Der Bergsichtige

Bergsichten-Chef Frank Meutzner
Nach dem ganzen Vorbereitungsstress der letzten Monate kommt nun langsam auch Festivalsmacher Frank Meutzner in Bergsichten-Stimmung. (Foto: Hartmut Landgraf)

Frank Meutzner ist der Erfinder und Macher des Dresdner Bergfilmfestivals. Eine Geschichte über die größte Unternehmung seines Lebens, seine Gemütslage so kurz vor dem Showdown – und einen tschechischen Untertitel, der ihm den letzten Nerv raubt.

Silomer. Dieser Begriff hätte Frank Meutzner beinahe in den Wahnsinn getrieben. Beim Übersetzen der Untertitel für einen tschechischen Kletterfilm kam ihm die Vokabel in die Quere. Wie ein geheimes Losungswort stand sie in der Skriptdatei – und hielt den ganzen Prozess auf. Sie schien wichtig zu sein und ließ sich nicht einfach ignorieren. Mit solchen Dingen schlägt sich der Bergsichten-Chef auch nach zwölf Festivalsjahren noch persönlich herum. Verzweifelt und auf gut Glück stocherte und fischte er im virtuellen Informationsmeer nach einer schlüssigen Übersetzung, bis ihm schließlich bei YouTube eine tschechische Bastelanleitung für einen Gegenstand gleichen Namens ins Netz ging: für einen Kraftmesser. Das war´s. Plötzlich ergab der Film wieder einen Sinn.

Frank Meutzner im Büro
Zwischen Gebirgen aus Zetteln – Meutz in seinem Bergsichten-Basislager. (Foto: Hartmut Landgraf)

Ende Oktober – die letzten Vorbereitungen fürs 12. Dresdner Bergsichten-Festival laufen auf Hochtouren. Insgesamt vier ausländische Filme werden eigens dafür untertitelt, ein Film über die Hohe Tatra sogar komplett synchronisiert. Will Frank Meutzner Berge sehen, muss er dafür nicht weit reisen. Sie warten auf ihn, wenn er morgens in die Pantoffeln und hinüber in sein dämmriges Hinterhaus-Büro schlüpft: Berge von Arbeit in einer tristen Regallandschaft voller Aktenordner, Bücher und Kisten. Ein Faltengebirge aus Zetteln und Geschäftspapieren. Mittendrin ein fenstergroßer Flachbildschirm. Das ist seine Welt. Eine verkehrte Welt für einen Alpinisten. Eine ohne Licht und Eis. Aber sie ist das Basislager für seine größte Unternehmung: das jährliche Gipfeltreffen der Bergfilmszene in Dresden.

Zwischen Kulturevent und Campusparty

Mittendrin in diesem schöpferischen Chaos schreibt und überarbeitet „Meutz“, wie ihn seine Kumpel nennen, das Drehbuch für das beliebte Filmfest, das es ohne ihn nicht gäbe und bei dem ohne ihn nichts läuft. Immer im November verwandelt sich unter seiner Regie das Hörsaalzentrum der TU Dresden für drei Tage in ein provisorisches Multiplex-Kino, vor dessen flimmernden Leinwänden Tausende Outdoor-Freunde im Fernweh und Bergfieber schwelgen. Die Ideen dafür stammen aus Meutzners Bergsichten-Höhle. Hier schwitzt er über Konzepten und Verträgen, telefoniert mit Referenten, Ausstellern und Journalisten, sichtet Beiträge, tüftelt am Programm, trifft Absprachen mit Technikern und koordiniert den Karten-Vorverkauf. Auch im zwölften Jahr kümmert er sich noch mit Hingabe um jedes kleinste Detail – um sein Baby.

An manchen Tagen muss sich Meutz diesen Alleingang erst mal schönwitzeln. Wenn man ihn in so einer Stimmung anruft, kann es passieren, dass sich am Ende der Leitung eine knurrige Stimme mit folgenden Worten meldet: „Guten Morgen! Für Hans Kammerlander hab ich keine Karten mehr.“ Verstrubbelt wie immer, mit seinen 50 Jahren schon reichlich grau, aber gut gelaunt und gesprächig – an den Füßen ausgelatschte Puschen und in der Hand einen Kaffeepott, groß und schwer wie ein Wanderstiefel – so beobachtet der Festivalmacher Tage vor dem Auftakt den Fluss seiner E-Mail-Korrespondenz. Inzwischen ist auch die Zusatzveranstaltung mit Hans Kammerlander ausverkauft. Aber die Leute lassen nicht locker.

