Was Google nicht findet

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Kartograf bei der Arbeit - Rolf Böhm
Hier entsteht was Neues: Im ersten Halbjahr 2017 bringt Rolf Böhm eine Wanderkarte für den Raum Balzhütte und Umgebung (Böhmische Schweiz) auf den Markt. Bis sie fertig ist, wird der Bad Schandauer Kartograf bis zu 1.000 Stunden Arbeit in die Druckvorlage investiert haben. (Foto: Hartmut Landgraf)

Rolf Böhm zeichnet die mit Abstand genauesten Wanderkarten der Sächsischen Schweiz. Weil er Wege nicht bloß als Linien im zweidimensionalen Raum begreift – sondern als Zugang zur Natur.

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Die große weite Welt von Google Maps hat Grenzen – und eine verläuft entlang der Zeughausstraße mitten durch die Sächsische Schweiz. Nach links hinauf in die Bärenfangwände führt im Universum des amerikanischen Online-Kartendienstes bloß noch ein namenloser grauer Strich, schnurgerade wie ein Lineal und seinem Vorbild kaum ähnlich. In der realen Welt taucht hier ein Weg in den Nadelwald, steigt durch eine schmale Schlucht bergan, um sich wenige Hundert Meter weiter oben zu gabeln und alsbald mit sanftem Schwung um die Bärfangwarte herum in einen Felsenkessel zu verirren, aus dem nach Westen hin ein steiler Pfad und ein paar Stufen aufs Riff hinaus führen. Das ist die Welt, in der selbst kleinste Pfade Namen haben, das Gebiet um die Raubsteinschlüchte zwischen Großem und Kleinem Zschand. Die Welt, wie Rolf Böhm sie sieht – im Maßstab 1:10.000.

Wege sind für den Bad Schandauer Kartografen nicht einfach bloß irgendwelche Linien und Koordinaten im zweidimensionalen Raum. Sie bedeuten etwas, haben eine Geschichte und einen Charakter – ja sogar eine Seele, als wären sie lebendig. Fast haben sie etwas Magisches: Wege sind unsere ureigenen Spuren in der Welt, Zeugnisse unserer Reise durchs Leben. Sie können noch in Jahrhunderten davon erzählen, woher wir einst kamen und wohin wir gegangen sind. Sie verschaffen uns Zugang zu allem – auch zur Natur.

Wie Relikte aus der Zeit der großen Entdeckungen

Screenshot Google Maps Wintersteingebiet
So sieht der amerikanische Online-Kartendienst Google Maps das Gebiet ums Hintere Raubschloss und die Raubsteinschlüchte. Zum Vergrößern klicken! (Screenshot Google Maps)
Kartenausschnitt Kleiner Zschand
… und so sieht das bei Rolf Böhm aus. Zum Vergrößern klicken! (Quelle: Kartografischer Verlag Böhm, Bad Schandau, Kleiner Zschand)

Mit Rolf Böhm kann man über solche Dinge reden. Mit Google nicht. Über seinen Zeichentisch gebeugt – die Nase fast auf die Tischplatte gedrückt – schafft Böhm mit hauchdünner Feder, Tusche und der inneren Gelassenheit eines Zenmeisters in monatelanger Arbeit ein detailgenaues Abbild der Landschaft. Bevor er sie aber zu zeichnen beginnt, hat er sie durchwandert und alles, was von irgendeiner Wichtigkeit sein könnte, in seinen Feldbüchern notiert:  Stufen, Felsen, Rastplätze, kleine Wasserläufe… Und während er sie mit den Füßen entdeckt, formt sich die Landschaft in seinem Kopf zu einem Bild, in das seine Empfindungen mit einfließen: Eine Wanderkarte ist für Rolf Böhm so etwas wie ein Gedicht – etwas, das von innen kommt. Dienste wie Google Maps hingegen sind für ihn Maschinen, die man darauf programmiert hat, Gedichte zu schreiben.

