Der Winter-Treck

Elbsandstein - soweit die Füße tragen
Elbsandstein - soweit die Füße tragen. Das war die Idee. MDR Biwak und der Sandsteinblogger haben sie gemeinsam umgesetzt. (Foto: Holger Lieberenz)

Einen Rucksack aufsetzen und einfach abtauchen in die Wälder. Neben den eigenen Wanderstiefeln einschlafen und beim Aufwachen kein anderes Ziel haben, als einen Weg. Das ist die Idee von Trekking. Geht das auch im Elbsandsteingebirge? Und geht das vor allem – bei laufender Kamera?

Mit Fernsehleuten sollte man sich gutstellen. Besonders, wenn man drei Tage beständig in ihrem Fadenkreuz ist. Dreharbeiten für die Winterstaffel der MDR-Bergsportsendung BIWAK. Frontmann Thorsten Kutschke und ich machen uns gerade schwerbepackt auf den Weg in die Wälder, Götz Walter hat seine Kamera scharf gestellt. Wir sind für unsere Tour ausgerüstet wie Fremdenlegionäre im Feld, mit allem, was zum Überleben nötig ist, vom Biwaksack bis zum Dosenöffner. Ein Viertelzentner Marschgepäck, und dazu noch die Fotoausrüstung. Schon auf den ersten Metern hängt sie mir wie ein Joch am Nacken. Da rutscht mir dieser unbedachte Satz raus: „Die Kamera nervt!“ Sekunden später weiß ich, Götz Walter hat es gehört. Und er denkt, mein Fluchen gilt seiner Arbeitsweise… Ich werde belauscht. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich beim Wandern – verkabelt.

Start auf dem Hohen Schneeberg
Alaska? Lappland? Sibirien? Für uns beginnt der Weg in die „Wildnis“ auf dem Hohen Schneeberg in der Böhmischen Schweiz. Von links: Unsere Strippenzieherin Hilde, Biwak-Moderator Thorsten Kutschke und Hartmut Landgraf vom Sandsteinblogger. (Foto: Holger Lieberenz)

So beginnt Ende Januar eine Tour, die anders wird als alles, was ich bisher kannte. Der Prolog ist schnell erzählt: Thorsten Kutschke und ich haben eine Story im Visier! Der Sachsenforst plant eine Trekkingroute im Elbsandsteingebirge – den sogenannten Forststeig. Keine bequeme Etappenwanderung mit leichtem Gepäck und Pensionsunterkunft, sondern eine richtig harte Tour: Einen Rucksack mit allem Nötigen aufsetzen und einfach abtauchen in die Wälder. Neben den eigenen Wanderstiefeln einschlafen und beim Aufwachen kein anderes Ziel haben, als einen Weg. Das ist die Idee von Trekking. So kennt man das bisher aus Schweden oder Nordamerika. Aber aus der Sächsischen Schweiz? Ein spannendes Thema. Thorsten und ich lieben es, solchen Geschichten buchstäblich hinterherzulaufen. Der Dresdner (45) ist ein erfahrener Fernsehmann und moderiert BIWAK seit nunmehr 15 Jahren. Wir beide mögen Berge, Luft, Menschen und Abenteuer – besonders solche, die einem das Gefühl geben, dass die Welt noch immer voller Geheimnisse und Entdeckungen steckt. Auch unsere Heimat. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis wir uns mal gemeinsam auf die Socken machen. Aus Neugier wird ein Plan: ein Winter-Treck an der sächsisch-böhmischen Grenze – drei Tage durch den Busch, vom Schneeberg bis ins Kirnitzschtal.