Meutz und sein Festival ähneln einander. Beide sind trotz ihres Erfolgs ziemlich bodenständig geblieben. Auch nach zwölf Jahren weiß man nicht, in welche Rubrik das Gipfeltreffen im Hörsaalzentrum besser passt – Kulturevent oder Campusparty. Und natürlich will ein zumeist softshell- und fleecebetuchtes Auditorium genauso angesprochen werden. Laut Veranstalter erleben im Schnitt 10.000 Zuschauer die rund drei Dutzend Filmbeiträge und Livevorträge des Festivals. Auf seine Weise ist Bergsichten trotzdem ein bisschen glamourös. Die Elite des Outdoor-Showgeschäfts gibt sich in Dresden die Klinke in die Hand. Extrembergsteiger Stefan Glowacz und Polarforscher Arved Fuchs waren schon da, die amerikanische Kletterikone Lynn Hill oder Alpinlegende Kurt Diemberger. In diesem Jahr kommen neben Hans Kammerlander auch der italienische Ausnahmealpinist Simone Moro und der Schweizer Alpin-Fotograf Thomas Senf.

Saltosprünge über dem Abgrund
Programm-Highlight bei den Bergsichten 2015: „Back to the Fjords“ – Per Salto 1000 Meter in die Tiefe. Was eine Gruppe verrückter Franzosen in Norwegen treibt. (Foto: Sebastian Montaz-Rosset Film)
Extreme Skiabfahrt
Livevortrag beim Festival 2015: „The Lost Island“ – Matthias Mayrs und Matthias Haunholders extremes Skiabenteuer am pazifischen Feuerring. (Foto: Jonas Blum)

Große und kleine Perlen

Aber Meutz zielt nicht allein nach großen Namen und Kassenschlagern. Ihn reizen ungewöhnliche Storys, das Besondere – seltene und teils noch unpolierte Perlen des Berg- und Outdoorfilms. Deshalb zieht er auch Streifen von Freaks und Amateuren ins Programm. Newcomer wie das Duo Felix Bähr/Alex Hanicke, das mit seinen Beiträgen seit einigen Jahren bei Bergsichten mitmischt und in Kletterkreisen nicht bloß für irre Kamera-Perspektiven, sondern auch für manch halsbrecherisches Abenteuer bekannt ist. Oder uralte Wonneschinken aus den Filmarchiven. Meistens geht das gut, denn Meutzner hat ein Händchen für Qualität. Er selbst hat, lange bevor es Bergsichten gab, in Dresden vor ausverkauften Rängen Vorträge über seine Bergabenteuer gehalten. Aus dieser Zeit stammen Kontakte und Erfahrungen, die er sich später zunutze machen konnte. Der Mann, der auf mehreren Himalaya-Expeditionen zu den höchsten Gipfeln der Erde dabei war, kennt den magischen Sehnsuchts-Reiz, den Fels- und Eiswände auf naturferne Stadtmenschen ausüben. Schon zu Ostzeiten hat er in seiner Geburtsstadt Freiberg erfolgreich Bergfilmtage organisiert, die ganze Kinosäle füllten. Und Meutz kennt Dresden. Nicht ohne Grund tummeln sich an der Elbe die Outdoorshops wie Bienen um den Nektar – und alle machen ihr Geschäft. „Dresden ist eine Bergsteigerstadt“, sagt Frank Meutzner. Nicht alle haben ihm das geglaubt. Vergleichbar populäre Szeneevents in Süddeutschland und Österreich erfahren weit mehr öffentliche Unterstützung und Aufmerksamkeit. Das Internationale Bergfilm-Festival am Tegernsee beispielsweise – 2015 in seinem dreizehnten Jahr – bekommt Kulturfördermittel der Bayerischen Staatsregierung und des Bezirks Oberbayern. Träger ist die Kommune Tegernsee, die zudem mit eigenem Personal an der Organisation beteiligt ist. Bergsichten hingegen ist im Grunde noch immer ein Einmann-Unternehmen mit kleinem Helferstab. Ohne private Sponsoren wäre das Dresdner Filmfest nicht machbar.