Pfad in den Bärenfangwänden
Auch kleinste Pfade, wie dieser in den Bärenfangwänden, sind in den Böhm-Wanderkarten verzeichnet. Hier muss man aufpassen, wenn man keinen Ärger riskieren will: In der Kernzone des Nationalparks Sächsische Schweiz sind nur markierte Wege zulässig, alle anderen gelten als tabu. In diesem Fall handelt es sich aber um einen offiziell zugelassenen Zugang zu einer Aussicht gegenüber vom Hinteren Raubschloss. (Foto: Hartmut Landgraf)
Rolf Böhm in seinen Verlagsräumen
Er ist so etwas wie der Mittelpunkt in Rolf Böhms Arbeitsleben: sein Kartenspind. (Foto: Hartmut Landgraf)

Vielleicht schwingt darin auch ein bisschen Wehmut mit. Die Zeit der säuberlich zusammengefalteten Karte scheint abgelaufen. Smartphone und GPS-Gerät haben den Wanderrucksack erobert, unter dem Einfluss des Internets erlebt die Kartografie einen nie dagewesenen Umbruch – und Verleger von Druckerzeugnissen, wie Rolf Böhm, müssen zusehen, wo sie bleiben. „Manchmal wundere ich mich, dass ich überhaupt noch Wanderkarten verkaufe“, sagt er. Doch Ästhetik ist eine Nische, zu der die Informationswelle noch keinen Zugang gefunden hat. Selbst der außerordentlich detailreiche Open-Source-Kartendienst OpenStreetMap hat dem Geschäft des kleinen Schandauer Verlags bislang nicht geschadet. Böhm sieht dafür zwei Gründe: Kein Smartphone-Display sei groß genug, um Bezüge in der Landschaft so darzustellen, wie es eine Wanderkarte kann. „Man kann scrollen so viel man will – es fehlt der Überblick.“ Noch wichtiger: Böhm sieht den Informationsgehalt seiner Karten gar nicht als entscheidendes Kaufkriterium an. An erster Stelle kommt, dass handgezeichnete Karten beim Kunden Vertrauen erwecken – wie Relikte aus der guten alten Zeit, als die Welt noch voller Rätsel und Abenteuer war und Entdecker vom Schlag eines Alexander von Humboldt über Meere segelten, statt inkognito durchs Internet zu surfen.

Manche fürchten Böhms Genauigkeit

Das Handwerkszeug braucht Pflege
Zum Handwerk eines Kartografen…
Böhm putzt Tinte von einer Feder
… gehört viel Fingerspitzengefühl…
Einfachste Werkzeuge
… und Genauigkeit vom ersten Strich an.
Doppelreißfeder
Die sogenannte Doppelreißfeder ist ein nützliches Hilfsmittel, um Straßen zu zeichnen. (4 Fotos: Hartmut Landgraf)

Eben deshalb sind Böhms Karten Kult in der Szene – weil sie sich nicht anpassen, weder in stilistischer noch juristischer Hinsicht. Es sind die mit Abstand genauesten Wanderkarten der Sächsischen Schweiz. Anders gesagt: Man findet mit ihnen auch verbotene Wege im Elbsandsteingebirge, die aus Naturschutzgründen nicht mehr begangen werden sollen und aus anderen Karten längst getilgt wurden. Ortsunkundige kann das vor gewisse Herausforderungen stellen – Insider hingegen wissen genau, wo sie lang laufen dürfen und wo nicht. Wanderer sind in Rolf Böhms Augen aber keine Problemmacher, sondern Leute, die ungern mit Widerständen herumkämpfen, sondern lieber unbescholten und sorgenfrei in stiller Naturverliebtheit ihrer Wege gehen wollen – mit Bemme und Dackel. Wohin auch immer. Dass er diese Sicht der Welt mal mit schelmischer, mal mit sturer Genauigkeit in seine Karten zeichnet, ist bekannt – und bei manchen Naturschützern gefürchtet. Der Bad Schandauer schert sich auch sonst nicht viel um den Zeitgeist. Wenn´s ihn rappelt, macht er sich morgens um sieben in Baumwollhemd, Jeans und Sandalen auf eine Fünfzig-Kilometer-Tour – so als würde er nur mal eben zum Bäcker spazieren wollen. Wolfstatzen und Fuchsköpfe wird man an seiner Wanderkluft vergeblich suchen.

Auch bei seinem neuesten Projekt bleibt er sich treu: Für eine Wanderkarte von der Gegend um die Balzhütte (Böhmische Schweiz), war er ganze 35 Tage draußen im Gelände unterwegs, hat vermessen, Skizzen angefertigt, seine Eindrücke und Beobachtungen notiert. Inzwischen läuft Phase zwei: die Arbeit am Zeichentisch. Doch bis das Werk fertig ist, vergehen noch viele Monate – erst 2017 soll die neue Karte in die Läden kommen. Der Aufwand, den er dafür betreibt, sprengt jede Vorstellungskraft – bis zu 1.000 Arbeitsstunden steckt Böhm in die Vorlage, bevor sie in Druck geht. Nur alle drei Jahre leistet er sich einen solchen Wurf, sonst hat er genug damit zu tun, seine 22 Titel auf aktuellem Stand zu halten.