Kameramann Götz Walter
Lässt sich einfach nicht ablenken: Kameramann Götz Walter… (Foto: Hartmut Landgraf)
Tontechniker Jockel
Auch nicht gerade mit leichtem Gepäck unterwegs: Tontechniker Jörg Bobe, kurz „Jockel“. (Foto: Hartmut Landgraf)

Doch ich muss mich zunächst mal ans Medium Fernsehen gewöhnen. Der mächtigen Aura von Götz Walters Kamera standhalten. Akzeptieren, dass Tontechniker Jörg Bobe (Jockel) in Gestalt eines daumengroßen Mikrofon-Avatars drei Tage in meiner Brusttasche sitzen wird – sogar, wenn ich seitwärts ins Gebüsch muss. Und mit Gleichmut ertragen, dass sich Orientierungsverhalten und Lauftempo eines Drehteams nicht unbedingt mit denen einer herkömmlichen Wandergruppe decken. Es gibt jede Menge Vor und Zurück, weil von einer Szene verschiedene Einstellungen gedreht werden müssen. Oder Stop-and-Go, wenn Götz seine Kameraposition wechselt. Trekking wie im Feierabendverkehr. „Anfangs hat mich das in den Wahnsinn getrieben“, sagt Thorsten Kutschke verständnisvoll. Zum Glück hat er Hilde mitgenommen! Eine muntere, dreijährige Shiba-Inu-Hündin, die kraft ihrer Leine unterwegs für allerlei spannende Verwicklungen sorgt. Oder uns dahin zieht, wo wir alle hinwollen.

Programmtipp:

BIWAK – Winterabenteuer im Elbsandstein, Teil 2

  1. Februar, 21.15 Uhr im MDR-Fernsehen

Mehr Infos beim MDR oder auf der BIWAK-Fanpage bei Facebook.

Tag 1 – Der Kopf kommt zur Ruhe

Mittwoch, 27. Januar, kurz vor Mittag – Start auf dem Hohen Schneeberg. Das Land unter uns erstreckt sich in großartiger Tristesse bis zum blassblauen Horizont. Eine Fjälllandschaft mitten im böhmischen Grenzgebiet… Wenn die Augen nichts zum Festhalten finden, sucht der Kopf nach den unmöglichsten Vergleichen. Aber das hört irgendwann auf, sobald man nur lange genug gewandert ist. Der Kopf kommt zur Ruhe, die Gedanken werden still. 38 Kilometer liegen zwischen uns und dem Ziel. Ohne Gepäck wäre das an einem Tag zu schaffen. Aber wir wollen ja keine Rekorde brechen, sondern eine Geschichte daraus machen. Was erlebt man beim Trekking? Wie erlebt man es? Wie fühlt sich das an, im Elbsandsteingebirge mehr als einen Tag „unterwegs“ zu sein?

Am Grenzübergang
Bloß gut, dass es die blaue Markierung gab. Sonst wären wir zwischen dem zweiten und vierten Schild vielleicht falsch abgebogen. (Foto: Holger Lieberenz)
Wie zwei Freunde - Hündin Hilde und Thorsten
Unzertrennlich – Hilde und Thorsten. (Foto: Hartmut Landgraf)

Schon sehr bald wird klar – es hat Längen! Schnurgerade Forstwege, links Lärchen, rechts Kiefern – und alles in lupenreiner Monokultur. An der Grenze mitten im Wald plötzlich eine Ansammlung von Verkehrsschildern. Aha: In unserer „Wildnis“ ist Autofahren verboten. Wir sind eben doch nicht in Schweden, sondern in Mitteleuropa. Thorsten findet für die Etappe vom Schneeberg zur Grenze die treffenden Worte: „Das ist vielleicht nicht das schönste Stück der Böhmischen Schweiz, aber bestimmt das einsamste.“ Unser Tagesziel ist die neue Trekkinghütte „Willys Ruh“ in den Wäldern am Taubenteich, eine ehemalige Jagdhütte, die der Sachsenforst im vergangenen Jahr für schwerbepackte Selbstversorger wie uns hergerichtet und eröffnet hat. Der Tag findet dort im Dunstkreis eines uralten Kachelofens bei Käse, Brot und Bier ein ganz akzeptables Ende.