Wildwasserfahrer
Wassermusik bei den Bergsichten – Olaf Obsommer auf einem der gefährlichsten Wildwasserflüsse der Welt, dem Stikine in British Columbia. (Foto: Darin McQuoid)

Kaum noch Zeit für eigene Berg-Abenteuer

Manchmal wächst Frank Meutzner das alles über den Kopf. Sein Sohn Luis (8) geht inzwischen in die Schule. Er braucht den ganzen Papa. Meutz hat ein Leben, das nach ihm greift. Für Bergexpeditionen hat er kaum noch Zeit. Mit seinem langjährigen Traum vom Tsartse (6343 Meter) ist es auch im vierten Anlauf nichts geworden – für einen fünften Versuch fand Meutz keine Leute mehr. Fürs Frühjahr 2016 ist ein fünfwöchiges Trekking zum Makalu geplant. Meutz hat andere Projekte: Filmabende, Vorträge, Messen. Zeitweise arbeitet er selbst als Filmemacher. Doch das Festival beansprucht den größten Teil seiner Zeit. Die Familie akzeptiert es und unterstützt ihn. Trotzdem plagen ihn Gewissensbisse. An Bergsichten hängt all sein Herzblut, sein ganzer Stolz. Es ist sein Ding. Und es schlaucht.

Irgendwas müsse sich ändern, sagt Meutzner seit ein paar Jahren in schöner Regelmäßigkeit: „Mit dem Outsourcen ist es aber nicht so einfach.“ Es ist nicht so, dass er sein Baby nicht loslassen kann – doch es ist schwierig, Partner zu finden, die genauso tief in der Materie stecken und sich dem Projekt mit der gleichen Hingabe und Leidenschaft widmen können. Längst weiß der Festivalmacher: Seine Vaterrolle wird er nicht mehr los.

Doch solange die Ideen noch sprudeln, ist alles gut. Auch fürs nächste Jahr hat Frank Meutzner schon wieder welche. Ein Jubiläum steht an: Im Katastrophenjahr 1996, als am Mount Everest 15 Bergsteiger sterben, erreicht eine von der internationalen Öffentlichkeit wenig beachtete sächsische Expedition von der tibetischen Nordseite her eine Höhe von 8500 Metern. Es soll noch weitere fünf Jahre dauern, bis der erste Sachse auf dem höchsten Berg der Erde steht. Doch die erste sächsische Everest-Expedition geht auch als ein Beispiel für Fair-Play in die Geschichte des Alpinismus ein. Und Meutz wird was dazu machen.

Frank Meutzner filmt am Kangchendzönga
Unheilbar bergsichtig – Frank Meutzner bei Dreharbeiten für die Bergsportsendung BIWAK im Gebiet des Kangchendzönga. Mit seinen 8586 Metern ist der im äußersten Osten Nepals an der Grenze zu Indien gelegene „Kantsch“ der dritthöchste Berg der Erde. Die Aufnahme entstand im Jahr 2008. Acht Jahre zuvor und 100 Kilometer weiter westlich stand Meutz selbst auf dem Gipfel eines Achttausenders – auf dem 8463 Meter hohen Makalu. (Foto: Archiv Frank Meutzner)

12. Bergsichten-Festival – 13. bis 15. November 2015

Technische Universität Dresden | Hörsaalzentrum | Bergstraße 64 >>> Download Lageplan

Die Highlights:

  • Hans Kammerlander live: „Die Matterhörner der Welt“, Multivisionsshow zum Festivalsauftakt, eine Reise zu den Schönsten der Schönen – 13. November, 19.30 Uhr | Zusatzvortrag: 12. November, 20.00 Uhr
  • Thomas Senf: „Berge im Fokus“, ein fotografischer und filmischer Blick hinter die Kulissen des Profibergsteigens – 14. November, 20.30 Uhr
  • Simone Moro: „Exploration“ und „I-View“, Live-Vortrag mit Film, der den italienischen Ausnahmealpinisten im Himalaya und als begeisterten Hubschrauberpiloten zeigt. Moro wurde durch seine extremen Winterbesteigungen von 8000ern bekannt – 15. November, 20.30 Uhr
  • Peter Brunnert: „Fisch sucht Fels“, irre Klettergeschichten zwischen Ostsee und Aconcagua, die garantiert die Lachmuskeln strapazieren – 14. November, 12.30 Uhr | 15. November, 15.00 Uhr
  • Matthias Mayr und Matthias Haunholder: „Überlebt – The Lost Island“, Live-Vortrag mit Film über ein extremes Skiabenteuer am pazifischen Feuerring – 15. November, 15.00 Uhr

Das komplette Programm des 12. Bergsichten-Festivals: www.bergsichten.de/programm

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