Die Philosophie des Wanderns

Geh deinen Weg: Die grosse Wanderserie auf Sandsteinblogger.de

Wanderer, die in ein Buch hineinlaufen
Die großen Sinnfragen des Lebens - beim Wandern werden sie überflüssig. Man kommt aus dem Gedankenkreislauf heraus und bei sich selbst an. (Fotomontage: Hartmut Landgraf)

Ist Wandern eine Form von Meditation? Sehen wir eine andere Landschaft, wenn wir zu Fuß unterwegs sind? Und wieso ist ein Navi schlecht für unser Selbstbewusstsein? Auf manches wissen vielleicht nur Philosophen eine Antwort. Der Sandsteinblogger hat einen gefragt – Gerhard Fitzthum.

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SANDSTEINBLOGGER.DE ist Medienpartner des Deutschen Wandertags 2016.

Herr Fitzthum, beim Wandern setzt man einen Fuß vor den anderen. Inwiefern berührt das die großen Fragen, mit denen sich Philosophen beschäftigen?

Gehen und Philosophieren haben mindestens dies gemein – dass sie keine Antworten geben. Philosophie stellt, wenn sie gut ist, vermeintliche Wahrheiten infrage, sie demontiert unseren übermäßigen Anspruch alles verstehen und kontrollieren zu wollen. Das Wandern geht in dieselbe Richtung.  Statt die in unserer Kultur omnipräsente Sinnfrage zu beantworten, zeigt es deren Un-Sinn. Auf einer Wanderung entsteht eine sinnlich-sinnenhafte Beziehung zur Außenwelt, bei der, wie Nietzsche sagen würde, auch die Muskeln ein Fest feiern, eine Beziehung, die der Geist nicht zu stiften vermag. In seiner abendländischen Spielart sucht dieser Herrschaft, Aneignung, Zugriff, das Gehen führt hingegen aus dieser Selbstbespiegelung hinaus. Es ist die beste Übung im Seinlassen, die ich in der westlichen Welt kenne. Man kann es auch anders sagen: Per pedes unterwegs zu sein ist die der abendländischen Kultur einzig angemessene Form der Meditation.

Gerhard Fitzthum Portrait
(Foto: privat)

Dr. Gerhard Fitzthum beschäftigt sich unter philosophischen Gesichtspunkten mit dem Thema Wandern und Naturbegegnung. Der promovierte Geisteswissenschaftler arbeitet als Reisejournalist für verschiedene Zeitungen – u.a. für die ZEIT und die Frankfurter Allgemeine. Reisen heißt für ihn: zu Fuß gehen. Die Kunst der Langsamkeit vermittelt er auch als Wanderführer. Zur Homepage >>> www.tcen.de

Wie ist das bei Ihnen – schalten Sie beim Wandern den Kopf eher aus oder an?

Man schaltet den Kopf nicht aus, diese Formulierung suggeriert Steuerung und Kontrolle. ES schaltet sich aus, das rationale ich-bezogene Denken verblasst, ohne dass ich eine entsprechende Entscheidung treffe, dafür einen Befehl gebe, meinen Willen in Anspruch nehmen muss. Ich ziehe los mit der Absicht, mir eine Gegend zu erschließen, sie für mich zu erobern. Doch unterwegs kehrt sich langsam aber sicher die Vereinnahmungsrichtung um. ICH bin es, der von der durchschrittenen Landschaft vereinnahmt, gleichsam aus der Rolle gebracht wird. Der Akt des Gehens zeichnet sich durch eine beispiellose Fülle von Wahrnehmungen aus; wir sehen nicht nur die Landschaft, sondern registrieren auch unterhalb der Bewusstseinsoberfläche die sich permanent verändernden Gelenkstellungen, den Boden, den unsere Füße abfedern, die Luft, die unsere Lungenflügel weitet. Dieses den ganzen Körper betreffende Geschehen lässt sich nicht mehr verstehen und ordnen, er überfließt das Bewusstsein, annulliert das den Alltag bestimmende Zeitgefühl. Deshalb hat man schon am zweiten Tag einer Wanderreise das Gefühl, seit Wochen unterwegs zu sein. Es hat sich weit mehr ereignet, als unsere verstandesgesteuerte Wahrnehmung zu fassen vermag.

„In Fahrmaschinen oder vor Bildschirmen sitzend kommen wir der Welt abhanden, sind nicht mehr geerdet, unser Leib gehört in gewisser Weise nicht mehr dem Raum an, in dem er sich aufhält.“

Gerhard Fitzthum

Studien zufolge geht fast jeder zweite Deutsche mehr oder weniger regelmäßig wandern. Ist das nicht eine erstaunlich hohe Zahl?