Waldhütte
Unser erstes Nachtlager: die Trekkinghütte Willys Ruh in den Wäldern am Taubenteich. (Foto: Hartmut Landgraf)
Abend in der Hütte
Der Abend in der Trekkinghütte. Ein warmer Ofen, Kerzenlicht, böhmisches Bier…. Was will man mehr? (Foto: Hartmut Landgraf)

Tag 2 – Unterwegs im Nirgendwo

Donnerstagmorgen, 8.30 Uhr – Hilde drängt zum Aufbruch. Wir haben den größten Teil der Tour noch vor uns – doch wie es aussieht, lässt uns das Wetter heute vollends im Stich. Am Taubenteich regnet es Bindfäden vom Himmel, Thorsten und ich sitzen ihn aus – in einer Schutzhütte am Ufer. Bis zur Bussardboofe auf der anderen Elbseite sind es 20 Kilometer, im strömenden Regen wären wir binnen Minuten völlig durchgeweicht. Thorsten macht sich langsam um seine Story Gedanken. Was soll das bloß für eine Geschichte werden? Das Gelände hat seit dem Schneeberg kaum noch Höhen und Tiefen. Ein Hardcorespaziergang durch den nassen, sächsischen Fichtenforst – nach Biwak-Abenteuern auf Island oder in Tadschikistan? Schweigend kochen wir uns unter dem Dach der inkontinenten Schutzhütte einen Kaffee und blicken bedröppelt nach draußen. „Jetzt ist der Punkt erreicht, wo ich zum ersten Mal ein bisschen die Lust verliere“, gesteht mein Wandergefährte – und mir geht es nicht anders. Zwei begossene Pudel und eine Shiba-Inu-Hündin an einem Teich mitten im Nirgendwo… Das gab´s bei BIWAK noch nie.

Thorsten und Hilde im Regen
Hundewetter am Taubenteich. Wir haben die unfreiwillige Pause sinnvoll genutzt – mit Kaffeekochen. (Foto: Hartmut Landgraf)
Taubenteich
Eigentlich ist BIWAK eine Bergsportsendung, das sei hier nochmal ausdrücklich gesagt…  (Foto: Holger Lieberenz)

Aber vielleicht müssen wir die Sache nur aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Denn eigentlich erzählt das doch eine sehr ehrliche Geschichte übers Trekking! Man nimmt den Weg wie er kommt, mit all seinen Längen, Enttäuschungen und Strapazen – und geht ihn trotzdem bis zu Ende. Darin steckt etwas geradezu Metaphorisches: Der Treck wird zum Sinnbild des Lebens. Wer irgendwo ankommen will, muss sich der Reise bedingungslos hingeben. Das fällt manchmal verteufelt schwer! Nicht umsonst haben alle Religionen ihre Pilgerrouten. Im Elbsandstein sind am Ende die Felsen der Lohn dafür. Und die haben wir ja gottseidank noch vor uns. Zur Mittagszeit gönnt uns die Sonne auf dem Großen Zschirnstein schon ein paar herrliche Lichtblicke ins Böhmische Mittelgebirge – später am Zirkelstein zeigt sie sich sogar mal in ihrer ganzen Pracht. Thorstens Laune und meine hellt sich ebenfalls auf. Am Nachmittag überqueren wir bei Schmilka die Elbe und begegnen endlich mal wieder einem Menschen: dem Fährmann. Vorläufiges Fazit: Der linkselbische Teil der Tour ist ein eher stilles Erlebnis und bei Weitem nicht so spektakulär wie der Schrammsteingratweg – aber dafür hat man ihn für sich allein. Einsamkeit pur. Auch ohne Schweden.

