor, am 6. Februar 2023: Mitten in tiefster Nacht bauen sich die Berggießhübler Charts plötzlich binnen Minuten zu einem wilden Gebirge auf. Abdruck einer der schlimmsten Erdbebenkatastrophen der letzten Jahre. Das Zentrum des Bebens befindet sich 20 Kilometer tief unter der Erde – und weit weg: an der türkisch-syrischen Grenze. Aber es wird auch in Deutschland über Wochen die Nachrichten beherrschen. Die Stöße erreichen eine Stärke von 7,8 und haben verheerende Folgen. Eine ganze Region fällt in Trümmer. Zehntausende Menschen sterben. Von der Erschütterung vibriert die Erde bis ins 2500 Kilometer entfernte Osterzgebirge. In Berggießhübel hebt sich der Boden in 20 Sekunden um ganze vier Millimeter. Für einen Menschen dennoch zu schwach, um es zu spüren. „Aber für unser Seismometer sind sowas riesige Amplituden“, sagt Olaf Hellwig.

Das Seismometer ist sein wichtigstes Werkzeug. Wie ein rohes Ei sicher in einer Styroporkiste verpackt, sitzt das empfindliche Herz des Observatoriums hinter dicken Türen in einer Kammer tief im kristallinen Grundgebirge. Am Ende eines alten Bergbaustollens, der im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker benutzt wurde. Es ist ein kleiner Metallzylinder, in Gestalt und Größe einem Staubsauger nicht ganz unähnlich. Bis zu 30 Mal pro Tag wird dieses Gerät durch irgendein Ereignis auf der Welt in seiner Ruhe gestört. Erschütterungen aus Nah und Fern: Erdbeben, Felsstürze, Gebirgsschläge – wenn infolge von Bergarbeiten unterirdische Hohlräume kollabieren. Sprengungen in den Steinbrüchen der Region und andere Explosionen. Die Detonationen der beiden Nord-Stream Pipelines hinterließen ihre Spuren in den Messkurven. Auch Kernwaffentests könne man detektieren, sagt Olaf Hellwig.

In der Herzkammer des Seismologischen Observatoriums Berggießhübel. In der weißen Styropor-Kiste befindet sich das Seismometer.
Auf Island bebt die Erde. Daten vom November 2023. (Quelle: Seismologisches Observatorium | TU Bergakademie Freiberg)

Rund 800 von den knapp 10.000 Vorfällen, die das Gerät im Jahr aufzeichnet, passieren ganz in der Nähe: in Sachsen. So am Abend des 11. September 2014: Ohne dass es jemand bemerkt, ereignet sich mitten in der Sächsischen Schweiz in unmittelbarer Nähe zur Bastei – ein Erdbeben. Es gerät nichts aus den Fugen, kein einziger Stein geht zu Boden, die Wanderer und Fotografen spazieren wie jeden Abend entspannt und ungestört über die berühmte Basteibrücke. Am nächsten Tag gibt es keine Schlagzeilen. Das Seismometer registriert ein Erdbeben der Stärke 0,9 im Basteigebiet, zwei Stunden später ein weiteres Beben etwas nördlich vom Lilienstein. Zwei winzige Stöße, kaum mehr als ein kurzes Flimmern im Boden – aber sie sind da. Denn sie haben eine unwiderlegbare Spur in der Berggießhübler Datensammlung hinterlassen, eine Schwingungskurve, die sich Olaf Hellwig jederzeit mit ein paar Klicks zurück auf einen seiner Flachbildschirme holen kann. Der Grund für die Erschütterung ist kaum zu glauben: Die Lausitzer Überschiebung – Resultat uralter tektonischer Kräfte, die vor 80 Millionen Jahren den Lausitzer Granit auf den etwas weiter südlich liegenden Sandstein zu schieben begannen – ist noch immer aktiv. Die Bewegung ist nicht groß, aber messbar. Jedes Jahr rückt die Lausitz der Sächsischen Schweiz einen Millimeter weiter auf den Leib. Sachsens Erdbeben-Hotspot aber ist das Vogtland. Dort werden bisweilen Beben der Stärke 2,0 bis 3,5 gemessen. 1985 sogar mal eins mit der Magnitude 4,6. Schuld soll eine tektonische Störung zwischen Leipzig und Regensburg sein.

Und jetzt Reykjanes: Obwohl es viel älter aussieht, ist Island die jüngste Insel Europas – eine Welt im Entstehen, geboren aus Lava und Asche. Eine Landschaft, die noch in den Kinderschuhen steckt. Und die, direkt über dem mittelatlantischen Rücken gelegen, beständig auseinanderdriftet – sich streckt und wächst. Im November 2023 hat das Observatorium ein Erdbeben der Stärke 5,3 in der Nähe von Reykjavík registriert. „Danach ist´s dort erstmal ruhig geworden“, sagt der Stationschef. Und? Wann kommt nun der nächste Knall? Olaf Hellwig weiß es nicht. Aber Fakt ist: Er wird es mit als Erster merken.

Island: Eine Landschaft, die noch in den Kinderschuhen steckt, geboren aus Lava und Asche.

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