Es ist nun mal das Natürlichste von der Welt. Schon damals, als es zum Ausschreiten noch keine Alternative gab, aber auch und gerade heute, in einer Zeit, in der wir durch Technik von den Beinen geholt sind und ein bewegungsarmes Leben führen müssen. Warum uns das als ungewöhnlicher Boom, als verblüffender Trend erscheint, ist klar: Weil das Wandern fast eine Generation lang als vorsintflutlich, wenn nicht gar reaktionär galt. Nicht nur bei den Technokraten und Fortschrittsfanatikern,  sondern auch in den ideologiekritisch geschulten Kreisen der 68er-Bewegung. Das frei­zeitmäßige Nut­zen von Feld-, Wald- und Wiesenwegen erschien hier nicht nur als ver­altet und langweilig, sondern auch als politisch fragwürdig: Kniebund­hosen und ka­rier­te Wanderhemden firmierten als Zeichen dumpfer Heimatsucht und die tra­ditionellen Filzhüte als Tarnkappen eines falschen Bewusstseins, das noch im Sumpf nationalsozialistischen Gedankenguts steckte. Um nicht mit den Kniebundhosenspießern der Wander- und Alpenvereine verwechselt zu werden, mied man sys­tematisch den deut­schen Sprach­raum, reiste in die Ferne und nannte sein Tun „Trek­king“. Trek­king aber war und ist nichts anderes als Wan­dern – Wandern mit hohem An­rei­se­aufwand und Expeditionsflair.

Wolfsschlucht im Morgenlicht
Beim Wandern kommen einem manchmal überraschende Einsichten: Der Weg ins Licht muss nicht immer nach oben führen. (Foto: Hartmut Landgraf)

In einer Ihrer Schriften bezeichnen Sie unsere moderne Lebensweise als ein „Zeitalter der Mühelosigkeit“. Wie passt unsere bequeme Lebensweise zur offensichtlichen Lust an einer ja doch etwas beschwerlichen Form der Fortbewegung?

Die Mühelosigkeit ist auch eine Berührungslosigkeit!  In Fahrmaschinen oder vor Bildschirmen sitzend kommen wir der Welt abhanden, sind nicht mehr geerdet, unser Leib gehört in gewisser Weise nicht mehr dem Raum an, in dem er sich aufhält. Mit der unaufhaltsamen Karriere der Navis sind wir jetzt am vorläufigen Höhepunkt angekommen: Wie soll jemand, der nicht mehr weiß, wo er ist, sich in seiner Haut wohlfühlen? Mangel an Raumerfahrung und Bodenhaftung gebiert Verunsicherung, gebiert Angst. Nie waren die Menschen in der westlichen Wohlstandszivilisation sicherer vor Bedrohungen – und nie hatten sie vor soviel Angst vor allem möglichen: vor Zecken und Fuchsbandwürmern, vor falschen Nahrungsmitteln und krebsbringenden Sonnenstrahlen. Das soll nichts zu tun haben mit der gegenwärtigen Natur- und Leibentfremdung? Mit dem Verlust jenes Weltvertrauens, das die selbstbewusste Fortbewegung per Muskelkraft immer schon verschafft?

Was unterscheidet die Welt, die wir durchwandern von jener, die wir aus dem Auto- oder Zugfenster erleben?

Vom Zug- oder Autofenster aus betrachtet verwischen die Vordergründe. Starrt man trotzdem auf den Randstreifen oder die vorbeihuschenden Strommasten, wird einem schlecht. Kein Wunder, dass der Blick auf Horizonte und Hintergründe eingestellt wird. Die belebte Welt verkommt so zu einer Art Theaterkulisse, die draußen mitgezogen wird, bekommt den Realitätsgehalt eines Films – was bestens zum gegenwärtigen Primat des Virtuellen passt: Für rundum multimedial sozialisierte Menschen gilt inzwischen nur noch als real, was wenigstens verfilmt wurde. Zu gehen heißt hingegen, seine angemaßte weltliche Immunität aufzuheben, das künstliche Abgetrenntsein vom Umgebungsraum zu überwinden. Der unmittelbare Kontakt mit Boden und Wegrand macht den Leib wieder zum Teil jener Welt, durch die er sich bewegt.

Spinnennetz mit Tautropfen
Eine Welt voller Wunder – man muss sie nur anschauen. (Foto: Hartmut Landgraf)

Reiseanbieter, Tourismusregionen und Naturschutzbehörden lenken und inszenieren unsere Wege in die Natur. Steht das nicht im Widerspruch zu dem, was wir beim Wandern eigentlich erleben wollen?