Auf dem Großen Zschirnstein
Blick zurück vom Großen Zschirnstein. Am Horizont grüßt der Hohe Schneeberg. Von dort sind wir gekommen. (Foto: Hartmut Landgraf)
Am Zirkelstein
Endlich kommt mal die Sonne raus – und wir haben die linke Elbseite schon fast hinter uns. Kurzer Stopp am Zirkelstein. (Foto: Holger Lieberenz)

Kurzer Zwischenstopp auf dem Parkplatz in Schmilka. Lagebesprechung. Bevor das Licht weg ist, müssen wir unseren Schlafplatz oben in den Felsen beziehen. Vorher gibt es dort noch einiges zu filmen. Spätestens an der Heiligen Stiege mache ich einen gedanklichen Kotau vor der mitwandernden Produktionsmannschaft. Unser Tonmann Jockel schleppt seit Stunden ein briefkastengroßes Tonspurengerät vorm Bauch – Götz Walter schultert seine bleischwere Kamera mit der Gelassenheit eines Jaina-Mönchs. Vielleicht, weil die beiden wissen, was nach dem Drehschluss unten im Dorf auf sie wartet: eine Nacht im Vier-Sterne-Hotel mit allen Annehmlichkeiten – von der Dusche bis zum fassfrischen Schlaftrunk. Thorsten, MDR-Redakteur Holger Lieberenz und ich bleiben draußen unterm Felsdach der Bussardboofe – bei Trockenbrot und Dosen-Chili. Aber wir haben die besseren Sterne.

Abend im Heringsgrund
Abendstimmung im Heringsgrund. (Foto: Holger Lieberenz)
Morgen im Heringsgrund
… und der Morgen danach! (Foto: Hartmut Landgraf)
Thorsten im Schlafsack
Sich draußen von der Morgensonne wecken zu lassen, ist wohl das schönste Naturerlebnis. (Foto: Holger Lieberenz)

Tag 3 – Elbsandsteintrekking lohnt sich

Freitagvormittag, 10 Uhr – erste Fotopause am Aussichtspunkt oberhalb der Fluchtwand. Der Rucksack beginnt jetzt spürbar zu drücken. Ich bin wie gerädert, habe schlecht geschlafen. Der Mond hat Götz Walters Aufgabe übernommen und mir die ganze Nacht ins Gesicht geschaut. Außerdem scheint das Chili irgendwo in meiner inneren Mitte Urlaub zu machen. Wenigstens lässt uns das Wetter seine bisherige Miesepeterigkeit vergessen und zeigt sich auf der letzten Etappe zur Buschmühle ausnahmsweise mal von der besseren Seite. Die Morgensonne taucht den Felsüberhang, unter dem wir geschlafen haben, in leuchtendes, warmes Gold – bis wir an der Fluchtwand sind, haben Hochnebelfelder das Elbtal mit blassem Dunst überzogen. Eine Landschaft wie hinter Milchglas. Zugleich licht – und doch voller Wehmut. Ganz in der Ferne die Silhouette der beiden Zschirnsteine. Von dort sind wir gestern gekommen. Es ist ein Anblick, der uns für all unsere Anstrengungen entschädigt, der Höhepunkt unserer Tour. In diesem Augenblick weiß ich, wo meine Geschichte enden wird: genau hier! Drei Tage Elbsandstein – drei Tage Dreck an den Hosenbeinen, wunde Schultern, Regen, Kälte, Einöde. Eine Tour auf Regieanweisung, mit vielen Unterbrechungen. Doch es gab auch Augenblicke, in denen die Sonne zum Vorschein kam. Die klangvolle Stille. Den weiten Horizont. Die unermüdliche Hilde! Es gab „viel Schönes“, wie Thorsten sagt. Wir zwei sind ein gutes Team geworden. Mal haben wir geredet, mal geschwiegen – es hat gepasst. Wir können mit zufriedenem Herzen heimkehren. Elbsandsteintrekking lohnt sich. Ich habe einen neuen Eindruck von unseren Heimatbergen gewonnen. Und vielleicht einen Freund.

Hochnebel und Kamerateam
Trotz Hochnebel – Das Wetter gönnt uns einen traumhaften Blick übers Elbtal…. und der muss natürlich auch gefilmt werden. (Foto: Holger Lieberenz)

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