Der Traum: Eine Gegend, die in keiner Wanderkarte auftaucht

Rolf Böhms Federmappe
Bei Rolf Böhm ist der Begriff „Federmappe“ im Wortsinne zutreffend. (Foto: Hartmut Landgraf)

Manchmal schaut Rolf Böhm ein bisschen sehnsüchtig über die Grenzen seiner kleinen Elbsandstein-Welt hinüber in die von Google Maps. Vor Jahren hat er mal eine Karte vom Pamirgebirge für eine Leipziger Berg-Expedition gezeichnet – solche Aufträge sind aber die Ausnahme, Böhms kartografisches Reich endet nördlich von Sebnitz. Dort zwischen Unger und Schwarzbachtal kennt der Bad Schandauer eine Gegend, die ihn fasziniert, von der er aber wohl niemals eine Wanderkarte zeichnen wird, weil sich kaum jemand dorthin verirrt. Seit Jahrzehnten wurde das Gebiet nicht mehr kartiert. Böhm war im Winter dort mal wandern, einfach zum Vergnügen. Ein stilles und weites Land, einsam und voller Melancholie. Von ganz hinten kamen Reiter über die Felder, umhüllt von kaltem Dunst. Ohne Gruß preschten sie vorüber und waren schnell wie ein Spuk wieder verschwunden. Zurück blieb eine Wolke aus Schnee. Wie udmurtische Hirten auf ihrem Ritt durch die Steppe, sagt Böhm. „Das ist eine Landschaft, die eine Seele hat.“ Auch Google hat die Gegend auf dem Schirm, so wie alles andere, sieht davon aber nur den Umriss: Haupt- und Nebenstraßen und ein Geflecht aus namenlosen grauen Wegen – die äußere Form. Eine Welt aus Koordinaten. Ohne Reiter – und ohne Geschichte.

Kartographischer Verlag Böhm| 01814 Bad Schandau | Niederweg 5 >>> Hier geht´s zur Homepage

Unsere Wander-Serie geht weiter!

Bereits erschienen sind:

Teil 1 – Wild und Wanderbar | Gewaltige Tafelberge, märchenhafte Schluchten, wilde Natur. Mitten in Deutschland. Für viele Outdoorfreunde ist die Sächsische Schweiz noch eine Entdeckung. >>> Zum Beitrag

Teil 2 – Die Welt zu Füßen | Rund die Hälfte aller Deutschen geht gelegentlich oder regelmäßig wandern. Doch wo kommt dieser Drang zum Loslaufen eigentlich her? >>> Zum Beitrag

Teil 3 – Wunder der Klamm | Das Polenztal ist der Inbegriff des Elbsandsteinfrühlings. Die Natur hier gehört zum Wertvollsten, was die Sächsische Schweiz zu bieten hat. Trotzdem spielt sie verkehrte Welt. Und manches können selbst Experten nicht erklären. >>> Zum Beitrag

3 Kommentare zu Was Google nicht findet

  1. Das ist mir aus dem Herzen gesprochen. Die Schönheit des Sandsteines und die Ästhetik der „Böhmkarte“ sind ein gesamtheitliches Erlebnis. Und verzweifelte Smartphon- und Internetzkartenwanderer habe ich auch schon getroffen. Da ist dann meine 1:10000 Karte ein Schatz in der Not gewesen.

  2. Die besten Karten die es gibt für unseren Landkreis. Allein die Tatsache, dass sie zum Großteil 1:10.000 die Gegend abbilden, macht sie schon unersetzlich. Dazu ist es immer wieder bei der Rast in den Schänken ein Spaß für alle, das versteckte kleine Wandermädchen zu suchen. Allein schon deswegen führe ich immer mehrere Karten für die Suche bei eine „Limo“ in Buschmühle & Co. mit. Wenn Rolf Böhm jetzt noch für die Verrückten unter uns die Karte zur Eintagsfliege auflegt….

  3. Bin ein großer Fan des Elbsandsteingebirges und deshalb interessierter Verfolger Eurer Beiträge, danke für die Tipps und Berichte.

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