In gewisser Weise ja! Was soll man aber tun? Die traditionellen Wege sind zerstört, achtlos überbaut worden – innerhalb jener wenigen Jahren, in der man dachte, dass die menschlichste aller Fortbewegungsarten ein Auslaufmodell wäre – in der Phase des Wirtschaftswunders und des Fortschrittsglaubens also. Was heute – wieder – angeboten wird, sind Kunstprodukte ohne Anbindung an die Mobilitätslogik früherer Jahrhunderte, zertifizierte „Premiumwege“, eigens geschaffene Reservate für den Fußgänger. Am Schlimmsten sind die, die sich heute der größten Beliebtheit erfreuen: Rundwege, die nicht einmal den Sinn haben, irgendwo anders zu landen, als man losging. Um ein paar Kilometer auf angenehmen Wegen durch schöne Landschaften zu gehen, fährt man vorher und nachher ein Vielfaches mit dem Auto – Wandern als Sonderform des Motorsports!

Karikatur einer Wanderin
Wer zu Fuß geht, sieht sich selbst mit anderen Augen. Selbstportrait einer Pilgerin am Jakobsweg in Spanien. (Foto: Hartmut Landgraf)

Daran führt anscheinend kein Weg vorbei…

Derartige Inszenierungen sind unter den gegebenen Umständen wohl nötig und unvermeidlich. Zuletzt bräuchte es aber einen Strategiewechsel in der Kommunal- und Landespolitik – eine Verabschiedung von Richtlinien, die auf eine ernsthafte Gleichberechtigung von Fußgängern und motorisierten Verkehrsteilnehmern zielen, die letzten noch verbliebenen Wege nach menschlichem Maß kategorisch unter Schutz stellen und hier und da vielleicht sogar einen Rückbau fordern. Ein Inventar historischer Verkehrswege, das diese vor leichtfertigen Überbauungen bewahrt, gibt es bislang nur in der Schweiz. Trotzdem handelt es sich bei der derzeitigen Vermarktung von Wanderwegen um einen ersten Schritt in die richtige Richtung: Der wichtigste Effekt der seit Jahren grassierenden Gütesiegelmanie ist nun mal, dass das Selbstbewusstsein des Wanderers spürbar gestiegen ist. Er begnügt sich nicht länger mit dem, was nach den Materialschlachten für den Radwegebau und den Straßenverkehr für ihn übrigbleibt, beginnt Wege nach menschlichem Maß einzufordern, Wege, die weder in ihrem Format auf Autos zugeschnitten sind, noch der technischen Zivilisation allzu nahe kommen. Was leider fehlt ist eine Lobby, die die Interessen des Fußgängers so verteidigt, wie der ADAC für die Belange der Autofahrer eintritt und der ADFC für die der Radler. Dass von solchen Initiativen bislang nichts zu sehen ist, liegt auch daran, dass wir das technokratische Weltbild des christlichen Abendlandes verinnerlicht haben, nach dem das Naturhafte in uns keinen Wert hat und überwunden werden muss. Die Zertifizierung von Wanderwegen ist ein fragwürdiges Geschäftsmodell – zugleich aber auch ein erstes Anzeichen für die Rehabilitierung jenes Naturwesens in uns, das nicht zufällig zwei Beine besitzt.

Unsere Wander-Serie geht weiter!

Bereits erschienen sind:

Teil 1 – Wild und Wanderbar | Gewaltige Tafelberge, märchenhafte Schluchten, wilde Natur. Mitten in Deutschland. Für viele Outdoorfreunde ist die Sächsische Schweiz noch eine Entdeckung. >>> Zum Beitrag

Teil 2 – Die Welt zu Füßen | Rund die Hälfte aller Deutschen geht gelegentlich oder regelmäßig wandern. Doch wo kommt dieser Drang zum Loslaufen eigentlich her? >>> Zum Beitrag

Teil 3 – Wunder der Klamm | Das Polenztal ist der Inbegriff des Elbsandsteinfrühlings. Die Natur hier gehört zum Wertvollsten, was die Sächsische Schweiz zu bieten hat. Trotzdem spielt sie verkehrte Welt. Und manches können selbst Experten nicht erklären. >>> Zum Beitrag

Teil 4 – Was Google nicht findet | Rolf Böhm zeichnet die mit Abstand genauesten Wanderkarten der Sächsischen Schweiz. Weil er Wege nicht bloß als Linien im zweidimensionalen Raum begreift – sondern als Zugang zur Natur. >>> Zum Beitrag

Teil 5 – Über dem Nebelmeer | Vor rund 200 Jahren entstand in der Sächsischen Schweiz ein Bild, das Kunstkennern bis heute Rätsel aufgibt – und romantisch veranlagte Menschen in der ganzen Welt begeistert. Seinen Sinn kann man in der Landschaft erfahren. Oder in sich selbst suchen. >>> Zum Beitrag

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